BZ-Interview

Handwerk befindet sich in einer Zeit des Umbruchs

Manuela Müller

Von Manuela Müller

Mo, 19. Juni 2017

Wirtschaft (regional)

Veränderte Berufsbilder, Betriebsinhaber, deren Renteneintritt bevorsteht – das Handwerk befindet sich in einer Zeit des Umbruchs. Manuela Müller sprach mit Michael Rauber und Bernhard Ritter von der Kreishandwerkerschaft Freiburg unter anderem über die Digitalisierung in der Branche.

BZ: Digitalisierung ist für Handwerksbetriebe schon lange ein Thema. Warum spielt es derzeit wieder eine größere Rolle?
Rauber: Es gibt Berufe, in denen sich der Alltag in den vergangenen Jahren durch die Digitalisierung stark verändert hat – zum Beispiel im Elektro- und Kfz-Handwerk. Heute ist Vernetzung ein Schlagwort. Es gibt zum Beispiel Betriebe, in denen jeder Mitarbeiter einen Arbeitsterminkalender auf dem Smartphone hat. Jeder bekommt alle Termine aufs Handy, so dass man gleich sehen kann: Der ist heute dort, oder der könnte noch einen Notfall übernehmen, weil er in der Nähe ist. Innerhalb der Betriebe kommt das papierlose Büro immer stärker im Handwerk an. In anderen Berufen – bei den Raumausstattern zum Beispiel – hat sich durch die Digitalisierung nicht viel verändert.
BZ: Womit – außer vom Berufsbild – hängt zusammen, ob Betriebe auf Digitalisierung setzen?
Rauber: Es macht einen Unterschied, ob es ältere oder jüngere Handwerker sind. Das bemerke ich oft in Gesprächen. Die Jüngeren sind einfach mit dem Computer, dem Smartphone und Facebook aufgewachsen. Die gehen viel alltäglicher mit diesen Geräten und deren Möglichkeiten um.
Ritter: Die Basis ist, dass ein Betrieb eine aktuelle Internetseite hat – auch für die Nachwuchswerbung. Denn wo informieren sich die jungen Leute? Sie schauen sich erst die Internetseite an und tauschen sich über soziale Netzwerke aus.
BZ: Die sozialen Netzwerke sind vor allem für die Werbung nicht zu unterschätzen.
Rauber: Das gilt sicher für die jüngere Generation. Aber wenn man sich dafür entscheidet, muss man die Kanäle auch regelmäßig bedienen, um aktuell zu sein. Ich weiß von einem Kollegen, der damit angefangen hat, über seinen Betrieb auf Facebook zu informieren. Er hat dann aber wieder damit aufgehört, weil er täglich mindestens eine halbe Stunde investieren musste – die ihm natürlich anderswo fehlte.
BZ: Herrscht in Betrieben, in denen die Übergabe ansteht, eine Stagnation, was Investitionen und Innovationen angeht?
Rauber: Hier kann man nicht verallgemeinern. Grundsätzlich beschäftigt uns das Thema Betriebsnachfolge aber. Es ist schwierig, jemanden zu finden, selbst in den Betrieben, in denen die eigenen Kinder das Handwerk gelernt haben. Dieses Problem wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Alteingesessene, gut laufende Betriebe werden schließen müssen, weil kein Nachfolger da ist.
BZ: Grundsätzlich hat das Handwerk Schwierigkeiten, alle Ausbildungsplätze zu besetzen.
Ritter: Die Schulpolitik trägt da eine Mitverantwortung. Wenn ich die vergangenen 20 Jahre betrachte, hat die Wertigkeit der Hauptschule extrem abgenommen. Heute muss es mindestens die mittlere Reife, besser noch das Abitur sein. Mancher fühlt sich mit dem höheren Abschluss fürs Handwerk zu schade.
BZ: Aber im Handwerk gibt es auch diese Tendenz auch, dass höhere Schulabschlüsse erwartet werden.
Rauber: Das liegt auch an den veränderten Berufsbildern. In einigen Bereichen bleiben die Hauptschüler auf der Strecke.
BZ: Was beeinflusst Ihrer Meinung nach junge Leute bei der Berufswahl?
Ritter: Das Image eines Berufs spielt eine Rolle. Einigen ist die Anfangsvergütung nicht so wichtig, wenn sie sehen, dass sie danach etwas mit ihrem Beruf erreichen können. Was wir auch mitbekommen, ist, dass das Elternhaus einen großen Einfluss auf die Berufswahl hat. Die Eltern wirken oft als Hemmschuh, wenn sie vermitteln, dass aus den Kindern nur mit Abitur etwas wird. Da klaffen aber teilweise Wunschdenken und Realität weit auseinander. Denn gerade im Handwerk hat man viele Chancen. Wer heute zum Beispiel eine Metzgerlehre macht, hat gute Karten. Das gilt für fast alle Handwerksberufe. Wer sein Handwerk gut macht, hat berufliche Möglichkeiten, die sich die Auszubildenden aus anderen Branchen nur wünschen können.
BZ: Was unternimmt das Handwerk, um die Berufe für Jüngere attraktiver zu machen?
Rauber: Wir von der Kreishandwerkerschaft versuchen, gerade auch für unsere kleineren Betriebe Angebote zu schaffen, die den Mitarbeitern zugutekommen. Zum Beispiel eine Kooperation mit Hansefit (vom Arbeitgeber unterstützte Sportangebote für Mitarbeiter; die Red.). Wir wollen damit den Betrieben einen Mehrwert an die Hand geben.
Ritter: Wir beteiligen uns gerade auch an einem Projekt, das gemeinsam mit der Uni Hamburg entwickelt wird. Es hat den sperrigen Namen E-Regiowerk und hat zum Ziel, Angebote der Gesundheitsprävention auch für handwerkliche Kleinunternehmen zu schaffen.