Hier gibt’s was auf die Ohren

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 18. November 2018

Kunst

Der Sonntag 100 Jahre Hörfunk im Basler Museum Tinguely: Radiophonic Spaces.

Mit einer Ausstellung, die mehr die Ohren anspricht als die Augen, schlägt das Basler Museum Tinguely ein neues interdisziplinäres Kapitel auf. Im Zentrum steht die 100-jährige Geschichte des Radios.

"Zu sehen gibt es nicht viel", schmunzelte Tinguely-Direktor Roland Wetzel zum Auftakt, wohl wissend, dass das für ein Museum als ungewöhnlich gelten darf. Immerhin hat der türkische Künstler, Architekt und Musiker Cevdet Erek eine filigrane Raum- und Soundinstallation geschaffen, die zuerst ein leises Knistern vernehmen lässt. 13 Kabel hängen als Sendestationen von der Decke, Monitore stehen bereit und wenige Sitzgelegenheiten sind im Raum verteilt. Den wahren Grundstock der Ausstellung bilden jedoch mehr als 200 Radiowerke aus aller Welt.

Um ihnen näher zu kommen und die Verbindungen untereinander zu erkunden, brauchen Besucher eines der speziell programmierten Smartphones mit Kopfhörern, die im Eingangsbereich mit Erklärungen ausgegeben werden. Entstanden ist die Radio-Raum-Ausstellung "Radiophonic Spaces", deren Knistern übrigens nur den Grund hat, Aufmerksamkeit zu erregen, in einer Kooperation mit der Bauhaus-Universität Weimar, dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Universität Basel. Ein Ausgangspunkt war das Bauhaus selbst, das 2019 zeitgleich mit dem Medium Radio seinen 100. Geburtstag feiert.

Während das Bauhaus, eine der berühmtesten Kunstschulen der Welt, aber bereits 1933 unter den Nazis zerschlagen wurde, setzte das Radio als eines der Leitmedien des zwanzigsten Jahrhunderts zu einem beispiellosen Siegeszug an. Pauschale Widerstände hätten sich schon der politischen Wirksamkeit wegen verboten, die es für Demokraten wie Diktatoren gleichermaßen nutzbar machte. Von den Nazis abgeschafft wurde allerdings die 1928 gegründete Rundfunkversuchsstelle, die neben den technischen auch die künstlerischen Möglichkeiten des neuen Mediums untersuchte und in der Ausstellung zu neuem Leben erweckt wird.

Könnte man sich aber nur in einen der Sessel fallen lassen und 100 Jahren Radiogeschichte lauschen, bräuchte es kein Museum und keine Installation. Stattdessen ist der Hörer selbst gefragt, der durch seine Bewegungen im Raum zu einer Art Sendersuchnadel wird. "Die Besucher sollen sich in Klangräumen gebadet fühlen", erklärt Bauhausprofessorin Nathalie Singer die Idee hinter der Ausstellung. Der ganze Raum werde zu so etwas wie einem großen Radioapparat, und wer sich darin bewege, tauche gleichzeitig in verschiedene Klangräume ein, so Singer, die das Projekt gemeinsam mit der Basler Medienwissenschaftlerin Ute Holl initiiert hat.

Beim Hin- und Herwechseln zwischen den einzelnen Sendebereichen lässt sich der Weg via Smartphone speichern und Station für Station später erneut abrufen. Hat also etwas das Interesse geweckt, gilt es später nicht lange zu suchen, um es wiederzufinden. Auch mit den im Raum verteilten Monitoren kann eine Verbindung hergestellt werden. Anwählbar sind dabei Informationen zu verschiedenen Bereichen des Radios, die wiederum untereinander verknüpft sind. Aufgeteilt auf 13 Themenfelder, die die Ausstellungsmacher Narrative nennen, lässt sich das Ganze so auch als gut verlinktes Nachschlagewerk verwenden.

Die einzelnen Bereiche tragen Namen, hinter denen sich tatsächlich Geschichten vermuten lassen. Beim "Tor zum Unbewussten" kommt etwa das Geisterhafte der Radiostimme künstlerisch gestaltet zum Einsatz. In "Song/Sound/Opera" experimentieren Künstler und Künstlerinnen mit den technischen Möglichkeiten, die das Radio bietet und in "Plattengeschichten" mit denen des Speichermediums Schallplatte. Schließlich kommt in "Radio mobile" das transportable Transistorradio zu Ehren, während sich in "Ecce Homo" alles um den Menschen dreht.

Im Zentrum des Parcours stehen radiophone Anwendungsformen, die sich für Musiker, Komponisten, Dichter oder bildende Künstler wie László Moholy-Nagy, John Cage, Antonin Artaud, aber auch für Michaela Mélian oder Milo Rau ergeben haben. Zu erleben ist Zeitgenössisches, wie das "Documenta Radio 2017" und Historisches, wie das Trautonium, ein Vorläufer des Synthesizers, der 1930 an der Musiktagung "Neue Musik Berlin" erstmals öffentlich vorgestellt wurde und später unter anderem bei der Vertonung von Alfred Hitchcocks Klassiker "Die Vögel" aus dem Jahr 1962 zum Einsatz kam.

Angehängt an die Ausstellung bietet das Museum Tinguely bis in den Januar hinein Themenwochen an, die ihrerseits das Medium Radio von allen Seiten erkunden. Dabei gibt es ab Dienstag Basler Stadtgeschichten mit der Radioschule "klipp-klang" und eine Woche später ist das Schweizer Radio SRF2 Kultur live zu erleben. Es geht aber auch um Radiokunst, Radiobau, eine Hör-Bar, eine Hörexpedition in den Klangwelten des Museums und vieles mehr.
Radiophonic Spaces Museum Tinguely Basel, Paul-Sacher-Anlage 1, Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr (bis 27. Januar 2019). Infos zu Themenwochen und Rahmenprogramm: http://www.tinguely.ch