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20. August 2009

Weiterbilden statt entlassen

Die Wirtschaftskrise hat auch das Freiburger Elektronikunternehmen MSC hart getroffen / Es reagiert ungewöhnlich darauf.

FREIBURG. Die Krise sei auch eine Chance, heißt es oft – oft bleibt dieser Satz nur eine Floskel. Nicht aber für Ayse Saki. Die 39 Jahre alte Türkin, die im Alter von neun Jahren nach Deutschland kam, sagt: "Ich bekomme jetzt eine einmalige Chance." Ayse Saki tritt selbstbewusst auf, hat zwei Kinder, einen Hauptschulabschluss, aber keine abgeschlossene Berufsausbildung. Sie ist eine von jenen Menschen, die als gering qualifiziert gelten, als angelernte Arbeitskraft. Nun beginnt sie eine Ausbildung zur Fertigungsmechanikerin. "Ich wollte es meinen Kindern vormachen. Man kann weiterkommen. Mama fängt mit fast 40 noch eine Lehre an." Ohne die Krise wäre das kaum geschehen.

Denn die Firma Microcomputers Systems Components (MSC), für die Saki arbeitet, nutzt in Freiburg die Auftragsflaute im großen Stil dafür, ihre Mitarbeiter weiterzubilden. Das ist ungewöhnlich, weil sich viele Firmen damit schwer tun.

Saki und 20 ihrer Kollegen, die bislang vergleichsweise anspruchslose Arbeit erledigten, drücken nun wieder die Schulbank. Sie bilden eine eigene Klasse an der Berufsschule in Müllheim. Zwei Jahre dauert die Ausbildung. Am Ende werden viele Teilnehmer ihren ersten Berufsabschluss vorweisen können. Viele sind wie Saki um die 40 Jahre alt.

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Liefe bei MSC alles normal und gäbe es nicht den Einbruch der Bestellungen um 27 Prozent, hätte die Geschäftsführung nicht einfach 21 Mitarbeiter aus der Fertigung abziehen und in die Berufsschule schicken können. Nun ist genug Luft in der Produktion dafür.

Die Beitragszahler bezuschussen die Weiterbildung

"Schauen Sie hier", sagt Geschäftsführer Dieter Meissle beim Gang durch die Produktionshalle in Freiburgs Gewerbegebiet Haid. "Wir wollten 1000 von diesen Geräten in diesem Jahr herstellen. Wissen Sie, wie viele wir ausgeliefert haben? Keins." Mit den Geräten in den Lkw kann die Zentrale einer Spedition aus der Ferne erkennen, wo jeder einzelne ihrer Lastwagen herumfährt. Doch der Bau von neuen Lastwagen ist weltweit nahezu ausgesetzt. Deshalb hat MSC in Südbaden weniger zu tun. Mehrere Produktionsstraßen sind verwaist. Andere laufen noch, wenn auch häufig mit Zwangspausen, etwa das Geschäft mit Medizintechnik. Defibrillatoren, Geräte gegen den Herztod etwa, werden auch in Rezessionen gebraucht. MSC baut die Einzelteile, setzt sie zusammen, liefert fertige Geräte.

Die Berufsschulklasse mit Frau Saki ist Teil einer Strategie, mit der die Firma MSC ihre Zukunft sichern will. Geschäftsführer Meissle will nach und nach die einfachen Tätigkeiten aufgeben, die unter immer stärkeren Druck der asiatischen Konkurrenten kommen. Stattdessen sollen die Tätigkeiten ausgebaut werden, die von den Mitarbeitern eine hohe Qualifikation erfordern.

Der deutsche Beitragszahler hilft bei der strategischen Neuausrichtung. Denn die Weiterbildung wird von der Arbeitsagentur Freiburg bezuschusst. Frau Saki und ihre Kollegen bekommen ihr Gehalt wie gewohnt voll vom Unternehmen weitergezahlt, nicht von der Arbeitsagentur, was psychologisch einen Unterschied macht. Das Unternehmen muss unter dem Strich nur für die Kosten aufkommen, die für einen Auszubildenden anfielen. Die Differenz stockt die Arbeitsagentur auf. "Ich bekomme nach zwei Jahren die Leute, die ich bereits kenne, aber besser ausgebildet", sagt Geschäftsführer Meissle. "So habe ich keine Kosten bei der Suche nach Mitarbeitern und auch kein Risiko, den falschen auszuwählen. Außerdem wird die Bindung der Mitarbeiter an unser Unternehmen enger."

Im Raum Freiburg ist jeder zehnte Kurzarbeiter in Weiterbildung

MSC nutzt die Krise zudem, um auf einem zweiten Weg bleibende Werte bei den Mitarbeitern zu schaffen. Von den 209 Beschäftigten in Freiburg arbeiten seit Februar 140 kurz. Ihre Arbeitszeit ist um ein Fünftel reduziert. Den Lohnausfall stockt die Arbeitsagentur bis zu zwei Drittel auf. Das Unternehmen wird zudem bei den Sozialabgaben entlastet. Statt wie in den meisten anderen Unternehmen bedeutet Kurzarbeit für die Mitarbeiter bei MSC aber nicht automatisch mehr Freizeit. Denn auch bei den Kurzarbeitern fährt das mittelständische Unternehmen, das seinen Sitz in Stutensee nahe Karlsruhe hat und insgesamt 1400 Menschen beschäftigt, Weiterbildungsprogramme. Computerschulungen sind dabei. Die Arbeitsagentur übernimmt die Kosten dieser Kurse bei gut Ausgebildeten zu 70 Prozent und bei gering Qualifizierten komplett.

Boris Gourdial von der Freiburger Arbeitsagentur nennt die Qualifizierungsoffensive bei MSC ein leuchtendes Beispiel für andere Unternehmen. Nach den jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im März 1,1 Millionen Menschen in der Bundesrepublik in Kurzarbeit. Nur ein Bruchteil von ihnen geht zur Weiterbildung. Laut der Behörde waren es in den ersten sieben Monaten dieses Jahres mindestens 36 700 – also etwas mehr als drei Prozent. Laut Gourdial liegt die Arbeitsagentur Freiburg weit darüber. Hier seien fast zehn Prozent der mehr als 7000 Kurzarbeiter in Weiterbildung. In den vergangenen Wochen habe es einen erheblichen Zulauf gegeben.

Mehr und mehr Firmen begreifen die Krise nun doch auch als Chance.

Hilfe für Arbeitgeber

Hilfe für Arbeitgeber

Die Arbeitsagenturen haben eine Hotline für Arbeitgeber eingerichtet, die sich vor Ort über Kurzarbeit und Fördermöglichkeiten für die Weiterbildung informieren wollen: Tel. 01801/664466.  

Autor: bür

Autor: Ronny Gert Bürckholdt