Die Baum- oder Stinkwanze

GESICHT DES JAHRES: Sie war überall

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 30. Dezember 2018

Südwest

Bssssssst-Plopp. Dieses Geräusch gehörte dieses Jahr zur Redaktionsarbeit im Sonntag wie das Klicken der Tastaturen und bimmelnde Telefone. Es war das Geräusch vieler missglückter Landeanflüge der neuen Kollegin, die mit ihren Artgenossen spätestens im Sommer in unseren Räumlichkeiten allgegenwärtig war. Gekannt hatten wir sie schon vorher, der eine hatte sie zu Hause auf dem Balkon entdeckt, der andere in der Küche. Da aber kante noch niemand Bezeichnungen wie "Marmorierte Baumwanze" (Halyomorpha halys) geschweige denn den gut merkbaren Namen: Stinkwanze.
Das änderte sich mit der Invasion im Sommer, infolge derer auch die Medien auf die Viecher aufmerksam wurden. Die Stink- und Baumwanzen mögen städtische Räume und breiteten sich demzufolge innerhalb Südbadens vor allem in Freiburg blitzartig aus. Passte ganz gut, Freiburg ist ja eine "Schwarmstadt", das hat irgendeine Berateragentur mal festgestellt und um die unverschämten Mieten hierzulande müssen sich die Tiere schließlich nicht kümmern.

Wie die Stinkwanze es aus Asien – da stammt sie her – nach hier geschafft hat, wunderte die frischgebackenen Insektenkundler der Sonntag-Redaktion lange – zu träge und treudoof schienen die fremden Wesen anfangs, als dass sie Gefahren trotzen könnten. Problemlos ließen sie sich aus dem Fenster schmeißen, wenn auch mit jedem Rauswurf fünf neue ins Haus kamen. Anscheinend aber legen sie pro Tier bis zu 450 Eier und die Wärme des Jahres 2018 machte gleich zwei Geburtsperioden möglich. Mangelnde Schläue und Geschwindigkeit werden durch rasante Fortpflanzung ausgeglichen, das kennt man ja nicht nur von Wanzen.

Mit dem einsetzenden Winter verschwanden die Invasoren schließlich bis auf wenige Überlebende und einige verstorbene Exemplare, die in den Fensterdichtungen begraben liegen. Aber wir machen uns keine Illusionen: Spätestens nächsten Sommer werden wir sie wieder aus Jackentaschen und Kaffeetassen fischen, sie werden uns bei unserer Arbeit über die Schulter schauen und versuchen, uns näher zu kommen. Bssssssst-Plopp. Jens Kitzler