"Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt"

Thomas Maier

Von Thomas Maier (dpa)

Mo, 15. Oktober 2018

Literatur & Vorträge

Aleida und Jan Assmann erteilen dem Populismus bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels eine Absage.

Jan Assmann beginnt auf dem Podium mit der ersten Passage der Dankesrede, seine Frau Aleida übernimmt ganz selbstverständlich wenige Minuten später. Selten ist bei einem Paar Privates und Berufliches so eng miteinander verknüpft wie bei den beiden Kulturwissenschaftlern. Das demonstriere das Duo eindrucksvoll am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche, als es den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm.

Die abwechselnd gehaltene Rede ist ein höchst pointiertes zweistimmiges Werk des Ägyptologen und der Anglistin – genauso haben der 80-Jährige und seine neun Jahre jüngere Frau gemeinsam ihre international stark beachteten Thesen zum Gedächtnis von Nationen und Kulturen entwickelt. Doch so wichtig die Funktion eines nationalen Gedächtnisses ist: Es kann sich auch im Fall von Deutschland verändern. "Wir können nicht mehr nahtlos an alte Fantasien von Stolz und Größe der Nation anknüpfen", betonen die Assmanns. Das nationale Gedächtnis "ist eben nicht nur ein Sockel, der die Nation größer und mächtiger macht, sondern auch ein Spiegel der Selbsterkenntnis, der Reue und Veränderung".

Die Nation sei "kein Heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung – Stichwort Vogelschiss – zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden", sagte Aleida Assmann an die Adresse von AfD-Chef Alexander Gauland, der versucht, die Nazizeit als Fußnote deutscher Geschichte zu relativieren.

Die Assmanns fordern in ihrer Rede einen Grundkonsens in der Demokratie, dazu zählten die Werte der Verfassung oder die Gewaltenteilung. Wer den nicht teile, der könne sich auch nicht auf die Demokratie berufen. "Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt", sagen sie und erhalten dafür viel Beifall der fast 1000 Zuhörer. Wer die Meinungsfreiheit untergraben wolle, habe keinen Respekt verdient. Die beiden erinnern an die Pöbeleien in Chemnitz und kommen zum Ergebnis, dass solche Vorgänge die Demokratie lahmlegten. Diese lebe nicht vom Streit, sondern vom Argument.

Das Paar vergisst aber auch nicht die globale Perspektive. In Anlehnung an die beiden schwedischen Friedensforscher Alva und Gunnar Myrdal, die 1970 den Friedenspreis des Buchhandels gemeinsam erhielten, fordern sie von Europa eine globale Solidarität im Umgang mit ökonomischen und natürlichen Ressourcen ein, "damit es eine Zukunft nachfolgender Generationen überhaupt noch geben kann". Sie halten zugleich ein Plädoyer für die Menschen, die vor Krieg und Not flüchten. "Es kann nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für die Bewegung von Kapital, Gütern und Rohstoffen gibt, während Migranten an Grenzen festhängen und wir die Menschen, ihr Leid und ihre Zukunft vergessen." Folgerichtig entschieden sich die Assmanns, das Preisgeld von 25 000 Euro drei Initiativen zu spenden, die mit Geflüchteten arbeiten. Zwei davon sind in Deutschland, eine in Kenia.