Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

29. Juni 2012

Beerensammler

Es darf genascht werden

Die Nationale Beerensammlung der Schweiz in Riehen kultiviert fast 400 alte Beerensorten.

  1. In der nationalen Beerensammlung bei Riehen pflegt die Stiftung Pro Specie Rara fast 400 alte Beerensorten. Foto: Regine Ounas-Kräusel

  2. Unbekannte Beeren wie diese werden nach ihrer Herkunft benannt. Foto: Regine Ounas-Kräusel

RIEHEN. In einem ruhigen Wohnviertel mitten in Riehen liegt ein besonderer Garten: die Nationale Beerensammlung der Schweiz. Der Biologe Martin Frei kultiviert dort im Auftrag der Stiftung Pro Specie Rara und des Schweizer Bundesamtes für Landwirtschaft fast 400 alte Beerensorten: Erdbeeren, Him- und Brom-, Stachel- und Johannisbeeren. Im Handel gibt es die meisten davon überhaupt nicht mehr. Bis Mitte Juli öffnet Frei den Garten jeden Samstag für Besucher.

"Ich komme immer wieder ins Staunen, wie groß die Vielfalt ist. Diese Vielfalt will ich zeigen." Martin Frei ist begeistert von den kleinen, fast vergessenen Früchten. Ein Stachelbeer-Züchter aus Schaffhausen, der seinen Garten aufgeben wollte, brachte den Biologen auf die Idee, alte Beerensorten zu sammeln. Pro Specie Rara startete im Jahr 2002 einen Suchaufruf. In Obstbau- und Liebhaberzeitschriften bat die Stiftung um Ableger und Pflanzen von Sorten, die mindestens 30 Jahre alt waren. In den beiden folgenden Jahren schrieb das Bundesamt für Landwirtschaft Landwirte an.

Das Ergebnis: Martin Frei erhielt mehr als hundert Ableger und Pflanzen – und wurde zum akribischen Detektiv. Denn es bestätigte sich, dass in der Schweizer Landwirtschaft die Beeren kaum eine Rolle spielen. Sie wachsen fast ausschließlich in Privatgärten, und die Besitzer kennen oft ihren Namen nicht. Wozu auch? Für einen Konditor aus dem Schweizer Ringgenberg, der Erdbeerableger schickte, zählte vor allem, dass die kleinen Früchte mit ihrem festen roten Fleisch und der feinen Säure gut geeignet sind für seine Erdbeertörtchen. Um den Sortennamen von Pflanzen herauszufinden, studiert Martin Frei Baumschulkataloge und die wenigen Fachbücher, vergleicht die unbekannten mit Pflanzen bekannter Sorten aus seiner Sammlung und korrespondiert mit Fachleuten in mehreren europäischen Ländern. Doch oft wird er nicht fündig und benennt die Pflanzen nach dem Ort, aus dem er sie bekommen hat – wie die "Erobere aus Ringgenberg" des Konditors.

Werbung


"Es gibt viel mehr Sorten in den Gärten, als man in der Literatur kennt", hat der Biologe entdeckt. Besonders groß ist die Vielfalt bei den Erdbeeren, von deren Kulturgeschichte das Buch "Osterfee und Amazone – Vergessene Beerensorten neu entdeckt" erzählt. Bis ins 17. Jahrhundert wurden in Mitteleuropa vor allem Wald- und Moschuserdbeeren wild gesammelt oder in Klöstern angebaut. Erst nach der Entdeckung Amerikas kamen die großfruchtigen Scharlach- und die Chilierdbeeren nach Europa, aus denen in der Bretagne die erste moderne Gartenerdbeere – die Hybride Fragaria ananasia – gezüchtet wurde.

Diese Vielfalt alter Kulturpflanzen und Nutztierrassen will die Stiftung Pro Specie Rara erhalten. Dabei geht es um die Bewahrung von Kulturgut und durchaus auch um Genuss. Während moderne Beerensorten vor allem auf Transportfähigkeit und Ertrag gezüchtet sind, haben die alten oft ein unverwechselbares Aroma. "Der Geschmack unserer Schwarzen Himbeeren liegt zwischen Himbeere, Heidelbeere und Holunder." Martin Frei beschreibt die Aromen der Früchte wie das Bouquet eines guten Weins.

Doch die Beerensammlung ist auch für die Zukunft wichtig. Manche alten Beeren haben Eigenschaften, die sie als genetisches Material für Neuzüchtungen interessant machen. Die Schwarze Johannisbeere "Le Brassus" und die Schwarze Himbeere "Bristol" vertragen zum Beispiel extremen Frost. Diese Eigenschaften macht sich Martin Frei bei einem Projekt in Unterengadin im Kanton Graubünden zu Nutze. Gemeinsam mit Bauern und Gastronomen will er "Le Brassus" und "Bristol" anpflanzen, Rezepte für Liköre, Eis und andere Spezialitäten entwickeln und so die lokale Landwirtschaft und Gastronomie stärken. Moderne Johannis- und Himbeeren würden im rauen Klima des Unterengadin mit Winterfrösten bis minus 20 Grad Celsius mit heißen Sommern und wenig Regen wahrscheinlich nicht wachsen.

Jeweils zwei Pflanzen von fast 400 Beerensorten aus der Schweiz, aus Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern, pflegt Martin Frei heute in seinem Garten mit der lockeren Hecke und dem Kirschbaum in der Mitte. Neben der Stiftung Pro Specie Rara finanziert die Basler Margarethe-und-Rudolf-Gsell-Stiftung die Beerensammlung. Der Schweizer Staat finanziert die Erhaltung bestimmter Johannes- und Stachelbeeren, die die Landwirtschaft wichtig sind. Frei will seine Sammlung noch immer erweitern und freut sich über jedem Besucher, der ihm Beerenpflanzen oder Ableger bringt. Einzige Bedingung: Die Sorte muss es schon seit 30 Jahren geben. Aber auch Besucher, die sich einfach nur umschauen wollen, sind willkommen. Und ganz wichtig: Es darf genascht werden!

Nationale Beerensammlung der Schweiz, Dinkelbergstraße, Riehen. Geöffnet an den Samstagen 30. Juni und 7. Juli, jeweils 9 bis 12 Uhr.

PRO SPECIE RARA

Pro Specie Rara ist eine Schweizer Stiftung zur Erhaltung der kulturhistorischen und genetischen Vielfalt von Pflanzen und Tieren. Sie züchtet und sammelt alte Nutztierrassen und Kulturpflanzen, arbeitet mit Zuchtvereinen und Privatpersonen, mit dem Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft, mit Zoos und anderen öffentlichen Institutionen zusammen. Sie arbeitet mit der Handelskette Coop und mit Restaurants zusammen, um alte Tierrassen und Kulturpflanzen wieder zu nutzen. Sie finanziert sich über Stiftungsgelder, Gönner und Spender. Der Hauptsitz wird im Dezember von Aarau nach Basel verlegt.  

Autor: ouk

Autor: Regine Ounas-Kräusel