Schneller, höher, steiler

Das Gespräch führte Sarah Trinler

Von Das Gespräch führte Sarah Trinler

So, 09. September 2018

Südwest

Der Sonntag Die Basler Professorin Undine Lang spricht über den Reiz einer Achterbahnfahrt.

Ob auf dem Rummel oder im Freizeitpark, die längsten Besucherschlangen gibt es bei den Achterbahnen. Anlässlich der Wiedereröffnung der umgebauten "Eurosat" am Mittwoch im Europa-Park Rust spricht die Basler Professorin Undine Lang über die Anziehungskraft von Achterbahnen.

Der Sonntag: Der Puls geht hoch, der Magen zieht sich zusammen und man möchte nur noch schreien. Eigentlich kein schönes Gefühl und trotzdem suchen Menschen immer wieder Achterbahnen auf. Frau Lang, wie ist das psychologisch zu erklären?

Dass der Puls und Blutdruck steigen, die Pupillen sich weiten, die Muskeln stärker durchblutet werden und deshalb zittern, das sind alles Symptome von Angst. Sie treten auf, damit Menschen in gefährlichen Situationen maximal leistungsfähig und aufmerksam sind. Früher musste man in so einer Situation vor einem Tiger davonlaufen, da hat man in dem Moment genau diese Veränderungen des Körpers gebraucht. Gleichzeitig werden Glückshormone wie Serotonin, Stresshormone wie Adrenalin und Belohnungshormone wie Dopamin und Endorphine ausgeschüttet, die nicht nur der Aktivierung dienen, sondern auch der Freude und Euphorie.

Der Sonntag: Einigen geht es um den Nervenkitzel und den Spaß, andere wiederum haben richtige Angst, schon bevor die rasante Fahrt losgeht. Warum setzen sich Menschen dennoch dieser Situation aus?

Sicher spielt Neugier eine Rolle. Und neugierig zu sein per se ist eine gesunde Eigenschaft. Wenn wir neugierig sind, fühlen wir uns lebendig und sind engagiert, wir ergreifen Gelegenheiten und nehmen neue Chancen wahr. So können wir befriedigende neue Erfahrungen sammeln. Im Falle einer Achterbahnfahrt kann man sogar prognostizieren, dass die Erfahrung gut ausgeht.
Der Sonntag: Dennoch kontrollieren viele vor dem Start noch einmal hektisch den Sicherheitsbügel, auch wenn man beim Achterbahnfahren vertrauen und die Kontrolle abgeben muss. Ist dieser Kontrollverlust ein besonderer Kick?

Wenn uns die Kontrolle abhandenkommt, bedeutet das erheblichen Stress. Können wir längerfristig in unserem Leben nicht die Kontrolle über manche Dinge behalten, können dadurch sogar Depressionen entstehen. In diesem Fall glaube ich eher nicht, dass der Kontrollverlust den Kick auslöst, sondern die Geschwindigkeit und die Veränderungen der Position – das Abenteuer. Der Sicherheitsbügel ist ja weniger eine "Fessel" als ein Rettungsanker.

Der Sonntag: Können Sie sagen, wie die Persönlichkeit von Menschen sein muss, die immer wieder die emotionale Grenzerfahrung suchen?

Es gibt einen eigenen psychologischen Test, der besagt, welche Menschen eher Grenzerfahrungen suchen und welche nicht. Er heißt "Sensation Seeking Score". Menschen, die eher das Bedürfnis nach einem regelmäßigen Nervenkitzel haben, suchen sich meist auch andere Abenteuer wie Extremsport, Fallschirmspringen, riskantes Fahren, Horrorfilme, Drogenkonsum, wilde Partys oder sexuelle Abenteuer, weil sie sich im Alltag schneller langweilen. Zum lustvollen Erleben des "Thrills" – die Angstlust – gehört im Gegensatz zur echten Angst eine gewisse Sicherheit dazu, das Abenteuer unbeschadet zu überstehen. Diese Sicherheit wird von Menschen, die den "Thrill" suchen, vermutlich eher überbewertet und von denen, die den Kick meiden, eher unterbewertet. Biologisch verändert ist bei diesen Menschen vermutlich das Dopamin, das Belohnungshormon, das durch Abenteuer, aber auch etwa Alkohol, Kokain oder Drogenkonsum angekurbelt werden kann.
Der Sonntag: Ist es krankhaft, wenn man den Adrenalin-Rausch immer wieder braucht?

Dass die einen Menschen mehr Dopamin und Abwechslung brauchen und die anderen weniger, ist sicher nicht krankhaft. Es ist wie bei einer Klimaanlage: Der eine mag es warm, der andere mag es kühl. Dopamin spielt jedoch auch bei Abhängigkeitserkrankungen eine Rolle und in seltenen Fällen können aus der Suche nach Spaß und dem Kick Verhaltenssüchte wie zum Beispiel Sex-, Sport- oder Onlinesucht resultieren. Wir haben in der UPK für diese Erkrankungen eine Spezialstation, aber eine Achterbahnsucht gab es meines Wissens dort noch nicht.
Der Sonntag: Welche Gefühle hat man nach der Achterbahnfahrt? Einige wollen gleich nochmal fahren.

Das Gefühl, die Angst besiegt und keinen Schaden genommen zu haben, macht glücklich. Unerwartete positive Wendungen werden durch Glücksgefühle und Dopaminausschüttung belohnt und deshalb ins Gedächtnis eingeprägt. Wir erinnern uns noch lange an Wendungen, in denen wir die Angst besiegt und eine Situation erfolgreich gemeistert haben. Das können auch erfolgreiche Bewerbungsgespräche, Prüfungen, Dates oder andere Abenteuer sein.

Das Gespräch führte Sarah Trinler