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09. Januar 2009 08:08 Uhr

BZ-Serie "Alternativen der Wirtschaftspolitik" (6)

Die Energiewende

Auf dem langen Weg in die 2000-Watt-Gesellschaft

Die Wissenschaft kennt den Begriff der Energiesklaven. Sie existieren im Gedankenmodell: Gesetzt den Fall, wir wollten unseren Energiebedarf komplett mit menschlicher Kraft decken, wie viele Helfer bräuchte dann jeder von uns?

Rechnen wir es aus: Der gesamte Energieverbrauch eines durchschnittlichen Bundesbürgers liegt heute bei 6000 Watt, rund um die Uhr. Oder, um es in der Sprache der Automobilisten zu sagen: Den ganzen Tag über laufen für jeden von uns Maschinen mit einer Leistung von etwa acht Pferdestärken. Sie laufen zur Stromerzeugung und für die Produktion, für Mobilität und Raumheizung. Geht man nun davon aus, dass ein Mensch täglich acht Stunden lang eine Leistung von 150 Watt zu erbringen vermag, bräuchte man für die genannten 6000 Watt immerhin 40 Menschen. Im Dreischichtbetrieb macht das 120 Energiesklaven.

Der hohe Verbrauch resultiert aus dem äußerst ineffizienten Einsatz der Energie. Viele Häuser verbrauchen pro Jahr 200 Kilowattstunden Heizenergie pro Quadratmeter – manches moderne Haus kommt hingegen mit einem Zehntel davon aus. Viele Autos schlucken mehr als zehn Liter Sprit auf 100 Kilometer, obwohl das Drei-Liter-Auto technisch kein Hexenwerk ist. Und die meisten Straßenlaternen nutzen noch immer stromschluckende Glühbirnen, als gäbe es nicht längst geeignete und äußerst sparsame Leuchtdioden.

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Dies sind nur einige wenige plakative Beispiele dafür, dass unser Alltag und unsere gesamte Ökonomie noch weit entfernt sind von einem Optimum der Energieeffizienz. Wissenschaftler der namhaften Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich haben daher das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft ausgerufen. Diese käme künftig mit 40 Energiesklaven pro Kopf aus – einem Drittel des heutigen Wertes. Das Limit von 2000 Watt ist nicht ohne Grund gewählt: Es beschreibt ein Niveau, das überwiegend aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann. Zugleich verkörpert der Wert internationale Gerechtigkeit: 2000 Watt sind eine Menge. Sie könnten jedem Menschen auf der Erde gewährt werden, ohne die Umwelt zu ruinieren.

Das Konzept, das in der Schweiz unter dem Programmnamen Novatlantis vorangetrieben wird, basiert auf mehreren Säulen: Die Material- und Energieeffizienz der Wirtschaft soll erhöht, und die fossile durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Ganz wichtig aber sind auch neue Wirtschaftskonzepte, wie etwa das Prinzip "nutzen statt besitzen". Beim Carsharing zum Beispiel wird es längst praktiziert: Wer Güter bei Bedarf jeweils ausleihen kann, vermeidet unnötige Produktion und damit Ressourcenverbrauch.

In der Schweiz ist das Schlagwort von der 2000-Watt-Gesellschaft nicht nur bekannt, sondern auch sehr populär. Erst Ende November hat in Zürich die Bevölkerung in einer Volksbefragung mit einer Mehrheit von 76 Prozent den Weg in die 2000-Watt-Gesellschaft gutgeheißen. Zu dem Konzept gehört dort neben energieeffizienten Neubauten auch die Förderung des Fuß- und Fahrradverkehrs durch den Ausbau entsprechender Wege, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und "die Konkretisierung eines Road Pricing im Wirtschaftsraum Zürich". Zudem spricht man sich dort für eine "künftige Stromversorgung der Stadt ohne neue Kernenergieanlagen" aus. Auch Genf nennt sich bereits Partnerregion des 2000-Watt-Konzeptes, während Basel sogar das Prädikat Pilotregion trägt. Neubauprojekte werden in dem Stadtkanton am Rheinknie im sogenannten Minergie-Standard ausgeführt.

Das heißt, der jährliche Heizenergiebedarf darf 30 Kilowattstunden pro Quadratmeter nicht überschreiten. Das entspricht drei Liter Heizöl pro Quadratmeter. Ein Wohnhaus nach diesem Standard mit 150 Quadratmetern kommt mit 450 Litern Heizöl, 4500 Kilowattstunden Erdgas oder einer Tonne Holzpellets pro Jahr aus.

Da das größte Einsparpotenzial jedoch in Altbauten steckt, hat der Kanton Basel-Stadt im Januar des vergangenen Jahres zudem ein Gebäudesanierungsprogramm gestartet. In diesem Rahmen finanziert der Kanton zum Beispiel die Gebäudeanalyse durch einen Energiecoach. Das Geld stammt aus der Förderabgabe, einem geringen Aufpreis auf der Stromrechnung. Zudem gibt es in Basel für die Gebäudesanierung günstige Förderkredite.

Das Programm laufe sehr gut an, sagt Werner Müller vom Institut Energie am Bau an der Fachhochschule Nordwestschweiz. So gilt es als sehr wahrscheinlich, dass das Ziel von 200 musterhaften Gebäudesanierungen binnen drei Jahren erreicht wird. Den öffentlichen Nah- und den Fahrradverkehr habe man in Basel unterdessen etwas zurückgestellt, sagt Müller, weil in der Stadt in den vergangenen Jahren bereits viel geschehen sei.

In Deutschland wird der Begriff der 2000-Watt-Gesellschaft unterdessen noch kaum genutzt. Und so muss auch der Chef der Deutschen Energieagentur (Dena), Stephan Kohler, eingestehen, dass Deutschland für die Energieeffizienz noch "keinen so schlagkräftigen Begriff" gefunden habe wie die Schweiz. Dass die Dena die Wortschöpfung der Eidgenossen nicht aufgegriffen habe, ginge von Kommunikationsexperten aus. Die hätten ihm gesagt, die Deutschen könnten mit dem Begriff kaum etwas anfangen. Das aber liegt wiederum daran, dass ihn hier kaum einer propagiert. Es ist ein Teufelskreis.

Doch trotz aller Sympathie der Schweizer zu dem Konzept – das Ziel, eines Tages mit nur noch einem Drittel der heutigen Energie auszukommen, ist auch bei den Eidgenossen nur sehr langfristig definiert. Im Jahr 2050 erst will man die 2000 Watt pro Kopf erreicht haben. Vielleicht geht es aber auch schneller, denn es spielen viele Unwägbarkeiten mit. Je nach Entwicklung der Energiepreise kann das Bemühen um Einsparungen rasant zunehmen. Der vorläufige Höhepunkt der Ölpreise im Sommer, sagt dann auch Wissenschaftler Werner Müller, habe bei der Bevölkerung bereits einen deutlichen Motivationsschub Richtung Energieeffizienz ausgelöst.

  • Weitere Informationen über die 2000-Watt-Gesellschaft in der Schweiz finden Sie im Internet unter www.novatlantis.ch

Autor: Bernwa rd Janzing