Landschaft und ihr Material

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 26. August 2018

Basel

Der Sonntag Im Baselbieter Kloster Schönthal findet die Kunst Anschluss an die Natur.

Vom Feld zum Bild. Olaf Holzapfel verarbeitet in seinen Bildern Stroh, das er webt und klebt. Wie das aussieht, ist derzeit im Kloster Schönthal zu entdecken.

Die Geschichte mit den Strohseilen klingt wie von einem jener Magazine erfunden, die das Landleben verherrlichen: Ein Berliner Künstler, der über die Dörfer jenseits der Grenze fährt auf der Suche nach Strohschnüren für seine Arbeiten.

Tatsächlich jedoch ist in Polen das Drehen dieser Schnüre keine Handwerkskunst mit langer Geschichte. Zwar gibt es diese in fast allen ländlichen Kulturen, man hat sie etwa zu Bienenkörben verarbeitet, doch Olaf Holzapfels polnische Bezugsquellen halten diese Technik eigentlich für eine sorbische Tradition.

Und dass jemand diese Schnüre zu großformatigen Bildobjekten verwebt, daran war schon mal gar nicht zu denken. Derartige Strohschnüre sind ein archaisches Material. Es braucht Kraft, sie zu drehen und auch, sie zu verweben. Olaf Holzapfel jedenfalls hat einen neuen Brauch begründet. In manchen polnischen Dörfern in der Grenzregion treffen sich nun junge Männer abends in Scheunen und drehen bei Bier und Musik aus Heu Schnüre. Mögen Ethnologen kommender Generationen über dieses Paradox forschen.

Nachdem sich der 1969 in Dresden geboren Künstler jahrelang mit dem städtischen und globalen Nomadentum befasst hat, setzt er sich nun seit Längerem mit der Landschaft und ihren Materialien auseinander. Sein documenta-Beitrag im letzten Jahr, der aus Strohbildern bestand sowie Modellen und Elementen von Fachwerkhäusern, gab darüber bereits Auskunft. Im Kloster Schönthal zeigt Olaf Holzapfel seine Werke nun in einer Umgebung, die gleichermaßen durch Landwirtschaft und Kulturgeschichte geprägt ist.

1145 wurde das Kloster, das im Kanton Baselland liegt, erstmals urkundlich erwähnt. Während der Reformation wurde es aufgehoben, mittlerweile befindet es sich in Privatbesitz. Kommt man auf das Kloster zu, sieht man bereits die Felsformationen des Schweizer Juras vor sich. Jenseits der Mauern der mittelalterlichen Klosterkirche werden in Langenbruck Rinder und Schafe gehalten und natürlich wird auch Heu gemacht. Das Material der Landschaft, sagt Olaf Holzapfel, habe keine eigene Stimme, man muss sich Zeit nehmen, mit ihm zu sprechen.

Holzapfel achtet bei den Schnüren auf die Farbwerte und greift auf verschiedene Webtechniken zurück. Eigentlich setzt er sich mit Lebensräumen auseinander, die spezielle Techniken hervorbringen, die aber auch durch die überregionale Kulturgeschichte geprägt sind.

Geht man einmal strikt vom Werk aus, wie es Olaf Holzapfel empfiehlt, so sehen diese Seile ein bisschen wie sehr dicke Paketschnüre aus. Holzapfel verwebt sie in Rahmen, die zugleich Trägerkonstruktion sind, zusammen mit seinen Assistenten. Oder er bindet sie in freistehende Wände ein, die dann ein bisschen an Fachwerk erinnern.

Die Sonne spiegelt sich im Blond des Heus

Kleine Holzmodelle auf Podesten zeugen von seiner Auseinandersetzung mit dem Fachwerk, andere Bilder verweisen darauf, dass es immer um Techniken der Konstruktion geht. So klebt und knickt Holzapfel Strohhalme verschiedener Färbung auf einen Bildträger und baut so illusionistische Landschaften und Räume. Die jeweiligen Abstände, die verschiedenfarbigen Streifen schaffen geometrische Muster, die wie zersplitterte und zerklüftete Felsen wirken. Verlässt man die Ebene der reinen Phänomenologie und lässt sich vom Titel "Lichtbilder" leiten, dann wird das Stroh zur Metapher für die Sonne, die das Wachstum anregt und die sich im Blond des Heus spiegelt. Und dies umso mehr durch die unterschiedliche plastische Wirkung der Webstücke. Dass Holzapfel sich mit Naturmaterialien wie Stroh befasst, ist nur konsequent. Er sieht in der Verbindung von Kunst und Umwelt eine besondere Qualität und benennt sie als Luxus, da viel Zeit und Erfahrung in diesen Objekten steckt und sie auch eine Quelle sind, wie sich Menschen in ihrer Umgebung einrichten.

Damit passt seine Werkschau in das Gesamtkonzept des Klosters und dem angrenzenden Skulpturenpark. Zumal sich zu Kunst und Kulturgeschichte zunehmend eine ressourcenschonende Landwirtschaft gesellt. Das Areal ist derart weitläufig und pittoresk, dass man hier einige Stunden verbringen kann.
Olaf Holzapfel Kloster Schönthal, Schönthalstraße 158, Langenbruck. Geöffnet Freitag 14 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr. Bis 4. November.