Die Computer übernehmen das Geschäft

Thomas Magenheim

Von Thomas Magenheim

Sa, 24. Juni 2017

Wirtschaft

Die Digitalisierung kostet bei der Allianz 700 Arbeitsplätze / Verdi spricht von Beginn eines Kahlschlags.

MÜNCHEN. Der Versicherungsriese Allianz steht möglicherweise am Anfang eines drastischen Personalabbaus. Schon sicher ist, dass die Münchner deutschlandweit bis Ende 2020 rund 700 ihrer 29 000 Beschäftigten in der Allianz Deutschland AG abbauen. Diese Zahl bestätigte ein Allianz-Sprecher auf Anfrage. Rund 500 Jobs habe die deutsche Tochter des global tätigen Versicherers dieses Jahr bereits sozialverträglich gestrichen. Man sei zuversichtlich, auch beim nun anstehenden Abbau ohne betriebsbedingte Kündigungen auszukommen.

Das könnte dieses Mal noch gelingen, sagt die bei der Allianz aktive Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. "Das ist definitiv nicht das Ende der Fahnenstange", sondern erst der Anfang, vermutet eine Gewerkschafterin mit Blick auf den Grund für die Stellenstreichungen. Es ist die Digitalisierung, die auch in der Assekuranz schneller um sich greift. Kunden versichern sich online selbst und brauchen keinen Berater aus Fleisch und Blut mehr. Schäden melden sie per Smartphone an einen Computer und die Risikoanalyse übernimmt ein Algorithmus. "Eine Reduktion von Stellen ist nicht das Ziel, aber eine der Konsequenzen dieser Veränderungen, die sich nicht vermeiden lassen", räumte Allianz-Deutschland-Vorstand Ruedi Kubat konzernintern ein.

Konzernchef Oliver Bäte hatte dagegen die personellen Folgen der Digitalisierung für die Allianz öffentlich zuletzt stets verharmlost und davon gesprochen, dass sein Haus an der Kundenfront für neues Wachstum eher mehr Stellen braucht. Verdi dagegen verweist auf Studien, die der Assekuranz digitalisierungsbedingt einen Stellenschwund von der Hälfte bis zu drei Vierteln des Personals vorhersagen. Die Unternehmensberatung McKinsey rechnet damit, dass in der Branche binnen zehn Jahren vier von zehn Arbeitsplätzen verschwinden.

Das könne auch bei der Allianz so kommen, sagt eine Verdi-Gewerkschafterin. Die jetzige Ankündigung sei wohl nur der Beginn eines langen und für das Personal schmerzhaften Prozesses, bei dem der Konzern in einem hohen, noch nicht abschätzbaren Volumen Kosten spart.

"Die Digitalisierung wird die Branche auch weiter beschäftigen", sagte ein Allianz-Sprecher zur Befürchtung weiterer Abbaurunden. Es würden aber auch gleichzeitig neue Arbeitsplätze geschaffen. So mache die Digitalisierung bei der Allianz Deutschland nach jetziger Kalkulation eigentlich knapp 1300 Stellen überflüssig. Rund 600 Jobs würden aber neu geschaffen, sodass 700 Arbeitsplätze zum Abbau übrigblieben. Die werden kleinteilig gestrichen. In der Unfallversicherung fallen die Standorte Stuttgart, Leipzig und Hamburg weg, in der Krankenversicherung der Standort Berlin zum größten Teil. Weitere, ungenannte Standorte der Kfz- und Lebensversicherung sind ebenfalls tangiert. Wo wie viele Stellen betroffen sind, verschweigt die Allianz vorerst und verweist auf die Verhandlungen mit Betriebsräten und Verdi. Viele Allianzer müssten zudem umschulen, sagte ein Sprecher. "Wer vorher Unfall gemacht hat, macht künftig Kfz", erklärt er Umziehen müsse wegen der Veränderungen kaum ein Mitarbeiter. Abgebaut wird aber nicht nur bei der Allianz Deutschland. Im internationalen Industrieversicherungsgeschäft werden bis Ende 2018 weltweit rund 500 Jobs gestrichen. Das ist jeder zehnte Job dieser Sparte.