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06. November 2012

Alte Wörter, die nach Vanille schmecken

Alemannisch hüben und drüben.

  1. Sido Gall und Markus M. Jung Foto: pr

OFFENBURG. "Wir haben mehr als Meerrettich gemeinsam", definierte die Straßburger Autorin Emma Guntz den großalemannischen Sprachraum, "den Dialekt". Eine Sprache, die seit Johann Peter Hebel Literatur mit höchstem Anspruch hervorbringe. Diese will das Projekt "Mitteleuropa" fördern. Den Anfang machte ein Abend in der Stadtbibliothek Offenburg mit dem Titel "Spure(n)/Traces".

Dessen ersten Teil gestaltete Sido Gall aus dem Elsass. Ihre Texte evozieren die heimatliche Landschaft und deren Bewohner, Kindheitserinnerungen, die Großmuedder- und Großvaddersproch. Erinnert sich die 80-Jährige bei der Grandmère liebevoll an Wörter, die "nach Vanille schmecken", blieben vom wortkargeren Grandpère eher deftige elsässische Flüche im Gedächtnis. Die ebenso temperament- wie humorvolle Seniorin skizziert in ihrer bildhaften Sprache Abend- und Herbststimmungen, ohne die "pollution", also die heutige Luftverschmutzung zu ignorieren, erheitert das Publikum mit der köstlichen Schilderung von Madame Mathilde, einer pensionierten Aushilfe in einer Brasserie. Emma Guntz liest dieses Gedicht anschließend auf Französisch, was auch schön ist, aber doch nicht die gleiche poetische Kraft entfaltet wie die Mundartfassung. Den Unterschied erläutert Sido Gall auch an ihrem Versuch, ein Liebeslied, ein Chanson von Maxime Le Forestier, zu übersetzen: "Eigentlich nicht möglich, im Dialekt wird nicht so von der Liebe gesprochen."

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Auf ganz eigene Weise schuf der Kontrabassist Jean-Luc Miotti eine Verbindung zwischen den Texten. Mal behutsam, melancholisch, mal stürmisch drängend nahm er die Gedanken Galls auf und improvisierte dazu virtuos.

Der 58-jährige Markus Manfred Jung trat da eher bedächtig auf. Der Lehrer, Stückeschreiber und Dichter aus dem Wiesental, den Lesern dieser Zeitung durch seine Mundartkolumnen bekannt, erinnerte an die gemeinsame demokratische Vergangenheit Offenburgs und seiner Heimat, bevor er den Titel der Veranstaltung aufgriff. Er schreibe klein, also "spure", sodass der Leser selbst erkennen könne, ob Spuren oder spuren, also gehorchen, gemeint sei. Seine Spuren seien oft groß gewesen: sein Vater Gerhard Jung mit dem Vorbild Hebel, dann André Weckmann und einige andere. Er habe aber nicht immer "gespurt". Seine Gedichte sind knapp formuliert, präsentieren ihre Aussagen mit wenig Material, aber bildkräftig und pointiert, ohne der Gefahr zu erliegen, den Dialekt allzu gesucht einzusetzen. Stimmungen, Eindrücke der Natur drängen den verhinderten Förster zur Gestaltung. Heimat ist für ihn nichts Geschlossenes, sondern eine Landschaft, die "dem Fremden die Hand gibt". Und "Zämmelese", also zusammensuchen lautet sein Credo: Scherben, Splitter, Sprache, eine verstückelte Welt.

Jungs Humor kam in seinen Prosastücken zum Ausdruck, auch sie natürlich in hochalemannischer Mundart. Im "Schwämmli-Chrieg" wird deutlich, wie die Konkurrenz beim Pilzesuchen das Entstehen von Kriegen verständlich machen kann. Oder Jung mokiert sich über "computergesteuerte Vollernter" und Trendsportler ohne Gespür für die Natur: "I bii halt e Wildsau, gell."

In einem Zwiegespräch mit Verszeilen Peter Huchels wurde deutlich, wie Jung zwar gelegten Spuren folgt, aber durchaus eigene Wege geht.

Autor: Bernd Grether