Computersimulation

Wie das Hochwasser von 1480 Teile Neuenburgs in die Rheinfluten riss

Dorothee Philipp, Video: Hans-Jürgen van Akkeren

Von Dorothee Philipp & Video: Hans-Jürgen van Akkeren

Di, 04. Februar 2014 um 13:47 Uhr

Neuenburg

Es war die schlimmste Hochwasserkatastrophe in der Region im vergangenen Jahrtausend: 1480 spülte der Rhein die halbe Stadt Neuenburg weg. Wie, das veranschaulicht nun eine Computersimulation.

Am "donstag vor sant Marien Magdalenen tag", also am 29. Juli 1480, fing es an zu regnen, drei Tage und Nächte lang "und warent anders nit dann gross slegregen [Starkregen]". Der Berner Chronist Diebold Schilling schildert in seinem Werk ausführlich die "Sündflut des Rheins" – seinerzeit die schwerste Überschwemmungskatastrophe an Aare und Rhein in den letzten 750 Jahren.

Als der Pegel bei Neuenburg stieg, lief der Stadtgraben von Süden her voll, so dass Neuenburg ganz vom Wasser eingeschlossen war. Die Vorstadt am Rheinufer und noch etliche weitere Häuser und
Scheunen wurden dem Chronisten zufolge komplett weggespült. Schilling ergänzt, dass die Stadt nur "nach gelegenheit von gottes gnaden", von Schlimmerem verschont geblieben sei.

Wie sich die Katastrophe abspielte und das damalige Stadtbild aussah, zeigen Rekonstruktionen des auf die Visualisierung historischer Funde spezialisierten Experten Hans-Jürgen van Akkeren. In einer Computersimulation hat er das Hochwasser von 1480 dokumentiert [Zur Problematik der Datierung siehe diese Dissertation von Iso Himmelsbach, Seite 93] . Eine von dessen Spätfolge war der Einsturz des Neuenburger Münsters in den 1520er Jahren, der durch fortschreitende Erosion zustande kam. Nur der Chor blieb seinerzeit stehen.

Dem historischen Grundriss auf der Spur

Archäologische Grabungen zeigen, dass zwei Meter unter dem heutigen Straßenniveau von Neuenburg der Grundriss der Freien Reichsstadt von einst schlummert. Der Archäologe Bertram Jenisch hat bereits 2003 einen archäologischen Stadtkataster für Neuenburg verfasst, der in einer wissenschaftlichen Publikationsreihe des Landesdenkmalamtes veröffentlicht wurde. Im Rahmen der Hauptversammlung des Neuenburger Geschichts- und Kulturkreises, stellte Jenisch die neusten Ergebnisse der seit Sommer 2012 laufenden Grabungsarbeiten vor.

Die größte zusammenhängende Grabungsfläche ist derzeit entlang der Ölstraße in Arbeit, wo die Stadt im Zuge der Stadtsanierung noch weitere Gebäude abreißen wird. Damit liegt ein zusammenhängendes Areal von über 3000 Quadratmetern zutage. Das sei in dieser Größe für Archäologen außergewöhnlich, betonte Jenisch. Er berichtete vom Fund eines "gewaltigen Kellers", sechs Meter unter dem Straßenniveau. Nachdem man eine "kuriose Struktur" von Mauerwerk im Vergleich mit anderen Grabungsergebnissen einem Sammelbecken für das Putzwasser von Weinfässern zugeordnet hatte, schließt die Wissenschaft nun auf ein großes Weinlager, das sich dort befand.

"Wo, wenn nicht in der Marktstadt Neuenburg soll der Weinhandel in der Region betrieben worden sein?", folgert Jenisch. Auch der Standort eines Handelshauses an einer Straßenkreuzung sei nachvollziehbar. Wie stattlich sich das Gebäude im damaligen Stadtbild gemacht hat, zeigt eine Rekonstruktion des auf die Visualisierung historischer Befunde spezialisierten Fachmanns Hans-Jürgen van Akkeren, der eine imposante Ansicht dieses Gebäudes und seiner Umgebung hergestellt hat.

Für einige Details habe man die Forschungsergebnisse anderer Zähringerstädte zum Vergleich herangezogen, erklärte Jenisch. Auf dem Bild kann man eine durch mehrere Torbögen betretbare offene Halle im Erdgeschoss sehen, wo Handel getrieben wurde. Im Obergeschoss weisen gotische Gruppenfenster auf einen repräsentativen Saal hin. Die angrenzenden Gebäude stehen dicht geschlossen mit der Traufseite der Dächer zur Straße, was das Einsickern von Regenwasser ins Mauerwerk verhindern sollte.

Ein Stadtgraben mit gewaltigen Ausmaßen

"So muss man sich das Stadtbild von Neuenburg vorstellen", sagte der Wissenschaftler. Interessant für die Forschung sei nicht nur die Freilegung einer vielfältigen Bau- und Anbautätigkeit, die gleichzeitig den Wohlstand der Stadt dokumentiere, sondern auch das Auffinden ganzer Parzellengrenzen in Form von langen Mauerstrukturen. Auch zur Stadtmauer selbst gibt es verblüffende Erkenntnisse. So wurde durch die Grabungen deutlich, dass sie sich noch um ein bis zwei Straßenzüge weiter nach Süden erstreckte als bisher angenommen. Der Stadtgraben habe die "gewaltigen Ausmaße" der Befestigung gezeigt: 18 bis 19 Meter breit und zwölf Meter tief, schuf er vor der Mauer ein schwer zu überwindendes Hindernis. Der Aushub wurde hinter der Stadtmauer aufgeschichtet, so dass die Bevölkerung über einen "Wehrgang" verfügte.
Hochwasserforschung

Die Quellenlage zu Hochwasserkatastrophen am Oberrhein wird ausführlich untersucht in der 2012 erschienenen Dissertation von Iso Himmelsbach "Erfahrung-Mentalität-Management - Hochwasser und Hochwasserschutz an den nicht schiffbaren Flüssen im Oberelsass und am Oberrhein 1480 bis 2007". Einen aufschlussreichen Aufsatz zur Lage des Neuenburger Münsters hat Bertram Jenisch in der Reihe "Das Markgräflerland" Band 2/2011 veröffentlicht. Hans-Jürgen van Akkeren ist ehrenamtlich für die Denkmalpflege Baden-Württemberg tätig. Seine Arbeit dokumentieren die Webseiten http://www.breisgau-burgen.de und http://www.atelier-van-akkeren.de

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