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27. April 2012

Der Mahner in Frankfurt

Jens Weidmann ist mit 44 der jüngste Bundesbankpräsident aller Zeiten / Im ersten Amtsjahr hat er sich viel Respekt erarbeitet.

  1. Jens Weidmann Foto: dapd

FRANKFURT. Jens Weidmann kommt gut an – bei den Mitarbeitern in der Bundesbank, bei Beobachtern der Geldpolitik, bei Bankern und im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), selbst wenn er dort selten der herrschenden Meinung folgt. Der jugendlich wirkende Bundesbankpräsident (44) darf sich nach einem Jahr an der Spitze der wichtigsten Notenbank im Euroraum über Lob freuen – auch, wenn vieles in der EZB und bei anderen Anti-Krisen-Kämpfern bei weitem nicht so läuft, wie sich der frühere Berater von Kanzlerin Angela Merkel das wünscht. Verzagen will Weidmann nicht, heißt es in der Notenbank. Er werde unbeirrt für seine Überzeugungen werben. "Und damit kann er", sagt ein Insider, "einen gewissen Schwung produzieren".

Dass Weidmann ankommt, liegt an seiner klaren, offenen Argumentation und daran, dass er nicht wie manche Vorgänger mit einem professoralen Duktus auftritt, sondern ruhig und unaufgeregt. "Inhaltlich ist Weidmann nicht weit weg von seinem Vorgänger Axel Weber, aber er ist konsens-orientierter", sagt Michael Schubert, der die EZB für die Commerzbank beobachtet. Auch Weidmann missfällt es, dass die EZB Anleihen kriselnder Eurostaaten ankauft. Er plädiert dafür, mit der Diskussion zu beginnen, wann die Notenbank ihre Sondermaßnahmen beendet. Weiteren billigen und langlaufenden Sonderkrediten für die Banken, wie sie zum Teil gefordert werden, steht Weidmann höchst skeptisch gegenüber, weil sie den Reformdruck für die Banken mindern würden. Rund eine Billion Euro billigen Geldes hatte die EZB im Dezember und Februar den Instituten gewährt.

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"In der Geldpolitik geht es um den Ausstieg aus den krisenbedingten Sondermaßnahmen sowie um eine klare Trennung der Verantwortlichkeiten von Geld- und Fiskalpolitik", sagte Weidmann am 2. Mai 2011 in seiner Antrittsrede. Damals war nicht abzusehen, wie sehr sich die Krise verschärfen würde und dass die Notenbank mit jenen Sonderkrediten für die Banken reagieren würde. Trotzdem steht der jüngste Bundesbankchef aller Zeiten unbeirrt zu seinem Credo. Er sieht sich in der Tradition seiner meist deutlich älteren Vorgänger. Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit sind für ihn das Wesensmerkmal der Bundesbank, an denen nicht gerüttelt werden dürfe.

Kein Verständnis hat er, wenn andere Notenbanker und Politiker meinen, ein bisschen Staatsfinanzierung über die Zentralbank sei doch kein Problem. Selbst wenn die Geldschleusen nur ein wenig geöffnet werden, lassen sie sich nur schwer wieder schließen, meint er. Er befürchtet, dass Regierungen dazu verleitet werden, in ihren Konsolidierungs- und Reformbemühungen nachzulassen. Solche Positionen vertritt Weidmann freundlich, aber bestimmt gegenüber der Kanzlerin, für die er fünf Jahre als Berater arbeitete. Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble muss sich Weidmanns Kritik anhören, was ihn nicht davon abhält, öffentlich ein Loblied auf Weidmann zu singen.

Bestimmtheit gepaart mit Bescheidenheit hilft Weidmann, glaubt Schubert, auch im Eurotower. Er sei keineswegs isoliert mit seiner Kritik an der Anti-Krisen-Politik. Er dringe damit besser durch als sein Lehrmeister Weber. "Eigentlich hätte man erwartet, dass die EZB den Aufkauf von Staatsanleihen nach dem jüngsten Aufflammen der Krise wieder aufnimmt. Tatsächlich hält sie sich seit Wochen zurück." Auch Uwe Angenendt lobt Weidmann. "Er drängt nicht so in die Öffentlichkeit wie andere Präsidenten. Keiner seiner Vorgänger hat in einem Jahr weniger Reden gehalten als Weidmann", sagt der Chefvolkswirt der BHF-Bank über ihn. Weidmann sei das ordnungspolitische Gewissen der EZB. Ulrich Kater, Chefökonom der Deka-Bank erinnert daran, dass es aus Südeuropa Forderungen gab, dass sich die EZB in der Krise noch stärker engagiert. "Weidmann steht dafür, dass das nicht passiert ist. Die deutsche Position ist bei ihm in besten Händen." Er sei in die Rolle des Mahners hineingewachsen, "der dafür steht, dass die Probleme nicht alle mit Geld zugekleistert werden können".

Auch in der Bundesbank selbst kommt Weidmann bestens an. Das liege, sagen Beobachter, auch daran, dass der promovierte Volkswirt und Politologe zuhören kann und andere Meinungen respektiert. Allüren sind ihm fremd, er bewegt sich locker. "Weidmann direkt" heißt eine Gesprächsrunde, die er in der Bundesbank etabliert hat – nicht mit Professoren, sondern mit den Mitarbeitern. Auch wenn Weidmann als Leiter der Abteilung Geldpolitik unter Weber schon einmal von 2004 bis 2006 bei der Bundesbank war – ist er überzeugt, dass er noch viel über das von ihm geleitete Haus in Erfahrung bringen muss. Auch das spricht für den Westfalen, dessen Vertrag noch bis 2019 läuft.

Autor: Rolf Obertreis