Fragen und Antworten

Stürzt Trump die Weltwirtschaft in Turbulenzen?

Thomas Kaufner , Ronny Gert Bürckholdt

Von Thomas Kaufner (dpa), Ronny Gert Bürckholdt

Di, 24. Januar 2017 um 00:00 Uhr

Wirtschaft

Der neue Präsident der USA, Donald Trump, kündigt Einfuhrzölle an. Stürzt er mit einer protektionistischen Handelspolitik die Weltwirtschaft in Turbulenzen? Fragen und Antworten.

Schwarze Szenarien machen die Runde: Die neue US-Regierung könnte die Welt in einen schweren Handelskonflikt stürzen. Mit seinen ersten Worten als Präsident hat Donald Trump diese Sorgen verstärkt. Am Montag bekräftigte er, dass US-Unternehmen Strafzölle zahlen sollen, wenn sie ihre Produktion zum Beispiel nach Mexiko verlagern. Noch diese Woche sollen auf Ministerebene Gespräche über eine Reform des Freihandelspakts mit Mexiko und Kanada (Nafta) beginnen. Auch beerdigt Trump die US-Mitgliedschaft in der geplanten Transpazifischen Freihandelszone TPP.

Gab es nicht schon mal eine protektionistische Phase in den USA? Was geschah damals?
Zwar ist die Ausgangslage aus Zeiten der Weltwirtschaftskrise ab 1929 überhaupt nicht mit heute zu vergleichen – dennoch sehen sich zahlreiche Beobachter an den letzten großen Protektionisten als US-Präsident erinnert: Herbert Hoover. Wissenschaftler protestierten, der Unternehmer Henry Ford sprach von einer wirtschaftspolitischen Dummheit – doch Hoover (1874–1964), 31. US-Präsident, glaubte an die Wirksamkeit von Schutzzöllen und unterzeichnete das 1930 verabschiedete Smoot-Hawley-Zollgesetz. Mit der Erhöhung der Importzölle wollte der Republikaner amerikanische Farmer zur Zeit der Großen Depression vor billiger ausländischer Konkurrenz schützen. Die Bauern könnten so höhere Preise erzielen, hoffte Hoover. Doch die Rechnung ging nicht auf, denn die Krise in den USA war der eigenen Überproduktion geschuldet. Die Preise stiegen nicht, die Zölle blieben ohne Wirkung. Dafür reagierte Europa mit drastischen Zollerhöhungen, die exportorientierten amerikanischen Hersteller blieben deshalb auf ihren Waren sitzen. Hoovers protektionistische Politik hatte für den weltweiten Handel verheerende Folgen. Heute gilt das von den beiden Republikanern Reed Smoot und Willis Hawley initiierte Gesetz als eine der wichtigsten Ursachen dafür, dass aus der Rezession nach dem Börsencrash vom 24. Oktober 1929 die Weltwirtschaftskrise wurde.

Was hat der neue US-Präsident Trump zum Freihandel gesagt?
"Buy American" lautet das ökonomische Credo des neuen US-Präsidenten Donald Trump – Kauft Amerikanisch! "Viele Jahrzehnte lang haben wir ausländische Industrien auf Kosten der amerikanischen Industrie reicher gemacht", sagte er bei seinem Amtsantritt. "Wir müssen unsere Grenzen vor den Verwüstungen durch andere Länder schützen, die unsere Produkte herstellen, unsere Firmen klauen, unsere Arbeitsplätze zerstören." Mit solch markigen Worten bekräftigte Trump im Amt, was er im Wahlkampf angedeutet hatte. Ist das alles nur Rhetorik, oder will er die USA wirklich wirtschaftlich abschotten – und geht das überhaupt? Müssen die Amerikaner auf Haribo Gold Bears oder Mercedes verzichten? Und auf iPhones, die lediglich "designed by Apple in California" sind, aber in China zusammengebaut werden? Und müssen sich viele Unternehmen dann neue Absatzmärkte suchen?

Was könnte auf die globalisierte Wirtschaftswelt zukommen?
Solange keine detaillierten Pläne vorliegen, sind nur Mutmaßungen möglich. Im Extremfall, so wird befürchtet, könnte Trump die Idee haben, den amerikanischen Markt mehr oder weniger dichtzumachen für ausländische Produkte oder Waren, die nicht Made in America sind. Konkret hat Trump bislang den raschen Rückzug aus der geplanten, aber noch gar nicht ratifizierten transpazifischen Partnerschaft (TPP) per Dekret geregelt. Angekündigt hat er, das nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) mit Kanada und Mexiko neu zu verhandeln oder zu kündigen. Solche Abkommen sollen Hürden für den gegenseitigen Handel beseitigen, etwa, indem Zölle abgeschafft werden. Verstöße anderer Länder gegen Handelspakte will er "mit allen Mitteln" bekämpfen. Die Welthandelsorganisation WTO, die mit ihren 162 Mitgliedern über die Einhaltung von Handelsregeln wacht, hat Trump bislang nicht infrage gestellt.

Wie begründet Trump seinen Kampf für neue Handelsregeln?
Amerikaner hätten, so argumentiert er, viel zu lange Handelsabkommen akzeptiert, die an den Interessen der arbeitenden Menschen vorbei gingen. "Als Ergebnis mussten Arbeiterstädte mit ansehen, wie ihre Fabriken geschlossen wurden und gut bezahlte Jobs nach Übersee wanderten – während Amerikaner mit einem wachsenden Handelsdefizit und einem verwüsteten Produktionsstandort konfrontiert sind", schreibt der Präsident auf der Website des Weißen Hauses.

Ist die wirtschaftliche Lage der USA denn wirklich so verheerend?
Keineswegs, wenn man die US-Volkswirtschaft als Ganze betrachtet. Mit ihren mehr als 320 Millionen Einwohnern stehen die USA für eine Wirtschaftsleistung von mehr als 18 Billionen Dollar – und die US-Wirtschaft wächst ordentlich weiter. Auch liegt die US-Wirtschaftsleistung weiter über der Nummer zwei, China, wobei China viermal so viele Menschen hat. Auch auf den Weltmärkten spielen die USA in der Topliga. Hinter Exportweltmeister China liegen sie auf Platz zwei der größten Warenexporteure, seit Jahren sogar vor dem einstigen Spitzenreiter Deutschland.

Aber vielen Leuten geht es doch schlecht?
Nach der Finanzkrise und der verheerenden weltweiten Rezession 2009 lag die Arbeitslosenquote jahrelang über acht Prozent – und dies, ohne dass Arbeitslosigkeit in ähnlichem Maße sozial abgefedert wird wie vom deutschen Wohlfahrtsstaat. So lange waren seit der Großen Depression vor mehr als 80 Jahren noch nie so viele Amerikaner ohne Arbeit. Das ist inzwischen überwunden. Die Zahl der Arbeitsplätze steigt ununterbrochen. Die Arbeitslosenquote lag zum Jahresende 2016 bei 4,7 Prozent. Im November hatte sie mit 4,6 Prozent den niedrigsten Stand seit August 2007. Allerdings haben sich auch zahlreiche enttäuschte Amerikaner vom Arbeitsmarkt zurückgezogen und suchen gar nicht mehr nach Arbeit. Auf der Sonnenseite stehen auch nicht alle Gegenden der USA. Zum Beispiel der Großraum Detroit. Die einstige Motortown wurde nach mehreren Krisen zum traurigen Zentrum der verfallenden Schwerindustrie im "Rostgürtel" der nördlichen USA.

Wo liegt das Problem?
Seit Anfang der 1990er-Jahre hat vor allem das Defizit im Handel mit Konsumgütern – von Kleidung über Spielzeug bis zu TV-Geräten – massiv zugenommen. Ökonomen erklären das damit, dass derartige Güter in den USA nicht mehr wettbewerbsfähig herzustellen waren. Mit der Integration von China, Indien und Co. in die Weltwirtschaft wurden denn auch viele arbeitsintensive Produktionsprozesse ins Ausland verlagert. Die Probleme in der Autobranche gelten zu Teilen aber auch als hausgemacht. Eine verfehlte Modellpolitik und Qualitätsmängel hätten die Käufer in die Arme ausländischer Anbieter getrieben.

Zudem leben die USA als Importweltmeister seit Jahren ökonomisch über ihren Verhältnissen. Die Ausfuhren von Agrarprodukten, Flugzeugen und Software aus Kalifornien, Texas, Michigan und Co. reichen bei Weitem nicht aus, den viel größeren Strom an Einfuhren auszugleichen. Neben den Nachbarn Mexiko und Kanada ist China einer der wichtigsten Handelspartner. Vor allem Unterhaltungs- und Haushaltselektronik kommt in Unmengen aus Asien. China allein steht für einen guten Teil des US-Handelsbilanzdefizits gerade. Ein Grund, warum die USA seit Jahren mit Peking im Clinch liegen. Der Vorwurf: China halte seine Währung künstlich billig und fördere damit seine Ausfuhren über Gebühr. Aber auch für den Handel mit Deutschland gilt: Die USA führen viel mehr Güter von hier ein als aus. Das gilt aus deutscher Perspektive aber für so gut wie jeden Handelspartner.

Dann klingt es doch aus US-Sicht nach einem guten Rezept, jetzt die Importe zu beschneiden?
Nur auf den ersten Blick. Der US-chinesische Wirtschaftsrat USCBC argumentiert im Gegenteil, dass die Handelsbeziehungen mit China aktuell 2,6 Millionen Jobs in den USA sicherten – einschließlich der Arbeitsplätze, die chinesische Firmen in Amerika geschaffen hätten. USCBC nennt als Beispiele den Hausgerätehersteller Haier, der Anfang 2016 die Hausgerätesparte des US-Riesen General Electric kaufte, oder den Autozulieferer Wanxiang, die beide für jeweils mehr als 10 000 Arbeitsplätze stünden.

Was sagen Ökonomen zum Nutzen von Einfuhrhemmnissen?
Die Idee, die heimische Wirtschaft über Importzölle zu schützen, zählt für die Ökonomen der Bertelsmann-Stiftung zu den "Makro-Mythen" der Volkswirtschaft. Demnach scheint es nur so, dass sie ein geeignetes Mittel sind, um die heimische Wirtschaft zu stärken. "Tatsächlich aber schwächt diese Einschränkung des internationalen Handels Wachstum und Beschäftigung in allen Volkswirtschaften, die von diesen Handelseinschränkungen betroffen sind."

Was würde geschehen, wenn Trump die Importe in die USA erheblich erschwert?
Zum einen würden etliche importierte Waren teurer. US-Kunden müssten also bei Toys’R’Us möglicherweise viel mehr für Spielzeug Made in China zahlen – oder fänden nur noch teurere Produkte aus heimischer Fertigung vor. Außerdem müsste mit Vergeltung der Gegenseite, etwa Einfuhrzölle für US-Waren in Mexiko oder China, gerechnet werden. Dies wiederum würde die Exportchancen US-amerikanischer Produkte einschränken. Langfristig droht indes noch ein viel größeres Problem: Lasse der Druck durch ausländische Konkurrenten nach, sinke auch der Zwang, die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den ausländischen Konkurrenten zu verbessern, so Bertelsmann-Autor Thieß Petersen.

Müssen sich die Deutschen Sorgen machen?
"Wenn die US-Wirtschaft hustet, bekommen Europa und Deutschland eine Lungenentzündung" – diese Faustformel galt über Jahrzehnte. Mittlerweile hat die direkte Bedeutung der US-Wirtschaft etwas abgenommen. In den 1960er- und 1970er-Jahren gingen noch bis zu 14 Prozent der deutschen Ausfuhren in die USA. Der Anteil hat sich halbiert. Als Abnehmer viel wichtiger sind unsere europäischen Nachbarn. Am stärksten nach vorn kam in den vergangenen Jahren allerdings China. Für einzelne Branchen könnten Handelshindernisse indes schon empfindlich sein, zum Beispiel für den Maschinenbau. Die USA sind der größte Einzelmarkt für den Export von Maschinen "Made in Germany". Deshalb warnte der Branchenverband VDMA auch schon: "Präsident Trump spielt mit dem Feuer."