"Das ist schwierig, und ich habe es geschafft"

Susanne Ehmann

Von Susanne Ehmann

Do, 06. September 2018

Müllheim

Die syrischen Flüchtlinge Mahmoud Almohamad und Othman Al Turkey haben ihren Hauptschulabschluss geschafft – mit Engagement und Unterstützung.

MÜLLHEIM/NEUENBURG AM RHEIN. Als die syrischen Flüchtlinge Mahmoud Almohamad und Othman Al Turkey in Deutschland ankamen, waren sie fest entschlossen, die Chancen zu nutzen, die sich ihnen hier boten. Nun haben die beiden ihren Hauptschulabschluss geschafft. Weil sie fleißig waren und ehrgeizig – und weil sie Menschen um sich haben, die sie unterstützen.

Beide haben ihre Abschlusszeugnisse zum Gespräch mit der BZ mitgebracht. Eines von der Adolph-Blankenhorn-Schule in Müllheim, auf der Othman Al Turkey seinen Abschluss machte, und eines von der Internationalen Schule im Römerhof in Freiburg, auf die Mahmoud Almohamad ging. Die beiden Syrer sind stolz über das, was sie geschafft haben. Und das können sie auch sein – zumal, wenn man bedenkt, was hinter ihnen liegt.

Mahmoud Almohamad floh mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder Aboude aus der Syrischen Stadt Hama, da war er 16, sein Bruder 15 Jahre alt. Auch seine Eltern, sein älterer Bruder und seine Geschwister flohen – alle hatten sie Angst vor dem Militär, die Familie sei politisch aktiv und wurde mit dem Tod bedroht, erzählt Almohamad. Sie flohen in den Libanon, der Rest der Familie in die Türkei. Drei bis vier Jahre blieben die Brüder dort, völlig auf sich alleine gestellt. Zur Schule gehen durften sie nicht. Keine schöne Zeit, erinnert sich Almohamad. Seit fast zwei Jahren ist er nun in Neuenburg. Die Brüder kamen im Februar 2016 erst nach Heidelberg. Dann wurden sie getrennt, Mahmoud Almohamad kam nach Neuenburg, Aboude zunächst nach Staufen – bis ein Sozialarbeiter sich dafür einsetzte, dass die Brüder wieder vereint wurden.

Othman Al Turkey kommt aus Deir ez-Zor im Osten Syriens. Er floh von dort vor zwei Jahren mit seinem Onkel über die Türkei nach Deutschland, landete erst in Albstadt und kam dann nach Müllheim. Mittlerweile wohnt er dort in einer Wohngemeinschaft. Al Turkey ging aus Syrien fort, weil er nicht zum Militärdienst eingezogen werden wollte. Denn jeder müsse in Syrien mit 18 zum Militär, erklärt er, wenn Krieg herrscht auch schon mit 16 oder 17 Jahren. Die Eltern des heute 18-Jährigen sind in Syrien geblieben, über Whatsapp hält er Kontakt mit ihnen.

Mahmoud Almohamad telefoniert regelmäßig per Skype mit seinen Eltern in der Türkei. Sie würden gerne nach Deutschland kommen, aber keiner weiß, wie. Für Familiennachzug ist Mahmoud Almohamad schon zu alt. In Deutschland aber hat er eine Art Ersatzfamilie gefunden. Sie habe vier Kinder, acht Enkel und nun noch zwei syrische Enkel: Mahmoud und Aboudi. Margarete Lughofer, selbsternannte Wahloma, strahlt. Kennengelernt hat sie Mahmoud Almohamad vor zwei Jahren bei einem der Kaffeetage der evangelischen Kirche, die donnerstags in der Gemeinschaftsunterkunft in Neuenburg stattfinden. Seither sind sie in Kontakt. "Er ist ein ganz fleißiger Schüler und lieber Mensch", sagt die ältere Dame. Und ein aufgeweckter, Almohamad redet viel und lebhaft, er lacht oft. Ihm gegenüber sitzt Sylvia Schmied, sie ist so etwas wie seine Ersatzmutter – und seine Mitbewohnerin. Schmied und der heute 24-Jährige Almohamad haben sich bei dessen ersten Sprachkurs kennengelernt, Schmied ist sowohl im Müllheimer als auch im Neuenburger Helferkreis aktiv. Damals wohnte Almohamad noch in der Gemeinschaftsunterkunft in Neuenburg. Seit fast zwei Jahren wohnt er nun bei Sylvia Schmied. Eine klassische Wohngemeinschaft. In der er meinstens kocht. Weil Almohamads Eltern weit weg sind, hat Sylvia Schmied die eine oder andere erzieherische Aufgabe übernommen. Sie hat ein wenig Arabisch gelernt und spricht ab und zu mit Almohamads Eltern per Skype. "Um sich zu beschweren!", ruft der 24-Jährige. Beide lachen.

Man hört einen deutliche Akzent heraus, wenn Othman Al Turkey und Mahmoud Almohamad Deutsch sprechen, auch grammatikalisch ist noch nicht alles astrein – aber dafür, dass sie es erst seit zwei Jahren lernen, ist ihr sprachliches Können beeindruckend. Wenn es nötig ist, dolmetschen sie mittlerweile für andere. "Der Schlüssel", sagt Sylvia Schmied, "ist die Sprache. Wenn man mit den Leuten reden kann, haben sie weniger Angst vor dem Unbekannten." Anfangs habe er kein Wort Deutsch verstanden, erzählt Al Turkey. Und in den ersten sechs Monaten nach seiner Ankunft versucht, sich mithilfe von Google und Youtube soviel wie möglich selbst bezubringen. In der Schule habe er viele Freunde, und er rede mit ihnen immer Deutsch, egal ob richtig oder falsch, sagt er. Al Turkey lächelt auf seine ruhige und zurückhaltende Art. Dass das mit seinem Schulabschluss so schnell und gut klappte, liegt an seinem Fleiß, aber auch daran, dass ihm einer seiner Lehrer geholfen hat. Der Lehrer sei frisch von der Uni gekommen, er sei noch sehr jung und er setzte sich sehr für ihn ein. "Wie ein Freund", sagt Al Turkey.

Auch Mahmoud Almohamad lernte emsig. Acht bis zehn Stunden pro Tag. Sylvia Schmied unterstütze ihn, wo sie konnte. "Ich habe Ziele und möchte diese Ziele erreichen", sagt Almohamad. Zum Beispiel, sich mit anderen auf Deutsch zu unterhalten. In Syrien konnte er die Schule nicht fertig machen – jetzt möchte er keine Zeit mehr verschwenden. Er möchte etwas aus sich machen.

Irgendwann nahten die Prüfungen, jeden Tag eine, sieben Tage lang. Nun halten Mahmoud Almohamad und Othman Al Turkey stolz ihre Abschlusszeugnisse in den Händen. "Ich bin stolz auf mich", sagt Al Turkey. "Das ist schwierig, und ich habe es geschafft." Eine 2,8 steht auf seinem Zeugnis, auf dem von Mahmoud Almohamad sogar eine 1,5. Beide sind dankbar dafür, hier sein zu dürfen und diese Chance bekommen zu haben. Almohamad hat bereits eine Ausbildung angefangen. Bei einem Parkettleger in Neuenburg. Wenn er die Ausbildung mit einem Schnitt von 2,2 abschließt bekommt er den Realschulabschluss. Othman Al Turkey ist noch auf der Suche nach dem, was er mal machen will. Wenn die Situation in Syrien sich beruhigt hat, möchte er zurückgehen, zurück zu seiner Familie. Mahmoud Almohamad möchte bleiben.