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26. September 2009
Mehrheit will nichts ändern
Umfrage mit überraschendem Ergebnis: Die meisten Deutschen hängen am gegliederten Schulsystem
STUTTGART. Die Opposition im Landtag, eine Gruppe Hauptschulrektoren und die Lehrergewerkschaft GEW fordern lautstark die Einheitsschule. Die schweigende Mehrheit denkt anders: Zwei Drittel aller Deutschen wollen das gegliederte Schulsystem behalten.
Der Streit um die richtige Schulstruktur wird unterschiedlich wahrgenommen: Die gefühlte Mehrheit will das mehrgliedrige Schulsystem zugunsten einer einheitlichen Schule sofort abschaffen. Nicht aber die wirkliche Mehrheit, wie jetzt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungs-Instituts Forsa aufzeigt.63 Prozent der Befragten wollen danach, dass das bisherige Bildungssystem beibehalten wird. In Haushalten mit schulpflichtigen Kindern, die besonders gut wissen, wie Schule geht, sind es sogar 66 Prozent. Und noch höher ist die Zustimmung unter den 18- bis 29-Jährigen, von denen sogar 75 Prozent am gegliederten Schulsystem festhalten wollen. Forsa bietet auch eine Auswertung nach Schulabschluss, wobei die Meinungen eng beieinander liegen – egal, ob die Befragtendas Abitur, einen Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife haben: Die Zustimmung zum bisherigen System schwankt zwischen 60 Prozent (mittlere Reife) und 65 Prozent (Hauptschulabsolventen).
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Auch die Parteinähe ist nur bedingt entscheidend: Anhänger der Union votieren zu 72 Prozent für das gegliederte Schulsystem, Anhänger der FDP sogar zu 78 Prozent. SPD-Sympathisanten stehen zu 55 Prozent hinter dem gegliederten Bildungswesen. Nur bei Grünen und Linken gibt es eine Mehrheit für die Einheitsschule. Aber auch da verlangen noch 48 Prozent der Grünen- und 43 Prozent der Linke-Anhänger die Beibehaltung des gewohnten Systems.
Was könnte eine Einheitsschule, was das gegliederte Schulsystem nicht kann? Auch da ist sich die Mehrheit einig: Zwei von drei Befragten glauben nicht, dass sich die Leistungsfähigkeit des deutschen Schulsystems durch eine Gesamtschule verbessern ließe, etwas mehr sind es wieder in den Haushalten mit schulpflichtigen Kindern, und mit 69 Prozent ist die Ablehnung der Einheitsschule bei den 18- bis 29-Jährigen in allen Altersgruppen am höchsten. Und selbst bei den Grünen-Anhängern bezweifelt die Mehrheit von 53 Prozent, dass die Einheitsschule Unterricht und Leistungen verbessert.
Die in ihrer Deutlichkeit erstaunlichen Ergebnisse wurden zwischen dem 16. und 18. September abgefragt. In Auftrag gegeben wurde die Studie von einem zu Schuljahresbeginn gegründeten Bündnis aus Befürwortern der jetzigen Schulstruktur – darunter der Philologenverband, der Realschullehrerverband, die Berufschullehrer und mehrere Elterngruppen. Nun warnt das Bündnis die Unterstützer "unausgegorener Einheits- und Gemeinschaftsschulmodelle" vor Experimenten und fordert, das erfolgreiche Schulmodell im Südwesten weiterzuentwickeln. Es gebe keine wissenschaftliche Untersuchung, die belege, dass die Einheitsschule überlegen sei. Vielmehr liege in Ländern mit solchen Modellen der Anteil der Privatschulen ebenso höher wie die Zahl der Schüler ohne Abschluss und die Arbeitslosenquote junger Menschen.
Autor: Andreas Böhme
