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25. Juli 2011 00:06 Uhr

Atomausstieg

Energiepolitik für die Großen  – zu Lasten der Kleinen

Die Bundesregierung setzt bei der Energiewende vor allem auf jene Techniken, die viel Kapital erfordern und von den etablierten Versorgern genutzt werden.

  1. Sie sollen in Zukunft den Großteil des benötigten Stroms erzeugen: Windanlagen, Solarzellen Foto: dpa, Frank Kiefer

FREIBURG. Der Ausstieg aus der Atomkraft ist beschlossene Sache. Damit ist allerdings nicht gesagt, wie die deutsche Stromversorgung in Zukunft aussehen soll – zentral wie bisher mit großen Kraftwerken oder dezentral mit über das ganze Land verteilten Erzeugungsanlagen. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass die Bundesregierung an einer zentralistisch organisierten Stromwirtschaft festhalten will.

Nach der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sollen vor allem jene Kraftwerke künftig gefördert werden, die üblicherweise von den etablierten Energiekonzernen oder anderen kapitalkräftigen Unternehmen errichtet werden. Denn für die Offshore-Windkraft soll die Vergütung nochmals deutlich aufgestockt werden. Neue Anlagen sollen künftig eine Anfangsvergütung von bis zu 19 Cent pro Kilowattstunde (bisher: 15 Cent) erhalten. Anlagen an Land, die häufig von Bürgern finanziert werden, sollen hingegen weniger Geld bekommen als bisher: Die Vergütung, die bisher jährlich um ein Prozent gekürzt wurde, soll künftig jährlich um 1,5 Prozent sinken. Windstrom vom Land erhält somit ab 2012 nur noch 8,93 Cent je Kilowattstunde und damit nur noch rund die Hälfte des Offshore-Windstroms.

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Der Bundesverband Windenergie (BWE) kritisierte diese Förderpolitik schon vor Wochen scharf: "Es ist energiepolitisch höchst gefährlich, mit der Windenergie an Land gerade die kostengünstigste und wichtigste erneuerbare Energiequelle auszubremsen." Damit mache die Bundesregierung die energiepolitischen Ziele der Bundesländer zunichte, die mit dem Ausbau der Windkraft an Land einen großen Teil ihres Beitrags zum Klimaschutz und zum Atomausstieg leisten wollen. Nun habe zwar der Bundesrat durch Nachbesserungen im Detail noch "das Schlimmste verhindert", sagt Hermann Albers,  Präsident des BWE. Gleichwohl habe die Bundesregierung ein EEG verfasst, das "nicht zu einem beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien führen" werde.  Von einer "Monopolisierung der Windkraft auf See" spricht gar der Verband Eurosolar.

Am meisten gekürzt wird unterdessen bei der dezentralsten aller erneuerbaren Energiequellen, der Sonne. Im kommenden Jahr wird die Vergütung für Neuanlagen je nach Entwicklung des Marktes um bis zu 15 Prozent sinken. Sogar für bestehende Photovoltaikanlagen soll es Einbußen geben: Kleine Solarstromanlagen mit weniger als 30 Kilowatt installierter Leistung sollen künftig auf maximal 70 Prozent ihrer Spitzenleistung begrenzt werden, um die Netze nicht zu überlasten. "Nach unseren Simulationen können dann Ertragsverluste zwischen drei und acht Prozent auftreten", sagt Ralf Haselhuhn von der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie.

Während die Photovoltaik häufig immer noch als teure Energie gescholten wird, soll eine mitunter noch teurere Energie sogar noch mehr Geld erhalten: die Geothermie. Auch dieser Schritt passt ins Schema, weil die Geothermie üblicherweise das Metier kapitalkräftiger Investoren ist. Der Geothermie-Strom, der bisher mit zumeist 23 Cent bedacht wurde, soll künftig sogar mit 25 Cent vergütet werden – ohne jeden Anreiz, die zugleich in großen Mengen anfallende Wärme zum Heizen zu nutzen. So sollen im Jahr 2012 Erdwärmekraftwerke mehr für die Kilowattstunde bekommen als manche Solarstromanlage. Bei guter Marktentwicklung nämlich werden selbst kleine Photovoltaikanlagen, die naturgemäß immer die teuersten sind, ab Januar unterhalb der Vergütung der Geothermie liegen. Und weil die Geothermie im Unterschied zur Photovoltaik bislang keine Fortschritte in der Preisentwicklung aufzeigen kann, wird ihr Abstand zur Photovoltaik wachsen. So übernimmt die Geothermie schon bald den teuersten Part im erneuerbaren Energiemix.

Auch den Ökostromanbietern wird mit dem neuen EEG das Leben erschwert. Die Direktvermarktung von Ökostrom aus deutschen EEG-Anlagen sei "zukünftig nicht mehr möglich" heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der unabhängigen Ökostromanbieter Naturstrom, Greenpeace Energy und Elektrizitätswerke Schönau. Als gravierendes Hindernis sehen die drei Ökostromanbieter die Anforderung, jeden Monat mindestens 30 Prozent des an die Kunden verkauften Stroms durch fluktuierende Quellen wie Windkraft oder Photovoltaik zu decken. Bisher kaufen sie häufig viel von der gut berechenbaren Wasserkraft ein.

Um den neuen Anforderungen gerecht werden zu können, müsse ein Ökostromanbieter permanent ein Vielfaches des eigentlich benötigten Stroms einkaufen, um beispielsweise auch in schwachen Windmonaten die Quote zu erfüllen, sagt Oliver Hummel, Vorstandsmitglied der Naturstrom AG. Nur mit Windprognosen mit einem Vorlauf von bis zu zwei Monaten sei das möglich – aber die gibt es nicht. Was das am Ende bedeutet, liegt auf der Hand: Ökostromanbieter werden noch mehr als heute schon österreichische oder skandinavische Wasserkraft einkaufen, weil ihnen der Kauf von Energie aus deutschen Anlagen verleidet wird.

Autor: Bernward Janzing