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11. Juli 2017

Auf der dunklen Seite der Macht

Tim Otto Roth und seine "Kulturgeschichte der Schattenbilder".

  1. Tim Otto Roth Foto: rab

OFFENBURG. 2016 war Tim Otto Roths Ausstellung "XX oder der Mummelsee in der Pfanne" in der Städtischen Galerie Offenburg ein Aha-Erlebnis. Nun hat der Künstler, der seine Inspiration sowohl aus der Naturwissenschaft als auch aus der Kunstgeschichte schöpft, Zuhörern im Artforum auf Einladung des Künstlerkreises Ortenau sein 15-jähriges Forschungswerk, die Doktorarbeit zum Thema "Kulturgeschichte der Schattenbilder ",vorgestellt. Der Ritt durch Wissenschafts- und Kulturgeschichte ist erhellend: Der Schatten – das ist die schöne, bei Weitem nicht immer dunkle Seite der Erkenntnisgeschichte und zugleich Fetisch einer Reihe experimentierfreudiger Künstler.

Wer Roth zuhört, der kommt zu folgendem Schluss: Sich mit der physikalischen Entstehung und Abbildung von Schatten auseinanderzusetzen, vor allem aber mit seiner Funktion als Spur oder Repräsentanz von etwas real Dagewesenem in der wissenschaftlichen Dokumentation wie in der Kunst, das hat die Menschheit erkenntnistheoretisch, wissenschaftlich und auch künstlerisch verändert. Diese Erkenntnis- und Schaffenswege lässt Roth die Zuhörer nachvollziehen. Er lässt Abbildungsbeispiele, darunter ein rarer Druck eines Originals von Man Ray, kursieren und stützt sich nicht nur auf eine Slide-Show am Projektor, die streckenweise an den Vorspann der amerikanischen Serie "The Big Bang Theory" erinnert. Roth sieht Man Ray nicht allein als Künstler des Lichts, und deshalb der Fotografie, sondern als Erforscher und Darsteller von Schattenbildern.

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Kein Homo pictor, sondern ein Homo projectans

Das Bild, die erste publizierte "Rayographie" erschien zusammen mit einem "Brief an Man Ray" von Jean Cocteau in der Literaturzeitschrift Feuilles Libres im April 1922. Rayographien nannte Man Ray seine weiß auf schwarz entwickelten Schattenabbildungen.

Man Ray beginnt bereits an der High School, sich anhand von geometrischen Zeichnungen an die Problematik der Projektion zu wagen. Später, so vermutet Roth, verarbeitet er in seinen Werken Matthew Luckieshs wissenschaftliche Arbeiten zur Wirkung von Licht und Schatten auf Gegenstände im Raum. Der Physiker und Direktor von General Electrics ging so weit, in seinem Lichtforschungslabor Apparate und regelrechte Versuchsanordnungen zu entwickeln.

In seinem Vorgehen entwickelt Lukiesh damit die erst im 19. Jahrhundert vervollständigten Erkenntnisse der deskriptiven Geometrie weiter. Ein solches Vorgehen ist aber auch Grundlage für eine moderne Projektionstheorie. Die vereint drei Elemente: Die Zentralperspektive, die zentrale Projektion von Licht von einem Punkt aus, wie der Mensch sie mit künstlichen Lichtquellen erzeugt und die Parallelprojektion von Sonnenlicht, die sich natürlicherweise auf unserem Planeten vollzieht, und stellt ihr Zusammenwirken dar – nicht zuletzt eben auch im Phänomen des Schattens.

Statt einer platonischen Wahrheitsfindung – dem Auszug aus der Gefangenschaft in der Höhle, hin zum Licht der absoluten Erkenntnis – beschreibt Roth, wie die Maler der Höhlen von Lascaux, Wissenschaftler wie Lukiesh und moderne Künstler wie Man Ray sich am Schatten abarbeiten. Dabei erst werden sie zu Erforschern ihrer eigenen Wahrnehmung und ihrer Möglichkeiten, Dinge abzubilden. Roth entwickelt aus seinen Analysen wissenschaftlicher Abbildungsmethoden und künstlerischer Herangehensweisen eine neue Bildtheorie, die in die Epoche rasender Bilderflut passt, weil sie uns an eine unserer Schlüsselfähigkeiten erinnert. Der Mensch, so Roth, nimmt Schatten nicht als Abbildungen war, sondern durchschaut sie als Projektionen. Deshalb könne er Kunst im Sinne einer Projektion begreifen, vor allem aber selbst schaffen. Im Gegensatz zum Philosophen Hans Jonas sei der Mensch deshalb für Roth kein "Homo pictor", sondern ein "Homo projectans".

Tim Otto Roth: Körper. Projektion. Bild. Eine Kulturgeschichte der Schattenbilder. 528 Seiten, Deutsch, 2015 Paderborn, Verlag Wilhelm Fink, ISBN: 978-3-7705-5958-9.

Autor: Babette Staiger