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20. Februar 2009

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit

Das Bundeswirtschaftsministerium entdeckt die Kulturbranche .

Die Nachricht passierte ohne viel Aufhebens die Medien. Die Kultur- und Kreativbranche ist einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zufolge ein Stützpfeiler der deutschen Wirtschaft (wir berichteten): wachstumsorientiert – trotz allgemeinen Abschwungs, mit einem Umsatzvolumen von 132 Milliarden Euro (2008), 283 000 Unternehmen und Selbstständigen, rund einer Million Erwerbstätigen und 61 Milliarden Euro (2006) oder 2,6 Prozent Anteil am Bruttosozialprodukt. Womit die Branche einen Mittelplatz zwischen Autoindustrie und Chemieindustrie einnehme. Mit anderen Worten: ein Wirtschaftsbereich, der trotz seines Potenzials weiter gestärkt werden müsse, so Staatssekretärin Dagmar Wöhrl. Was zwei Fragen offen lässt. Zum einen, warum es so langer Zeit bedurfte, bis die Politik darauf aufmerksam wurde, dass hier ein schlummernder Riese unterschätzt wird? Und, zum anderen, welche Konsequenzen nun aus den Ergebnissen der Studie gezogen werden? Wie soll das "Stärken" aussehen in finanzpolitisch so schwierigen Zeiten wie diesen?

Welches Bild haben wir von Kultur?

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Der Kulturbegriff der Gegenwart ist offenbar noch immer ein verengter. Kultur setzen viele mit Orchideenfach, Spielwiese und dem Verschwenden von Steuergeldern gleich. Das hängt mit der Marginalisierung des Feldes zusammen, die der auch in Freiburg und Basel lehrende Ludwigsburger Kulturwissenschaftler Armin Klein in seinem Standardwerk "Der exzellente Kulturbetrieb" an einer Reihe von Beispielen aufzeigt: das Zusammenlegen und Streichen von Kulturressorts auf kommunaler und Länderebene, die Auszehrung von Kultureinrichtungen oder das "Sparen als Politikersatz". Der über Jahrzehnte verengte Blick zeugt nicht nur von wenig Zutrauen, sondern von mangelnder Beschäftigung mit der Branche.

Was bedeutet überhaupt
Kultur- und Kreativbranche?

Elf Kernbranchen rechnet die Studie jenem Bereich zu, der "sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und/oder medialen Verbreitung von kulturellen/kreativen Gütern und Dienstleistungen" befasst: Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, Markt für darstellende Künste, Designwirtschaft, Architekturmarkt, Pressemarkt, Werbemarkt, Software-/Games-Industrie. Wichtigstes gemeinsames Merkmal – der "schöpferische Akt". Die Liste zeigt gleichwohl, dass ein solchermaßen definierter Kulturbereich über den klassischen deutlich hinausgeht. Und wer die einzelnen Teilmärkte aufmerksam studiert, ahnt es schon: Es ist kein homogenes Feld, zumal mit Blick auf die Zuwachsraten. Während Branchen wie die Designwirtschaft, die Software- und Computerspielindustrie, aber auch die darstellenden Künste in den letzten Jahren mit bis über acht Prozent kräftig wachsen, stagnieren andere, zum Beispiel die Rundfunkwirtschaft. Was zeigt, dass die gegenwärtigen Primusse nicht selten die Kleineren sind (Beispiel: Designwirtschaft). Lediglich bei Computer- und Filmindustrie weisen alle Unternehmensgrößen/-klassen ähnliche Umsatzanteile auf.

Wo liegen die Besonderheiten?
Die Kultur- und Kreativbranche ist eine personenintensive. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg bis 2008 auf über eine Million, die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze liegen mit 719 000 nahezu auf Höhe derer der Automobilindustrie. Was gleichzeitig zeigt: Der Anteil der Selbstständigen ist hoch und – was die Studie hervorhebt – wichtig. Ohne Urheber oder Dienstleister hätte keine Firma, kein Konzern, kein Verlag etwas zu verbreiten. Dass Frauen in der Branche einen überdurchschnittlich hohen Anteil haben, gehört zu den weiteren Besonderheiten; sie sind in allen Teilmärkten – Ausnahme Computerindustrie – stärker vertreten als Männer, und selbst bei der Gruppe der Selbstständigen mit über 40 Prozent präsent. In der Gesamtwirtschaft beläuft sich diese Zahl lediglich auf sieben.

Welche Konsequenzen hat die
Studie, welche legt sie nahe?

Es wirkt auf alle Beteiligten wie Balsam, wenn das Bundeswirtschaftsministerium von einer "unterschätzten Branche" spricht, bei der "Wahrnehmung und Wirklichkeit weit auseinander" lägen (Wöhrl). Und sicherlich ist die Studie ein erster Schritt zur Korrektur dieses Bildes. Doch die Schlussfolgerungen aus der Studie sind so unkonkret wie unbequem. Dass "spezifische und neue Entwicklungsmöglichkeiten und -formen" entwickelt werden müssten, ist ein Allgemeinplatz. Dass eine Vermittlung zwischen Akteuren und Institutionen stattfinden müsse, wird diejenigen freuen, die das bereits erkannt haben und umzusetzen versuchen. Wie zum Beispiel das Freiburger Kulturamt, das mit seinem Kulturkonzept genau solche Möglichkeiten der Vernetzung und Strukturverbesserung auszuschöpfen sucht. Dass es verbesserte, unbürokratischere finanzielle Förderungsmöglichkeiten gerade mit Blick auf den Mittelstand, der innerhalb der Branche eine wichtige Rolle spielt, geben sollte, wird man auch nicht bestreiten. Doch spätestens hier wird die Studie von der Realität des Jahres 2009 eingeholt. Im Gegensatz zu anderen Branchen bleibt die Produktivität der Kultur- und Kreativbranche nämlich weitgehend konstant, weil eine Automatisierung der Arbeitsprozesse eine geringere Rolle spielt. Woraus folgt: Steigende Lohnkosten können kaum abgepuffert werden. Und dass ein hoher Anteil der Kunstschaffenden nicht zu den Spitzenverdienern gehört, wird den schlummernden Riesen wenig beweglicher machen. Die alte Weisheit Karl Valentins lässt die Branche auch mit neuem ministeriellen Rückenwind allenfalls gedämpft optimistisch in die Zukunft schauen: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. http://www.bmwi.de

Autor: Alexander Dick