"Die arbeiten mit Tricks"

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 20. Januar 2019

Wirtschaft (regional)

Der Sonntag WVIB-Chef Christoph Münzer setzt im Wettbewerb mit China auf die Marktwirtschaft.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht Europa in einem Systemwettbewerb mit China und fordert einen härteren Kurs. Christoph Münzer vom Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden (WVIB) teilt die Beobachtung, er sieht hinter Übernahmen und Wirtschaftsspionage aber keine Gesamtstrategie.

Der Sonntag: Herr Münzer, der BDI warnt deutsche Unternehmen vor zu großer Abhängigkeit vom chinesischen Markt. Teilen Sie die Bedenken?

Ich habe mir das Grundsatzpapier des BDI durchgelesen und war nach der Lektüre doch etwas beruhigt. Nach den Pressemeldungen habe ich zunächst gedacht, dass der BDI seinen Kurs wechselt. Also: Der BDI rät nicht dazu, dass wir die gleichen Waffen benutzen sollen, die China in die Hand genommen hat. Staatlich gelenkte Industriepolitik kann nicht die Antwort auf das derzeitige chinesische Vorgehen sein. Der BDI sagt: Augen auf im Straßenverkehr, aber das Autofahren sollte nicht eingestellt werden.

Der Sonntag: Bedenken wegen zu großer Abhängigkeit haben Sie nicht?

Es ist einfach so: China ist mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern ein Monstermarkt. Von den rund 1 000 WVIB-Mitgliedsunternehmen sind 80 mit einer eigenen Produktion in China. Mit den Unternehmen mit Tochterfirmen in China kommen wir auf 138. Damit ist China der stärkste Standort unserer Mitgliedsunternehmen noch vor den USA. Das Verhältnis lässt sich als Komplementarität beschreiben: Wir liefern Industriegüter, die Chinesen füllen im Gegenzug unsere Baumärkte. Jetzt aber holen sie auf. Warum auch nicht?
Der Sonntag: Es ist die Frage, mit welchen Methoden sie aufholen.

Das ist richtig, da muss man aufmerksam sein und sich auch zur Wehr setzen. Bei unseren Mitgliedern fallen mir nur zwei Beispiele von Aufkäufen durch Chinesen ein. M-tec, ein Baumaschinen-Hersteller in der Nähe von Müllheim, wurde vor rund fünf Jahren von Zoomlion gekauft. Der Geschäftsführer ist damit deutlich glücklicher als mit dem französischen Voreigentümer. Er ist sogar in der chinesischen Unternehmens-Hierarchie aufgestiegen. Der Teile- und Maschinenfertiger Köpfer in Furtwangen ist das zweite Beispiel. Er gehört zur Stuttgarter Emach-Gruppe, die wiederum gehören einem Chinesen. Da läuft alles im Grunde normal. Aber klar: Die Chinesen kaufen etwas, was sie noch nicht haben, und transferieren in einigen Fällen das Know-how nach China. Wenn dahinter strategische Überlegungen stehen, sollte man aber aufpassen – aus diesem Grund hat die Bundesregierung jetzt solche Übernahmen erschwert. Ich würde allerdings auch empfehlen, bei Übernahmen durch Amerikaner aufzupassen. Wichtig ist vor allem die Gegenseitigkeit: Was die dürfen, muss für uns auch erlaubt sein.
Der Sonntag: Die Hoffnung auf Wandel durch Handel dürfte sich aber erledigt haben.

Das stimmt. Das kann Deutschland nicht alleine, dafür brauchen wir Europa. Allerdings sind auch die Chinesen auf Handel angewiesen.
Der Sonntag: Beherrscht China aber erstmal einen Markt, kann es auch die Preise diktieren.

Das könnte man sagen. Aber sie werden kein Interesse haben, eine Volkswirtschaft abzuwürgen. Damit würden sie ihre eigenen Betriebe und ihre Absatzmärkte schädigen. Die Chinesen haben Mattis nicht gekauft, um das Know-how auszusaugen. Das kann man zumindest nach fünf Jahren sagen. Der BDI empfiehlt auch ausdrücklich keine Entflechtung mit China. Die deutsche Industrie setzt auf Austausch und Kooperation. Das ist auch meine Überzeugung. Aber man muss mehr dafür kämpfen.
Der Sonntag: Wie gefährlich ist das Vorgehen Chinas für unsere Wirtschaft?

Früher war China fast einmal ein besserer Ordnungspolitiker als die USA. Mit Staatspräsident Xi ist aber ein Vertreter des alten China ganz oben angekommen. Jetzt haben wir einen Systemwettbewerb statt eines Wettbewerbs auf marktwirtschaftlicher Ebene. Volkswirtschaften treten gegeneinander an. Und die staatlich gelenkte Volkswirtschaft Chinas arbeitet mit Tricks. Sie kaufen ausländische Unternehmen auf, schmieden Pläne zur Eroberung von Märkten, senken Preise durch Subventionen – sie gehen also strategisch vor, während wir lammfromm für Freihandel werben. In diesem Wettbewerb hat China Vorteile – aber nicht nur. Ich halte die Marktwirtschaft für das bessere Verfahren, um zu Lösungen zu kommen. Es ist keineswegs so, dass China die technologische Führung auf breiter Front übernimmt. Das sieht auch der BDI nicht so.
Der Sonntag: Wie soll sich die deutsche Wirtschaft verhalten?

Wir sollten erst einmal anerkennen, dass sich China nicht ganz fair verhält. Und dagegen müssen wir uns wehren. Es wäre aber der falsche Weg, jetzt etwa eine staatlich geförderte Batteriefabrik zu bauen, um damit China den Markt streitig zu machen. Bosch und Siemens haben ja Gründe, weshalb sie in keine Batteriefabrik investieren. Entweder lohnt es sich nicht, oder sie haben eine bessere Idee. Was wir brauchen, ist ein starkes, einiges Europa, das mit einer Stimme spricht. Und wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit durch Bildung, Forschung und Infrastruktur stärken. Der BDI rät, liberale Marktwirtschaften als Partner zu suchen.
Der Sonntag: Der BDI weist auf den anhaltenden umfangreichen Datenklau insbesondere durch China hin. Ist sich die hiesige Wirtschaft dieser Gefahr bewusst?

Das Thema ist in der Wirtschaft sehr präsent. Das für uns selbstverständliche Urheberrecht fehlt in der chinesischen Kultur. Eine Idee nachzumachen, ist bei uns verpönt, in China aber ist es sogar ein Kompliment – und auf keinen Fall kriminell. Allerdings arbeiten die Chinesen schon lange daran, dass das geistige Eigentum westlichen Standards nahe kommt, sie sind aber noch nicht am Ziel.
Der Sonntag: Sie befürchten keine Gesamtstrategie zur Beherrschung der Märkte?

Nicht auf breiter Front. Selbstverständlich gibt es Industriespionage. Die hat es schon immer gegeben und das haben auch andere gemacht. Jetzt bei uns auch den Kommunismus und eine zentrale Steuerung einzuführen, kann die Antwort nicht sein ( lacht ). Ich setze auf die langfristige Öffnung. Durch Xi und Trump erfahren wir gerade einen Rückschlag, es geht aber auch wieder in die andere Richtung.
Der Sonntag: Marxismus wird unter Xi wieder großgeschrieben. Der Staat unterstützt sogar die Gründung von Parteizellen in Betrieben. Haben WVIB-Unternehmen damit Erfahrungen?

Ich habe noch nichts davon gehört. Ich finde es aber spannend, was in China ausgerufen und was davon umgesetzt wird – bei denen klappt auch nicht alles. Vor 15 Jahren gab es noch das Gesetz, dass einem ausländischen Investor ein chinesisches Unternehmen nicht allein gehören darf. Das gibt es heute in dieser Form nicht mehr.

Das Gespräch führteKlaus Riexinger