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15. November 2017 12:05 Uhr

BZ-Interview

Handelsexperte rechnet im Einzelhandel mit Leerständen

Wie sieht die Zukunft des Einzelhandels in den Innenstädten aus? Michael Reink vom Handelsverband Deutschland sieht vor allem für mittelgroße Städte große Probleme.

  1. Der Einzelhandel in den Innenstädten wird sich stark verändern, sagt Experte Michael Reink. Foto: dpa

  2. Michael Reink Foto: privat

Auf den Einzelhandel und die Innenstädte kommen massive Veränderungen zu. Die Verkaufsfläche im Handel werde schrumpfen und es werde von 2020 an massive Leerstände von Ladenlokalen geben. Das sagte Michael Reink vom Handelsverband Deutschland vor Vertretern des südbadischen Einzelhandels in Freiburg. Mit ihm sprach Jörg Buteweg.

"Die Einkommen steigen zwar, aber die Verbraucher geben davon weniger im Einzelhandel aus."

BZ: Herr Reink, Sie malen ja die Zukunft des Einzelhandels in düsteren Farben, warum?
Reink: Vorsicht: Der Online-Einzelhandel boomt mit Zuwachsraten von zehn Prozent im Jahr. Probleme sehe ich im stationären Einzelhandel. Dessen Verkaufsfläche hat sich seit 1980 verdoppelt. Die Bevölkerung ist aber kaum gewachsen, jetzt ist absehbar, dass die Zahl der Menschen in Deutschland zu schrumpfen beginnt. Das kann natürlich nicht ohne Auswirkung auf den stationären Handel bleiben.

BZ: Wenn weniger Bundesbürger mehr einkaufen, ist das doch überhaupt kein Problem.

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Reink: Schön wär es. Die Einkommen steigen zwar, aber die Verbraucher geben davon weniger im Einzelhandel aus.

BZ: Wo denn dann?
Reink: Traditionelle Konkurrenten sind Autokauf und Urlaubsreise. Denen konnte man noch mit guten Angeboten entgegentreten. Wenn die Menschen aber größere Teile des Einkommens beispielsweise für die Altersvorsorge beiseitelegen, kommt das Geld gar nicht mehr in den Wirtschaftskreislauf. Hinzu kommt für die stationären Händler die Online-Konkurrenz.

BZ: Was heißt das für Einzelhändler und Städte?
Reink: Bei Befragungen berichten Einzelhändler schon, dass die Zahl der Kunden zurückgeht. Als Konsequenz erwarten wir, dass Händler ihre Verkaufsfläche nach und nach verringern werden. Das wird vor allem Bekleidungs- und Schuhgeschäfte treffen sowie die Unterhaltungselektronik – hier ist ja auch die Online-Konkurrenz am schärfsten. Händler, die Sport- und Hobbyartikel anbieten, haben bisher keine Pläne zu verkleinern.



BZ: Was bedeutet das für die Städte?
Reink: Wenn die Verkaufsfläche insgesamt kleiner wird, bedeutet das Leerstand in weniger attraktiven Einkaufsstraßen.

"Mittelgroße Städte werden es am schwersten haben."

BZ: Gilt das für alle Städte in ganz Deutschland?
Reink: Es gibt Unterschiede je nach Größe der Stadt und nach Region. Wir vom Handelsverband erwarten, dass es mittelgroße Städte am schwersten haben werden. Der Einzelhandel in Kleinstädten beschränkt sich meist auf die Versorgung. Der Lebensmittelhandel dort ist aber wohl weniger gefährdet durch die Online-Konkurrenz und Angebote in größeren Städten. Große Städte profitieren von der Vielfalt des Angebots. Der Handel in mittelgroßen Städten leidet am meisten darunter, dass verwöhnte Verbraucher gleich in die große Stadt fahren für ein Einkaufserlebnis.

BZ: Gilt ihre skeptische Prognose auch für Südbaden?
Reink: Die Trends sind bundesweit die gleichen. Die Region profitiert natürlich vom Zuzug und ihrer attraktiven Lage, die viele Touristen anzieht, sie profitiert zudem von den Schweizer Kunden, die über die Grenze kommen. Wobei man sich im Klaren sein sollte: Die kommen, weil es preiswert ist, hier einzukaufen. Das kann sich auch wieder ändern, darauf sollte man nicht bauen.

BZ: Was kann man tun, um Leerstand und Verfall zu verhindern?
Reink: Da gibt es kein Patentrezept. Eine attraktive, lebhafte Innenstadt zieht Kunden an. Da müssen Städte und Einzelhandel zusammenarbeiten. Klar ist aber, dass die Immobilienbesitzer in den Innenstädten eine entscheidende Rolle spielen werden. Wenn sie bei sinkenden Kundenzahlen und rückläufigem Umsatz auf Mieten bestehen, die sich nicht mehr erwirtschaften lassen, beschleunigen sie die Ausbreitung von Leerstand.
Michael Reink verantwortet beim Handelsverband Deutschland den Bereich Standort und Verkehrspolitik.

Autor: Jörg Buteweg