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17. September 2010 19:35 Uhr
Ausrottung
Bedrohte Arten: Wie wertvoll ist die Natur?
Die Ausrottung von Tieren und Pflanzen sind die größte Gefahr für das Ökosystem – und die Höhe des Verlusts sprengt jede Vorstellung. Nur massive Investitionen können den Trend stoppen. Dabei zeigt sich: Wenn die Natur einen ökonomischen Wert erhält, wird sie bewahrt.
Der Kampf gegen den Klimawandel ist ein riesiger Erfolg – zumindest, wenn man ihn mit dem Schutz der Artenvielfalt vergleicht. Für den Klimaschutz gibt es ein von den Regierungen eingesetztes Forschergremium, das IPCC, einen verbindlichen Vertrag, das Kyoto-Protokoll, Investitionen in Milliardenhöhe und viel öffentliches Interesse.
Anders beim Artenschutz: Hier gibt es eine Absichtserklärung aus dem Jahr 2002 und das Eingeständnis des Scheiterns. Eigentlich hätte bis dieses Jahr der Verlust an Tier- und Pflanzenarten gestoppt oder doch merklich verlangsamt werden sollen. Aber das Ausrotten geht munter weiter, ja beschleunigt sich sogar.
Mittlerweile gelten 70 Prozent der Pflanzen, 21 Prozent der Säugetiere, 12 Prozent der Vögel, 28 Prozent der Reptilien und 37 Prozent der Süßwasserfische als bedroht, sagt die Weltnaturschutzunion IUCN. Insgesamt ist zwischen 1970 und 2005 laut der Naturschutzorganisation WWF 27 Prozent der biologischen Vielfalt verloren gegangen. Der Verlust an Tier- und Pflanzenarten ist damit die größte Gefahr für die Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts auf unserem Planeten.
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Um die Bedeutung von einzelnen Arten für ein Ökosystem zu erklären, greifen Experten auf die Wirtschaftswissenschaften zurück, genauer gesagt auf den Portfolioansatz. So bietet ein breitgestreutes Anlageportfolio einen besseren Schutz vor Verlusten als der Kauf einer einzelnen Aktie. Ähnlich ist es beim Artenschutz.
Je mehr verschiedene Arten in einem Ökosystem zuhause sind, desto besser kann es mit externen Störungen umgehen. Es ist widerstandsfähiger. Auch beim Schutz von ganzen Ökosystemen hoffen die Wissenschaftler durch einen Rückgriff auf die Ökonomie die Verantwortlichen für die Dringlichkeit des Problems sensibilisieren zu können. Sie fordern nicht, dass Ökosysteme um ihrer selbst willen erhalten werden, sondern weil diese wertvolle Dienstleistungen bereitstellen – wie ein stabiles Klima, frisches Wasser, Nahrungsmittel oder Schutz vor Überflutungen.
Den Wert dieser Dienstleistungen abzuschätzen, ist schwierig und die ersten Ergebnisse sprengen das Vorstellungsvermögen. Allein durch die Abholzung der Wälder entsteht Jahr für Jahr ein Verlust von zwei bis fünf Billionen Dollar, schätzt eine Studie namens Economics of Ecosystems and Biodiversity (Der wirtschaftliche Nutzen der Ökosysteme und der Biodiversität). Das entspricht zehn Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung.
Was viele geahnt haben, lässt sich also auch ökonomisch untermauern: Die Menschheit lebt von der Substanz des Ökosystems. Diesen Trend umzukehren, ist noch schwieriger als ihn zu messen. So ist einer der wichtigsten Faktoren für den Artenverlust der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2), der zum Klimawandel und zur Versauerung der Meere führt. Noch bedeutender ist das Wachstum der Weltbevölkerung, die in den nächsten 40 Jahren auf neun Milliarden Menschen wachsen wird. Diese Menschen brauchen Platz, was für Pflanzen und Tiere zum Verlust ihres Lebensraums führt.
Wie der Trend gestoppt werden kann, soll an einer internationalen Konferenz im Oktober in Japan diskutiert werden. Dort wird voraussichtlich beschlossen, ein internationales Wissenschaftlergremium nach dem Vorbild des IPCC zu gründen. Es soll das Problem analysieren und Politikempfehlungen entwickeln. Ähnlich wie das Vorbild IPCC dürfte auch die neue Organisation unter einem unhandlichen Namen firmieren: Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, kurz IPBES.
Der Schutz der Artenvielfalt hat noch eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Klimaschutz: Letztlich geht es um Geld. Den Menschen muss ein finanzieller Anreiz geboten werden, um die Natur zu schützen. Wer der Artenvielfalt zuliebe etwa ein Ölfeld unangetastet lässt, will dafür kompensiert werden (siehe Kasten). Anders gesagt: Wenn die Menschheit weiter wie bisher von den Ökosystem-Dienstleistungen der Erde profitieren will, muss sie in diese investieren, ähnlich wie sie auch in Straßen, Stromnetze und andere Infrastrukturen investiert. Sonst wächst sich ein Schlagloch schnell zum Krater aus.
Autor: Christian Mihatsch


