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21. September 2009 22:06 Uhr

Prognos-Studie

Südbadens Wirtschaft: Zurück zu alter Stärke

Das erfreuliche Ergebnis einer Studie: Südbaden leidet zwar unter der weltweiten Wirtschaftskrise, hat aber gute Perspektiven – dazu muss es sich nicht neu erfinden, sagen die Experten des des Wirtschaftsprüfungsinstituts Prognos.

  1. Foto: Bz

FREIBURG. Baden-Württemberg leidet unter der Weltwirtschaftskrise so stark wie kaum ein anderes Bundesland. Die starke Einbindung in den eingebrochenen globalen Handel schlägt voll durch – auf die Auftragsbücher der Industrie und die Bilanz des Arbeitsmarktes. Dennoch stellen die Wirtschaftsexperten des Schweizer Prognos-Instituts keinem anderen Bundesland derartig gute Entwicklungschancen in Aussicht wie dem Südwesten der Republik. Denn die Krise wird irgendwann vorbei sein und dann werde aus dem Fluch wieder ein Segen, sagen die Experten.

Was haben die Forscher untersucht? Sie haben sich gefragt, welche deutschen Regionen sich wahrscheinlich im kommenden Jahrzehnt wirtschaftlich am besten entwickeln. Sie haben sieben Wirtschaftszweige identifiziert, die in den vergangenen Jahren die meisten Werte geschaffen haben. Die Forscher gehen davon aus, dass diese Branchen ihre Bedeutung nicht so schnell verlieren werden. Sie schreiben also einen Trend fort. Die Leitbranchen sind: Maschinenbau; Fahrzeugbau (nicht nur Autos); Logistik; Mess-, Steuer-, Regeltechnik; Informations- und Kommunikationstechnologien, Gesundheitswirtschaft sowie die hochwertigen Unternehmens- und Forschungsdienstleistungen. Regionen, die darauf spezialisiert sind, die viele Arbeitsplätze in diesen Branchen vorweisen und in denen jüngst viele neue solcher Jobs entstanden sind, gelten als Gegenden mit guter Zukunft. Auffällig ist die starke Konzentration auf die Industrie und die mit ihr verknüpften Dienstleistungen wie die Wartung von Maschinen. "In Deutschland wird es keine Deindustrialisierung geben, auch wenn die Industrie derzeit von der Krise hart getroffen wird", sagt Forscher Peter Kaiser voraus.

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Welche Regionen sind vorn? Bei den Städten führt Hamburg vor Berlin und München. Stuttgart ist sechster. Diese Großstädte zeichneten sich durch einen guten Mix der Zukunftsbranchen aus. Das mache sie unabhängiger in Krisenzeiten wie diesen, da nicht alle Wirtschaftszweige gleich stark gebeutelt werden. Der Osten des Landes hinkt 20 Jahre nach dem Fall der Mauer der Studie zufolge noch immer hinterher. Berlin, Dresden und Leipzig sind die Ausnahme.

Baden-Württemberg gewinnt den Wettbewerb der Bundesländer, was vor allem am bärenstarken Schwaben liege, aber auch an Baden. Nirgends sonst als im Südwesten seien die wirtschaftlichen Perspektiven besser, sagen die Forscher von Prognos.

In Südbaden schneidet unter dem Strich der industriegeprägte Ortenaukreis sehr gut ab. Dies liegt vor allem am starken Maschinenbau. Hierbei sei die Ortenau auf Rang 14. in Deutschland. Knapp hinter der Ortenau liegen gleichauf die Stadt Freiburg, die Kreise Lörrach, Breisgau-Hochschwarzwald und der Schwarzwald-Baar-Kreis. Bundesweit im Durchschnitt liegen die Kreise Emmendingen und Waldshut. Keine Gegend im Verbreitungsgebiet der Badischen Zeitung liegt unter dem bundesweiten Durchschnitt.

Die Region um Freiburg gehört laut Kaiser bundesweit zu den führenden Zentren der Mess-, Steuer-, und Regeltechnik (siehe Grafik). Die Unternehmen dieser Branche sorgen mit ihren Produkten zum Beispiel dafür, dass im richtigen Moment Benzin in einen Automotor gespritzt wird oder messen, wie viel Gas durch eine Leitung fließt. In Südbaden sind sechs Mal so viele Menschen in dieser Branche tätig wie im bundesdeutschen Schnitt. "Hier ist die Region superstark", sagt Kaiser.

Welche Schwäche hat die Studie?
Südbaden kommt offensichtlich schlechter weg als es der Realität entspricht. Dies liegt daran, dass das Prognos-Institut, das seinen Sitz in Basel hat, den enormen Einfluss der Schweizer Pharma- und Biotechnologiebranche auf die Region nicht berücksichtigt. "Die Wirkungen des Schweizer Arbeitsmarktes haben wir in unserer Untersuchung ausgeklammert", sagt Kaiser.

Wird die Industrie Südbaden viele neue Jobs bringen?
Die Antwort lautet laut Kaiser: Ja, aber. Weil die Industriebetriebe im Gegensatz zu den personenbezogenen Dienstleistungen immer produktiver arbeiten, kann dieselbe Menge an Produkten mit immer weniger Menschen hergestellt werden. Deshalb ist die Industrie zu großem Wachstum verdammt, will sie ein Jobmotor sein. "Die Industrie wird künftig nebenbei mehr und mehr Dienstleistungen anbieten müssen, um dies erreichen zu können." Es werde nicht mehr genügen, nur komplizierte Maschinen in alle Welt zu liefern. "Wenn sie aber deutsche Dienstleister haben, die die Maschinen aufbauen, in Gang halten und warten, dann schafft das neue Arbeitsplätze", erklärt Kaiser. Er spricht von hybrider Wertschöpfung – die nur ein Zwitter aus klassischer Industrie und Dienstleistung erbringen könne. "Hier liegt Deutschlands große Chance", sagt der Forscher. "Deshalb müssen wir weiter um den Titel des Exportweltmeisters kämpfen, zumindest aber in der obersten Liga mitspielen. Bundesländer wie Baden-Württemberg werden ihren hohen Lebensstandard nicht sichern können, wenn sie nur ins Inland schauen." Diese Prognose hat weitreichende Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt und die Bildungspolitik. "Für Niedrigqualifizierte wird nicht nur in Baden-Württemberg der Arbeitsmarkt immer enger. Bei den Hochqualifizierten dagegen wird die Nachfrage an Arbeitskräften das Angebot bei weitem übersteigen – wenn man nicht gegensteuert."

Wo liegen Südbadens Schwächen?
In der Medizintechnik spielt laut Prognos nur die Stadt Freiburg eine gewichtige Rolle. Unklar ist laut Kaiser, ob sich die deutschen Autobauer schnell genug an die radikal veränderten Wünsche der Kunden anpassen – und damit auch die vielen Zulieferer in der Region. "Darüber werden die nächsten fünf bis zehn Jahre entscheiden. Ich denke aber, dass die deutschen Autobauer aus dem Strukturwandel ganz gut rauskommen werden."

Weitgehend bedeutungslos sei Südbaden in der Informations- und Kommunikationsbranche, in der Forschung, auch, was Unternehmensberatung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit angehe. Diesen Wettbewerb sei gegen die großen Städte kaum zu gewinnen. Umso wichtiger ist es laut Kaiser, dass sich Südbaden auf seine Stärken konzentriert – und diese liegen in der Industrie und in der Gesundheitswirtschaft.

Autor: Ronny Gert Bürckholdt