Lukratives Geschäft

Flüchtlingslager werfen Traumrenditen für Betreiber ab

Julia Dreier und Ronny Gert Bürckholdt

Von Julia Dreier & Ronny Gert Bürckholdt

Fr, 20. Mai 2016 um 20:08 Uhr

Wirtschaft

Flüchtlingslager als Goldgrube: Es gibt Firmen, die ausgesprochen profitable Geschäfte mit der Unterbringung und Betreuung Schutzsuchender machen. Nun wollen auch neue Anbieter aus der Region profitieren.

Die große Zahl von Geflüchteten stellt nicht nur Behörden vor große Herausforderungen, sondern ist auch zu einem ausgesprochen profitablen Geschäft für private Dienstleister geworden. Sie betreuen und verpflegen im Auftrag der öffentlichen Hand Schutzsuchende. Mit den Renditen, die sie erwirtschaften, können nur die profitabelsten deutschen Firmen mithalten.

13 Prozent Rendite nach Steuern

Eines dieser ausgesprochen erfolgreichen Unternehmen ist die Essener Firma European Homecare, die unter anderem in Freiburg die Erstaufnahmestelle des Landes betreibt. Schon 2014 – also noch vor dem ganz großen Andrang der Flüchtlinge – boomte das Geschäft. Das geht aus dem Jahresabschluss hervor, der von einer Essener Wirtschaftsprüfungsgesellschaft testiert und im Bundesanzeiger veröffentlicht wurde. Der Umsatz legte demnach binnen eines Jahres um 134 Prozent auf 38,9 Millionen Euro zu. Der Gewinn nach Steuern hat sich auf 5,3 Millionen Euro fast vervierfacht. Die Umsatzrendite beträgt vor Steuern 22,9 Prozent und nach Steuern 13,6 Prozent.

European Homecare ist dabei ein wahrer Jobmotor. Die Zahl der Mitarbeiter stieg auf Jahressicht von 241 auf 412. Das Unternehmen betrieb 2014 in sieben Bundesländern 68 Einrichtungen mit 7600 Plätzen. Im Auftrag von Bund, Land oder Kommune kümmert sich der Dienstleister um die Unterbringung, Versorgung, Verköstigung und soziale Betreuung von Asylbewerbern, Aussiedlern, Flüchtlingen und "anderen sozialen Randgruppen (z. B. Obdachlose)", wie es im Jahresbericht heißt. Darin zeigt sich der geschäftsführende Gesellschafter Sascha Korte optimistisch, was die Geschäftsaussicht für 2015 betrifft. Es "wird von einem erheblichen Anstieg der Asylbewerberzahlen in Deutschland geprägt sein. Wir rechnen daher mit einem weiteren Anstieg des Ergebnisses". Und: "Das hauptsächliche Risiko für die Zukunft ergibt sich aus der derzeitigen Notwendigkeit, unsere Kapazitäten erheblich nach oben anzupassen."

Privatfirmen betreiben meist größere Lager

Private Firmen wie European Homecare sind in Südbaden hauptsächlich in Erstaufnahmestellen oder größeren Containerdörfern tätig. Im Regierungsbezirk gibt es vier Erstaufnahmestellen. In Freiburg leben 132 Flüchtlinge, in Villingen-Schwenningen 151. Beide Unterkünfte betreibt European Homecare. In der Erstaufnahmestelle in Donaueschingen mit 367 Flüchtlingen ist der Konkurrent Caring Hand tätig. Dieses Lager war laut Matthias Henrich vom Regierungspräsidium Freiburg an Weihnachten noch mit 2700 Menschen belegt. Die Unterkunft in Sasbachwalden, bislang auch von Caring Hand und später von der Firma UniCare betrieben, ruht dagegen derzeit wegen mangelnder Belegung.

Im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald gibt es 22 Unterkünfte. Sechs Behelfsunterkünfte betreibt die Schweizer Firma ORS: im Gewerbepark Breisgau, in Gundelfingen, Bad Krozingen, Breisach, im Gewerbegebiet Gaisgraben in Staufen und in Müllheim.

Neue Konkurrenten drängen auf den Markt

Die Aussicht auf gute Geschäfte beflügelt den Gründergeist. Im Ortenaukreis ist eine private Betreiberfirma in zwei Unterkünften in Lahr und Offenburg tätig; ein Neuling am Markt. Die Firma OLK Objektverwaltungsgesellschaft mit Sitz in Freiburg betreibt die Flüchtlingsunterkunft am Lahrer Flughafen im Auftrag des Landkreises. Seit einigen Wochen ist sie auch für das Containerdorf in Offenburg mit 530 Plätzen zuständig. Die Gesellschaft selbst hat laut Geschäftsführer Thomas Rogg erst am 1. Mai Namen und Sitz gewechselt. Zuvor hieß die OLK RHS Objektverwaltungs GmbH. Diese Firma wurde am 7. Dezember 2015 gegründet – eigens für den Betrieb der Lahrer Unterkunft. Schon neun Tage später, am 16. Dezember, lud das Landratsamt gemeinsam mit der Firma zur Besichtigung der Unterkunft: ein Containerdorf, das innerhalb kürzester Zeit aufgezogen wurde. Die Container, die die OLK Objektverwaltungsgesellschaft für die Unterkunft in Offenburg an das Landratsamt verpachtet, sind nach BZ-Informationen gebrauchte Container von der Gotthard-Baustelle der Firma Herrenknecht. Die Firma hat die Container demnach für fünf Jahre an das Landratsamt verpachtet. Das Amt stand unter Druck, Container sind Mangelware. Geschäftsführer Thomas Rogg möchte sich auf Anfrage zu Details des Vertrags nicht äußern, das sei mit dem Landratsamt als Auftraggeber so vereinbart. Als Geschäftsführer traten schon bei der RHS Objektverwaltungs GmbH Thomas Rogg aus Fürstenfeldbruck und Markus Blasius Rogg aus Freiburg auf. Markus Rogg ist auch Geschäftsführer bei einem Unternehmen der Freiburger Bellini Gruppe, der Bellini Service und Logistik GmbH – ein Caterer- und Gastronomiedienstleister. Rogg versorgt mit Bellini die Containerdörfer mit Essen – im Auftrag der Firma OLK. Bellini beliefert auch kleine Flüchtlingsunterkünfte in Freiburg.

In Offenburg haben Flüchtlinge vor Kurzem das Cateringessen der damaligen Firma RHS (jetzt OLK) boykottiert – hauptsächlich wohl wegen der Vorgabe, durch das Komplettangebot der Firma Sachleistungen wie Essen zu erhalten und nicht selbst kochen zu dürfen. Dafür bekam ein erwachsener alleinstehender Asylbewerber zum monatlichen Taschengeld von 176 Euro zusätzlich 144 Euro. Diese wurden gestrichen. Wie viel von den 144 Euro an die Dienstleister gehen, die auch das Catering übernehmen, ist unklar. Die Landkreise und das Regierungspräsidium bezahlen das All-inclusive-Paket, wie es Matthias Henrich vom Regierungspräsidium ausdrückt.

Das Land Baden-Württemberg zahlt eine einmalige Pro-Kopf-Pauschale an die Landkreise. 2016 liegt diese je Flüchtling bei 13 972 Euro. Wie viel von dieser Pauschale letztlich an die privaten Betreiber der Flüchtlingsunterkünfte geht, ist nicht in Erfahrung zu bringen.

Häufige Namenswechsel, schlechte Erreichbarkeit

In Donaueschingen gibt es eine Erstaufnahmestelle mit 367 Flüchtlingen, die von der Heidelberger Firma Caring Hand betrieben wird. Geschäftsführer Servet Gürbüz habe früher bei European Homecare gearbeitet, sagt Matthias Henrich: "Aber er hat gemeint, er kann’s selbst besser." Deshalb habe er, gemeinsam mit einem Geschäftspartner, Caring Hand gegründet; auch diese Firma betreut und versorgt Schutzsuchende. Wenige Monate später ist Gürbüz als Geschäftsführer einer neuen Betreiberfirma aufgetreten, von UniCare e. K., nachdem er und Caring Hand getrennte Wege gingen. Nachzulesen ist das auf der Onlineplattform Xing. Caring Hand betreute weiter die EA in Donaueschingen, Unicare bekam den Zuschlag für Sasbachwalden und Immendingen.

Die Erstaufnahmeeinrichtung für bis zu 750 Flüchtlinge im früheren Luxushotel Bel Air in Sasbachwalden hatte seit September 2015 Caring Hand für das Regierungspräsidium Freiburg betrieben. Die Unterkunft ist momentan nicht belegt. Die Erstaufnahmestelle in Immendingen war für 1000 Flüchtlinge ausgelegt. Seit dem 31. März ist sie geschlossen.

Gemeinsam haben die Firmen ihre vertrauenserweckenden Namen wie Caring Hand, European Homecare und Uni-Care. Die Firmen aus Baden-Württemberg teilen auch ihre mangelnde Erreichbarkeit. Für die RHS Objektverwaltungs GmbH oder die OLK Objektverwaltungsgesellschaft finden sich keine Homepages. Bei Caring Hand landet man auf der Suche nach einer Website bei einem Foto mit Kontaktdaten. Ein Impressum fehlt.

Neues Ausschreibungsverfahren – damit der Betrieb rechtlich auf sicheren Füßen steht

Matthias Henrich vom Regierungspräsidium Freiburg betont, dass momentan allen Betreibern der bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtungen (BEA) im Regierungsbezirk gekündigt wurde – aus formalen Gründen. Diese waren ohne Ausschreibungsverfahren beauftragt worden, dabei wäre eigentlich eine europaweite Ausschreibung nötig. Doch am Höhepunkt der Flüchtlingskrise habe es laut Henrich zum Beispiel geheißen: In zwei Tagen kommen 500 Menschen. "Da wurde fast freihändig vergeben, denn irgendwo mussten die Menschen ja untergebracht werden." Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte im Herbst Vergaben ohne Ausschreibung ausnahmsweise erlaubt. Containerdörfer wurden hochgezogen, das knappe Angebot ließ die Preise für Container und Betreuung steigen. "Seit Januar, Februar ist es ruhiger geworden, deshalb können wir jetzt mit dem Ausschreibungsverfahren dafür sorgen, dass der Betrieb durch private Firmen auch rechtlich auf sicheren Füßen steht", so Henrich. Ob da nicht dieselben Betreiber zum Zug kommen wie zuvor? "Beim Ausschreibungsverfahren kommt derjenige zum Zuge, der das wirtschaftlichste Angebot abgibt, in der Regel ist das auch das Billigste. Wenn einer unserer Betreiber beispielsweise das Doppelte verlangt, hat er natürlich keine Chance mehr, den Auftrag zu erhalten", so Henrich.

Es geht auch anders – mit dezentraler Betreuung

In den Landkreisen Waldshut-Tiengen, Emmendingen und Lörrach gibt es laut den Landratsämtern keine privaten Betreiber. Das mag daran liegen, dass es dort keine großen Lager gibt. Beispiel Emmendingen: Hier gibt es rund 80 kleinere Unterkünfte. Der Kreis bringe die Schutzsuchenden dezentral unter, sagt Landratssprecher Ulrich Spitzmüller. Flüchtlingsfamilien wohnen im Landkreis unter anderem in alten Pfarrhäusern, Bahnhöfen und Wirtschaften. Spitzmüller erzählt von guten Erfahrungen mit der Selbstverpflegung: "Die Flüchtlinge können so selbst einkaufen gehen, kommen ins Dorf und knüpfen Kontakte" – anders, als wenn sie von Komplettdienstleistern versorgt werden, für die die Schutzsuchenden ein gutes Geschäft sind.

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