Machtlos sahen die Bürger zu

Alexander Anlicker

Von Alexander Anlicker

Sa, 05. Juni 2010

Neuenburg

Im Juni vor 70 Jahren wurde die Stadt Neuenburg bei einem Artillerieangriff der Franzosen ein weiteres Mal zerstört.

NEUENBURG AM RHEIN. "Machtlos sahen die schwergeprüften Neuenburger von den Anhöhen der Rebberge hinüber zum Rhein, wo ihre Heimat einer sinnlosen Zerstörung anheim gefallen ist." Dies lässt sich über die Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1940 nachlesen in einem Kriegstagebuch, das im Neuenburger Stadtarchiv aufbewahrt wird. Neuenburg war die erste deutsche Stadt, die während des Zweiten Weltkriegs vollständig zerstört wurde. Dies ist in diesen Tagen 70 Jahre her.

"Neuenburg am Rhein ging in einem totalen Chaos unter", schrieb der Neuenburger Ratsschreiber Winfried Studer 1982 in einem Aufsatz für das Heft "Badische Heimat". Damals wurden von den Franzosen in einer Nacht mehr als 3000 Granaten bis zum 28-Zentimeter-Kaliber auf die Zähringerstadt geschossen, darunter viele Brandgranaten, so dass an allen Ecken und Enden Feuer ausbrachen. Weithin leuchtete das verheerende Feuer am Nachthimmel.

Einen Tag darauf begann gegen 17 Uhr die Maria-Himmelfahrt-Kirche zu brennen. Der brennende Glockenturm leuchtete wie eine Fackel und war weithin sichtbar. Die Kirche brannte vollends aus. Gegen 20 Uhr blieb die Turmuhr stehen, notierte der Chronist in seinem Tagebuch. Den Flammen fiel auch die im Jahr 1200 gegossene Glocke, die bis dahin älteste Glocke Badens, zum Opfer.

Der 15. Juni brachte den Waffenstillstand mit Frankreich, die ersten Bürger kehrten tags darauf in die teilweise noch immer brennende Stadt zurück. Erst am 17. Juni waren die letzten Feuer erloschen. Die Zurückkehrenden erwartete ein trauriges Bild mit verschütteten Straßen, rauchenden Trümmerhaufen und zerbombten Häusern. Der "Arbeitsdienst" begann sofort mit den Aufräumarbeiten, und für die Obdachlosen wurden drei Barackenlager errichtet, zwei am Altrhein und eines am Sägeweg.

Nach dem Abbruch der Ruinen und der Beseitigung der Trümmer begannen die Neuenburger mit dem Wiederaufbau der Stadt. Die Stadt wurde erstmals in ihrer Geschichte nach einem neuen Plan von Grund auf neu aufgebaut. Beispiele hierfür sind die so genannten Erbhöfe, die damals an der Straße nach Zienken lagen. Dem fast vollendeten Wiederaufbau folgte wieder die Zerstörung, denn 1944 rückte die Front erneut an Neuenburg heran. Der 8. September 1944 brachte Fliegerangriffe auf die Stadt, am 22. November ging ein Kugel- und Granatregen Über Neuenburg nieder. Die Stadt wurde Ende November wieder einmal geräumt.

Was 1940 verschont geblieben ist oder zwischendurch wiederaufgebaut wurde, wurde erneut ein Opfer der Zerstörung. "Fast wie ein Wunder mutet es an, dass in diesen Kriegswirren, beim Herausholen der Habseligkeiten, bei den Fliegerangriffen und bei den Bränden kein Einwohner ums Leben kam", schrieb der Chronist.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs machten sich die Neuenburger erneut an den Wiederaufbau ihrer Stadt. Erst Ende der 1960er Jahre verschwanden mit den Baracken die letzten sichtbaren Zeichen der Zerstörung im Krieg.

Ein Aufsatz mit dem Titel "Die Stunde Null für die Grenzstadt Neuenburg am Rhein" von Winfried Studer ist im Jahr 1982 in der "Badischen Heimat", Heft 3, erschienen.