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01. Januar 2009 14:48 Uhr

Verbraucherschützer warnen

Mieses Geschäft mit der Trauer

Die Verbraucherzentrale spricht von Täuschung: Ein ominöser Bundesanzeiger für Bestattungen will die Angehörigen von Verstorbenen ködern.

  1. Trauer ist etwas sehr Privates. Dennoch wollen Zeitgenossen Geschäfte damit machen. Foto: fotolia

Als Gerd Hilbrich aus Rheinfelden (Name geändert) kurz vor Weihnachten starb, traf das seine Frau und die Familie schwer. Hilbrichs schalteten eine Todesanzeige. Noch am Tag der Veröffentlichung suchte ein Geschäftemacher aus Wildeshausen bei Oldenburg die zum Namen gehörige Adresse und schrieb der Witwe einen Brief: Eine Offerte, die auf den ersten Blick wie eine amtliche Rechnung aussieht. Für die Eintragung des Namens ihres Mannes auf einer Internetseite soll Carla Hilbrich 198 Euro bezahlen.

Bundesweit erreichen Schreiben mit dem Briefkopf Bundesanzeiger für Bestattungen, neben dem ein minimal verfälschter Bundesadler gesetzt ist, Familien, die erst vor wenigen Tagen einen Angehörigen verloren haben. Auf den Schreiben befindet sich ein ein minimal verfälschter Bundesadler. Familie Hilbrich hat das Geld nicht überwiesen, sondern sich zunächst informiert. Bernd Mattes vom Bestattungsinstitut Frank in Rheinfelden nennt das als "Offerte/Rechnung" titulierte Schreiben "schlichtweg eine Ausnutzung einer Trauersituation." Dass auf der Internetseite des so genannten Bundesanzeigers für Bestattungen dennoch der Name Gerd Hilbrichs mit Geburts- und Todestag auftaucht, findet er "unmöglich".

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VERBRAUCHERSCHÜTZERIN SPRICHT VON EINER "SCHANDE"

Auch Evelyn Keßler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sieht es als eine "Schande, dass Menschen, die unter dem schweren Druck leiden, einen geliebten Menschen verloren zu haben, derart getäuscht werden." Zwar steht in dem Schreiben, dass es sich um eine Offerte handelt, da aber der Eindruck erweckt wird, dass eine Behörde schreibe, sei dies Verbrauchertäuschung. "Das Wort Betrug nehme ich nur in den Mund, wenn jemand wegen eines solchen Vergehens von einem Gericht verurteilt worden ist", fügt sie an.

Bei Gericht ist noch kein Fall bekannt. Dafür ist die Masche zu frisch. Das Polizeipräsidium Rheinfelden hat das Schreiben an die Staatsanwaltschaft Lörrach zur Prüfung weitergeleitet. Bei der Staatsanwaltschaft Berlin – Berlin ist im Brief als Gerichtsstand vermerkt – ist der Bundesanzeiger noch nicht aktenkundig. Nach einer Schilderung geht die Pressesprecherin allerdings davon aus, davon in Zukunft noch mehrmals zu hören zu bekommen.

KEINE ABZOCKE, SONDERN EINE DIENSTLEISTUNG?

Die Internetseite existiert nach Angaben des im Impressum als "inhaltlich verantwortlich" bezeichneten Dirk Kramer, erst seit vier Wochen. Der Unternehmer sieht in seinem Angebot keine Abzocke, sondern bezeichnet sie als Dienstleistung für Trauernde. "Wir hatten selbst einen Todesfall und Verwandte aus Polen konnten nicht zur Beerdigung kommen", beschreibt er seine Motivation. Geld stehe an zweiter Stelle. Wer auf seiner Internetseite eingetragen ist, könne "auf Lebenszeit seinen Namen im Internet finden. Das ist seinen Preis wert."

Kramer sagt, er schaue sich Todesanzeigen an und schreibe unverbindliche Angebote. Als Abonnent der Badischen Zeitung habe er die Daten der Hilbrichs aus der Zeitung. Nachweislich ist Kramer nicht Abonnent der Badischen Zeitung . Wahrscheinlicher dürfte jedoch sein, was Bestatter Mattes schätzt: "Die rufen wohl Todesanzeigen online ab."

ZAHLUNGSVERPFLICHTUNGEN WERDEN VORGETÄUSCHT

Familie Hilbrich möchte gegen die Veröffentlichung im Internet vorgehen, den Betreiber zunächst mit einem Schreiben dazu auffordern, die Daten zu löschen und notfalls einen Anwalt einschalten. Für Kramer unverständlich: "Wir schreiben die Daten ins Internet und wenn jemand nicht bezahlt, löschen wir das nach zwei Monaten wieder."

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger hat gerade den Deutschen Schutzverband gegen Wirtschaftskriminalität eingeschaltet, um diesem "besonders verwerflichen und gewissenlosen" Vorgehen ein Ende zu bereiten.

Peter Solf, Mitglied der Geschäftsführung beim Deutschen Schutzverband gegen Wirtschaftskriminalität erinnert sich an eine "ähnliche Masche" vor ein paar Jahren, die strafrechtlich bis vor den Bundesgerichtshof ging und zur Verurteilung des Versenders führte.

Auch im aktuellen Fall handelt es sich seiner Meinung nach um einen Verstoß gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. "Es werden Zahlungsverpflichtungen vorgetäuscht, die nicht existieren", so Solf. "Es sollte auf jeden Fall davor gewarnt werden!"

Lesen Sie auch: BZ-Serie zur Bestattungskultur in der Region

Autor: Ralf H. Dorweiler