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28. Dezember 2012

US-Fiskalklippe

"Ein Krisenszenario droht damit nicht"

Ökonomen schätzen, dass der Sturz der USA über die Fiskalklippe die deutsche Wirtschaft nicht in eine schwere Krise führen würde.

  1. Einigungsappell einer amerikanischen Kaffeehauskette Foto: afp

Auf den Parkplätzen von BMW im US-Werk Spartanburg werden in den ersten Monaten des Jahres 2013 vielleicht mehr Neuwagen auf Käufer warten als heute. Aber mit einem starken Einbruch von Verkauf und Produktion in den USA rechnet die deutsche Autoindustrie nicht. Auch viele Ökonomen in Deutschland betrachten die hektische Debatte über eine bevorstehende amerikanische Rezession eher entspannt. So sagt Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel: "Die Haushaltskrise in den USA bringt für den deutschen Arbeitsmarkt vermutlich kein großes Ungemach."

Spurlos werden die Turbulenzen in Washington an Europa und Deutschland jedoch nicht vorbeigehen. Denn sie beeinflussen einen wichtigen Teil der Wirtschaftsbeziehungen. Etwa acht Prozent der deutschen Exporte gehen in die USA. Das sind in diesem Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von über 80 Milliarden Euro. Fahrzeuge und Autoteile spielen dabei eine besondere Rolle. Falls nun die Steuern in den USA steigen, die staatlichen Ausgaben sinken, Privatleute und Verwaltungen deshalb sparsamer sein müssen, werden auch weniger Wagen aus deutscher Produktion gekauft. Hierzulande schmerzhaft bemerkbar machte sich, wenn die USA tatsächlich von der finanziellen Klippe stürzen würden. Können Präsident Obama, die Demokraten und die Republikaner keinen Kompromiss finden, werden dort zu Beginn des Jahres Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen wirksam, die etwa vier Prozent der US-Wirtschaftsleistung beanspruchen. Dies könnte nicht nur dazu führen, dass das amerikanische Bruttoinlandsprodukt zurückgeht. Auch die deutsche Wirtschaft würde gebremst.

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Den möglichen Effekt beziffert Gustav Adolf Horn vom Institut für Makroökonomie in Düsseldorf auf bis zu 0,8 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Hiesige Unternehmen müssten dann auf den Absatz von Waren und Dienstleistungen im Wert von bis zu 20 Milliarden Euro im kommenden Jahr verzichten. Angesichts solcher Erwartungen überlegen Firmenchefs und Manager durchaus, ob sie noch alle Beschäftigten brauchen. Hunderttausende Arbeitsplätze in Deutschland wären potenziell gefährdet.

Freilich rechnen Firmen und Wirtschaftswissenschaftler nicht damit, dass es so kommt. Man geht von einer baldigen Einigung in Washington aus, die die dämpfenden Steuer- und Spareffekte zumindest reduziert. So kalkuliert Ökonom Kooths, dass schließlich nur noch zwei Prozent Wachstumseinbuße übrig bleiben. "Diese relative Verringerung der US-Wirtschaftsleistung wird sich zwar auch in Deutschland niederschlagen. Ein Krisenszenario droht damit jedoch nicht", resümiert Kooths.

Dafür führt der Kieler Ökonom drei Argumente ins Feld. Erstens prognostiziert er eine Erholung der US-Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte 2013. Zweitens gelinge es den deutschen Firmen, Einbußen auf einem Markt durch Zuwächse in anderen Regionen auszugleichen. Beispiel Europa: Als die Firmen in den vergangenen Jahren weniger Produkte nach Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal verkaufen konnten, richteten sie ihr Augenmerk stärker auf Asien. Die Exporte dorthin nahmen zu. Außerdem wirkt sich auch die stärkere Inlandsnachfrage in Deutschland positiv aus. Und drittens, so sagt Kooths, trennen sich deutsche Unternehmen in diesen Jahren kaum von ihren Beschäftigten. Weil sie damit rechnen, sie demnächst wieder zu brauchen, schleppen sie sie lieber ein paar Monate durch.

Für die Nachbarstaaten in Europa ist die Lage heikel

Die gute Nachricht für die Arbeitnehmer lautet somit: Die Arbeitslosenquote steigt 2013 wohl nur minimal, eher nimmt sogar die Zahl der Beschäftigten noch leicht zu. Die deutsche Ökonomie ist augenblicklich extrem robust. Dämpfer wie aus den USA können ihr nur wenig anhaben.

Anders sieht es dagegen in manchen europäischen Nachbarstaaten aus. Frankreich, Italien, Spanien, Portugal: Dort stagniert die Wirtschaft oder sie schrumpft im kommenden Jahr. In einer solchen Situation verschärft sich dort die Krise, wenn die Nachfrage aus den USA ausfällt.

Autor: Hannes Koch