Südbaden

Rund ein Drittel der Betriebe kann nicht alle Ausbildungsplätze besetzen

Barbara Schmidt

Von Barbara Schmidt

Mi, 22. August 2018 um 11:52 Uhr

Wirtschaft

Betriebe unternehmen viel, um Nachwuchs zu gewinnen. Trotzdem blieben 2017 in Südbaden etliche Lehrstellen unbesetzt.

Firmenwagen für Azubis, übertarifliche Bezahlung oder zusätzliche Urlaubstage – solche Anreize müssen auch immer mehr Unternehmen in Südbaden bieten, um noch genügend Lehrlinge zu finden. "Auf dem Ausbildungsmarkt knirscht es ganz gewaltig", sagt Simon Kaiser, Leiter des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein. Am Mittwoch stellte Kaiser die Ergebnisse der neuesten Ausbildungsumfrage vor.

Demnach konnten 30,1 Prozent der befragten Unternehmen im vergangenen Jahr nicht alle angebotenen Lehrstellen besetzen. Von 1184 Stellen blieben 127 oder 10,7 Prozent unbesetzt. "Hochgerechnet auf den Kammerbezirk würde das bedeuten, dass 450 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden konnten. Das ist eine enorme Zahl", so Kaiser. Besonders schwer taten sich Betriebe im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald (39 Prozent). Im Hochschwarzwald zu arbeiten, erscheint vielen jungen Leuten eben weniger attraktiv als ein Arbeitsplatz in der Stadt. Etwas besser sieht die Lage in Freiburg (27,1 Prozent) und im Ortenaukreis (31,4) aus. Spitzenreiter ist der Kreis Emmendingen, wo nur 20 Prozent der Betriebe auf Lehrstellen sitzen blieb.

Bundesweit ist der Ausbildungsmarkt noch angespannter: 34 Prozent der Firmen bekamen nicht alle Lehrstellen besetzt – der höchste Wert, den der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nach eigenen Angaben jemals in seiner jährlichen Ausbildungsumfrage ermittelt hat.

Am Oberrhein blieben vor allem bei Banken, Versicherungen und im Gastgewerbe Lehrstellen frei. In den meisten Fällen fehlten schlicht die passenden Bewerber, rund 30 Prozent der Betriebe bekamen gar keine Bewerbungen. Es werde immer schwieriger, Jugendliche für eine Ausbildung zu interessieren, bestätigte Marie-Luise Wolf, Ausbildungsbetreuerin für Lagerlogistik beim Autozulieferer SMP in Bötzingen. Auf Jobstartbörsen "muss man Action und was zum Anfassen bieten, sonst kommen die Schüler erst gar nicht an den Stand. Wir wissen bald nicht mehr, wie wir es noch ansprechender gestalten können", sagte Wolf.

Neben einem besseren Marketing versuchen Firmen vor allem über Praktika, Nachwuchs zu gewinnen. Manche nehmen auch neue Bewerbergruppen in den Blick, Studienabbrecher ebenso wie Flüchtlinge. Zwölf Prozent der Betriebe bilden bereits Flüchtlinge aus, nach sieben Prozent im Jahr zuvor. Von 23 auf 14 Prozent gesunken ist die Zahl jener, die angeben, in den nächsten zwei Jahren Flüchtlinge ausbilden zu wollen.

Manchmal schlummern auch im eigenen Betrieb noch ungenutzte Ressourcen in Gestalt von Mitarbeitern, die durch eine Fortbildung oder Umschulung zur heiß begehrten Fachkraft werden können. Wolf schilderte das Beispiel eines Leiharbeiters, Anfang 20, mit schlechtem Abi. Der junge Mann "hat sich mit unseren Azubis unterhalten und ist von denen gepusht worden. Plötzlich hatte ich seine Bewerbung für eine Ausbildung zur Fachkraft Lagerlogistik auf dem Tisch". Inzwischen denke der Kollege schon an ein Studium oder eine Weiterbildung. "Aber", schränkte Wolf ein, "das betrifft nur eine ganz geringe Anzahl."

Es weist aber auf ein Problem hin, das ihrer Meinung nach viel zum Mangel beiträgt: "Viele Jugendliche wissen gar nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Eltern müssten ihre Kinder auf den richtigen Weg bringen, statt sie einfach ziehen zu lassen", so Wolf. Unklare Berufsvorstellungen von Schulabgängern nennen 92 Prozent der Betrieb als Hürde – der mit Abstand höchste Wert seit 2012. Zwar sind Arbeitsagentur, Schulen und Kammern in Sachen Berufsorientierung inzwischen sehr aktiv, doch "es braucht eine bessere Koordination und Harmonisierung der Angebote", forderte Kaiser.

Haben die Firmen endlich einen Azubi gefunden, entpuppen sich immer mehr als unmotiviert, wenig belastbar und undiszipliniert. Heute bekämen Jugendliche eine Chance auf dem Ausbildungsmarkt, die früher keine hatten, schloss Kaiser aus den Zahlen. Mit den Problemen, die daraus folgten, dürften die Betriebe von Politik und Gesellschaft nicht alleine gelassen werden, betonte er. An der Umfrage der IHK beteiligten sich 212 Ausbildungsbetriebe. Zusammen repräsentieren sie laut Kaiser etwa ein Viertel aller Ausbildungsplätze im Kammerbezirk.