Einsamkeit an der Kaffeemaschine

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Di, 21. November 2017

Oberried

Der Kabarettist Marc Hofmann erntet bei seinem Auftritt in der Oberrieder Klosterschiire Lachsalven.

OBERRIED. Claudio Römer-Litzmann und Hanspeter Schweizer vom Kultur-Orga-Team schleppten noch zusätzliche Stühle in den Bürgersaal der Klosterschiire in Oberried. So groß war der Andrang für den Heimspiel-Abend des Autors, Kabarettisten und Singer-Songwriters Marc Hofmann, der im Hauptberuf Lehrer ist.

Locker sprang er auf die Bühne, um alsbald jedoch in nachdenklich-melancholischer Pose zu verharren. Einsamkeit umgebe ihn mittlerweile an der Kaffeemaschine im Lehrerzimmer. Denn seine Gesellschaft würde zunehmend gemieden, je mehr bekannt würde, dass und wie er den alltäglichen Wahnsinn des Schullebens literarisch aufarbeite. Niemand, auch nicht die Schüler, wollten mehr riskieren, gespiegelt zu werden. Zu befürchten sei, dass ihm irgendwann das Material ausgehe. Fürs Erste besteht noch keine Gefahr, offenbar birgt der stark an ein "Theaterstück" (O-Ton Hofmann) erinnernde Schultag noch ausreichend Stoff für eine satirische Betrachtung.

Zunächst analysierte Hofmann Kernkompetenzen des früh- oder spätpubertierenden männlichen Gymnasiasten. Wichtig: Er muss das männliche Geschlechtsorgan in allen Varianten zeichnen können. Bildflächen gebe es genug, ob mit dem Zirkel auf Tisch oder Stuhl gekratzt, mit Filzer über die Bildtafel des Lehrerkollegiums platziert oder jüngst zwei Meter groß im frisch gefallenen Schnee – das Wirkungsfeld ist unendlich.

Dann müsse er drei Sätze beherrschen. Erstens: "Häh, was, ich habe doch gar nichts gemacht" als immer passende Antwort auf vorschichtiges Ansprechen möglichen Fehlverhaltens. Zweitens: "Der Drucker zu Hause ging kaputt" als hinreichende Begründung, dass das Referat nicht gehalten werden könne. Und drittens die nachdenklich geäußerte Antwort "nicht wirklich" auf die Frage, ob er die Hausaufgaben gemacht habe. Bei den Mädchen sei derzeit ein auf ungefähr zehn Zentimetern violett gefrorenes Schienbein zu betrachten als Folge von flachen Turnschuhen und nur bis knapp unters Knie reichenden Hosenbeinen.

Hofmanns Stärke ist seine agile Bühnenpräsenz, mit der er in einem Sprachfeuerwerk Gag um Gag abfeuert. Den Referendaren empfiehlt er, in jedem Falle immer ja zu sagen. Auch wenn sie von der Schulleitung noch für die zehnte Zusatzaufgabe angefragt würden.

Eltern machten sich beim Abholen ihres Nachwuchses nach der Klassenfahrt beim Lehrer mit dem durch joviales Schulterklopfen begleiteten Satz "Na, 14 Tage Ferien gehabt" beliebt. Auch die elterliche Entrüstung "Das hör ich jetzt zum ersten Mal" über einen auffälligen Schüler, der schon seit der Kita immer wieder zu Elterngesprächen Anlass gegeben hatte, zeitige ein ähnliches Ergebnis. Lachsalven und Szenenbeifall begleiteten Hofmanns drastische Schilderungen über den Ablauf einer "konsolidierenden Klassenpflegschaft", früher Elternabend genannt. War an den Reaktionen und Ausrufen des Publikums schon im ersten Programmteil zu vermuten, dass überproportional viele Berufskollegen von Hofmann anwesend waren, wurde dies in der Pause Gewissheit. "Mitten aus dem Leben gegriffen" oder "Genau so ist es" waren Kommentare. Und das Programm wurde an den Stehtischen weitergeführt, jeder übertrumpfte aus eigenem Erleben den anderen mit weiteren Absurditäten.

Im zweiten Teil las Hofmann ein Kapitel aus dem zweiten Teil seines Buchs "Der Klassenfeind", in dem dem Englischlehrer Harry Milford weitere Heimsuchungen zwischen Irrsinn und Wirklichkeit des Schulalltags widerfahren. Seine musikalische Kompetenz bewies Hofmann durch einen zur Gitarre vorgetragenen Song über "Manager-Mamas". Hier, wie insgesamt in seinem Programm, schimmerte trotz aller Ironie stets ein idealistischer Bezug zu seinem Beruf durch, den er in seiner Schlussbemerkung formulierte: "Mag unser Beruf auch manchmal dreckig sein, irgendjemand muss ihn ja schließlich machen und das sind wir!" Riesenapplaus für einen hintergründig-unterhaltsamen Abend.