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19. März 2010 21:31 Uhr

Oberharmersbach

Missbrauchsfall wirft Fragen nach der Rolle von Zollitsch auf

Hat der damalige Personalreferent der Erzdiözese Freiburg, Robert Zollitsch, bei der Behandlung eines Missbrauchsfalles durch einen Geistlichen im Einzugsgebiet der Diözese alles richtig gemacht? Oder hat er alles vertuscht?

  1. Vorwürfe gegen Robert Zollitsch im Missbrauchsskandal. Foto: ddp

Hat er also Anfang und Mitte der neunziger Jahre zumindest zeitweise getan, was der Missbrauchsbeauftragte der katholischen Kirche in Deutschland, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, heute so beschreibt: "Wo kein wirklicher Aufklärungswille vorhanden war und Täter einfach nur versetzt wurden, müssen wir in einer ganzen Reihe von Fällen gestehen, dass vertuscht worden ist."

Schon die Frage birgt Zündstoff – und sie zu stellen die Gefahr öffentlicher Vorverurteilung. Allein, was in der Schwarzwaldgemeinde Oberharmersbach offenbar über etliche Jahre hinweg passierte, ist so gravierend, dass sich ein Übermaß an Zurückhaltung und Rücksicht auf Interessen der Kirche und ihrer Repräsentanten schon mit Blick auf die damaligen Opfer verbietet. Festzustehen scheint aus heutiger Sicht, dass der damalige Gemeindepfarrer Franz B. zahlreiche Kinder und Jugendliche, vorwiegend Messdiener, über einen langen Zeitraum sexuell missbraucht hat.

Fest steht auch, dass dieser Pfarrer – als die Vorgänge im Pfarrhaus und zuweilen wohl auch im örtlichen Hallenbad öffentlich ruchbar wurden – vom Personalreferenten Zollitsch im Jahr 1991 ziemlich unvermittelt aus der Pfarrei entfernt worden ist. Aber warum bloß entfernt? Warum wurde der Mann in den Ruhestand versetzt, den er die nächsten Jahre als Hausgeistlicher in einem Altenpflegeheim im Schwarzwald verbrachte, anstatt ihn vor den Richter und ins Gefängnis zu bringen?

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Zollitsch versetzte den Pfarrer in den Ruhestand

"Die Sache ließ sich damals nicht konkretisieren", sagt dazu heute Robert Eberle, der Pressesprecher des 2003 zum Erzbischof ernannten Robert Zollitsch. Weder habe es Beweise gegeben noch hätten sich Betroffene gemeldet. In einem Gespräch mit dem damaligen Generalvikar Otto Bechthold und Zollitsch stritt Franz B. laut Eberle jeden Verdacht des "angeblich unsittlichen Umgangs mit Kindern" ab, wie es ein früherer Bewohner eines Nachbarortes zuvor gegenüber dem Ordinariat formuliert hatte. In den Ruhestand versetzen ließ sich Franz B. trotzdem – aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit, um die es seit einer Erkrankung als Kind ohnehin nie gut bestellt war.

Suchte die Kirche damals gründlich genug nach Opfern? Recherchierte sie ausreichend intensiv? Und warum ließ sie diese Arbeit zu diesem Zeitpunkt nicht die Staatsanwaltschaft übernehmen? Immerhin hielt die Kirche offenkundig Eile für geboten. Vom Bekanntwerden der Ablösung bis zum Wegzug seien nur drei Tage vergangen, erinnert sich der in Oberharmersbach ansässige Lehrer Karl-August Lehmann.

In der offiziellen Stellungnahme der Erzdiözese vom Freitag heißt es, man habe Franz B. beim Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand auferlegt, sich fortan "jeglichen Kontakts zu Kindern und Jugendlichen zu enthalten". Trifft man solch weitreichende und drastische Vorkehrungen gegenüber einem seit fast einem Vierteljahrhundert in einer Gemeinde amtierenden Pfarrer tatsächlich aufgrund lediglich vager Verdachtsmomente? Im erzbischöflichen Ordinariat Freiburg interpretiert man eben dies im Nachhinein als Beleg für Zollitschs hartes Durchgreifen schon damals. Ob man heute noch professioneller handeln würde, "müsste man sich anschauen".

Offiziell wurde der Verdacht nicht

Anzuschauen, geschweige denn zu überprüfen gab es 1991 in Oberharmersbach nichts. Offiziell publik wurde der Missbrauchsverdacht um Pfarrer Franz B. nicht. Im Gegenteil. Am 23. Juni des Jahres – laut Auskunft der Gemeindeverwaltung nach dessen Abschied – wurde Franz B. sogar zum Ehrenbürger ernannt. Erst vier Jahre später kochten die Missbrauchsvorwürfe wieder hoch – diesmal allerdings aufgrund der Aussage mindestens eines Betroffenen.

Was danach im Einzelnen geschah, lässt sich aus heutiger Sicht kaum mehr zweifelsfrei nachzeichnen. Laut Stellungnahme des Ordinariats wurde der nunmehr fast 65-jährige B. in seinem Alterssitz in Neustadt mit der Aussage konfrontiert. Dabei sei er zusammengebrochen, habe allerdings weder geleugnet noch gestanden. Karl-August Lehmann, der in Oberharmersbach unter anderem als eine Art Gemeinde-Chronist wirkt, berichtet davon, dass zwei Abgesandte aus dem Ort nach Neustadt gefahren und den Ruheständler aufgesucht hätten, ein Pfarrgemeinderat und der damalige Bürgermeister. Bei dem Treffen habe Franz B. "unter Tränen gestanden".

Der Beschuldigte nimmt sich das Leben

Voneinander abweichende Darstellungen gibt es auch darüber, was dann geschah. Standen nach Bekanntwerden der Aussage des Opfers Ermittlungen bloß im Raum oder waren sie sogleich eingeleitet worden? Erstattete ein Opfer Anzeige oder die Kirche? Dem Geistlichen "wurde klar gemacht, dass nun die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft bevorstehe", heißt es in der Stellungnahme des Ordinariats allgemein.

Unstreitig ist, dass sich der Beschuldigte kurze Zeit später das Leben nahm. Der zuständige Dekan Friedrich Winkler habe daraufhin die Gemeinde Oberharmersbach im Rahmen eines Gottesdienstes informiert, um Entschuldigung für das Fehlverhalten des Geistlichen gebeten und die Opfer eingeladen, sich der Kirche zu offenbaren, erklärt das Ordinariat im Rückblick. 17 Betroffene hätten sich gemeldet. Wer von den Opfern eine Therapie nötig gehabt und diese auch gewünscht habe, sei vom Ordinariat finanziell unterstützt worden.

Der besagte Gottesdienst fand zweifellos statt, allerdings erst am 15. Oktober, knapp zweieinhalb Monate nach Franz B.’s Suizid. In der Zwischenzeit erschien ein Nachruf im Konradsblatt, der Wochenzeitung des Erzbistums. Dessen Inhalt war für Eingeweihte offenbar schwer erträglich. "Es gab mehrere Anrufer hinterher", erinnert sich Redakteur Michael Winter bis heute. Einer davon war Karl-August Lehmann. Bei ihm hatten sich, wie er erzählt, fast zeitgleich mehrere Opfer gemeldet und um Rat und Hilfe gebeten. Lehmann wandte sich an den Personalreferenten in Freiburg. Kein glücklicher Gedanke, wenn man seiner Darstellung Glauben schenkt.

Von einem heiklen Telefonat will das Bistum nichts wissen

"Was wollen Sie eigentlich, Herr Lehmann?", so habe ihm Robert Zollitsch entgegengeschleudert. Pfarrer B. sei tot, und die Staatsanwaltschaft ermittele nicht gegen einen Toten. Höhepunkt und Abschluss des Telefonats soll dann folgende Bemerkung gewesen sein: "Für uns ist die Sache erledigt."

Das war sie nachweislich nicht. Allerdings lässt sich bis heute anhand der zugänglichen Informationen nicht entscheiden, ob das Ordinariat damals intern längst dabei war, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen oder ob die kirchliche Bürokratie erst unter dem Druck kritischer Köpfe vom Schlage Lehmanns ihre Trägheit und den Hang zur Diskretion überwand.

Von dem fraglichen Telefonat will man in der Pressestelle von Erzbischof Zollitsch, inzwischen bekanntlich auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, jedenfalls nichts wissen. "Dass es im Jahre 1995 in dieser Sache ein Telefonat mit einem `Karl August Lehmann´ gegeben haben soll, kann des Bischöfliche Ordinariat Freiburg nicht bestätigen", heißt es lapidar.

Wer mochte, konnte übrigens schon aus dem Nachruf auf Franz B. Anderes herauslesen als Lob und Preis. Zitiert wurde darin aus einem Abschiedswort des Toten. Darin bat er alle "von Herzen um Verzeihung, wem auch immer und wodurch auch immer er jemandem Leid oder Unrecht zugefügt habe".

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Autor: Thomas Fricker