Dann scattet der Chor los, und die Sonne geht auf

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Di, 08. November 2016

Offenburg

Der Jazzchor Freiburg unter Betrand Gröger gibt in der Offenburger Reithalle eine Kostprobe seiner High-End-Chorkultur.

OFFENBURG. Launig, stimmungsvoll, swingend, soulend, plus viel Gefühl in den Balladen: Der Jazzchor Freiburg unter Bertrand Gröger verband das am Sonntagabend in der Reithalle mit einem Chorklang, der schlichtweg faszinierte. Nicht zu vergessen die sehr guten bis großartigen Solisten aus den Reihen des Chors.

"Schwing" hieß das Programm, und es hatte aufpeppenden, animierenden Swing vom allerersten Ton an. Es beginnt die Band: Helmut Lörcher (Klavier), Klaus Frech (Kontrabass), Michael Heidepriem (Schlagzeug). Dann scattet der Chor los – und die Sonne geht auf. "I’ve Got the World on a String, Sitting on a Rainbow", ein "Welt, lass dich umarmen"-Song, überschäumend dargeboten. Chor und Solisten im Wechsel-Scat, Stimmen, die Big-Band-Feeling vermitteln, mit an- und abschwellen, knalligen Unisono-Passagen mitsamt dem Auffächern der Stimmen am Ende einer Zeile.

Das Publikum ist hingerissen – und das steigert sich im Verlauf des Abends mehr und mehr. Dafür sorgen Titel wie "Lady be good", der Signatur-Song der großen Ella. Der Jazzchor bringt ihn im Höllentempo, die Scatsilben sprudeln, quirlen, schäumen. Swingfreude, gepaart mit kaum zu fassender Exaktheit.

Aber man kann auch anders. Die modalen Reihen von Miles Davis "So what", ineinander gewebt, "Dab doo wah"-Silben, wie einzeln von der Rampe geschossen, mit Rim-Clicks und Tomtom-Wirbeln zerteilt strukturiert, gebremst das alles und sehr distinguiert. Aus "She’s Leaving Home" von den Beatles macht der Jazzchor ein Mini-Jazzdrama: schwebende Klangflächen und verhaltene Zehenspitzenrhythmik, wenn die Protagonistin sich in der Frühe aus dem Haus schleicht, dann das Öffnen des Klangs bei der Textzeile: "Stepping outside she is free". Und wenig später der Zusammenbruch der Eltern, die den Abschiedsbrief der Tochter entdecken. Dissonanzen, Abwärtsglissandi, alles sehr illustrativ.

Doch mit dem nächsten Song ist wieder alles anders: Ben Websters "Soulville" ist eine Fingerschnips-Nummer, mit einem markanten Kontrabassthema im "Fever"-Rhythmus. Die Band swingt, der Chor soult, das Publikum klatscht mit.

Das ganz, ganz große Glanzlicht in einem Programm ohne Schwächen war ein Stück namens "Kairo", Worldjazz, mit Orientalismen, als weich modulierte flächige Klanglandschaft dargeboten. Es lassen sich nicht alle zwei Dutzend Choristen nennen, die an diesem Abend solistisch aktiv waren. Aber die Solistin bei "Kairo" muss genannt sein: Neele Pfleiderer. Ihr Solo war faszinierend. Schwebende Linien, unterstützt durch Echos, in sphärische Höhe aufsteigend, dann brüchig werdend, zerfasernd, um sich erneut zu bündeln, Töne, wie von weither, und wunderbar lyrisch.

Helmut Lörcher am Klavier greift das auf, seine Klaviertupfer erinnern an leise rinnendes Wasser, ein Geräusch, das sich zu entfernen scheint und irgendwann verlöscht.

Zwischendurch gab es drei Stücke der norwegischen Sängerin Torun Erikson, Lieder zwischen Soul, Gospel und Jazz – sozusagen die Nachdenklichkeits-Abteilung des Abends –, ehe es wieder launig-schwingend wurde mit Jive-Titeln aus der Musikbox der 1940er-Jahre, Songs wie "Saturday Night Fish Fry" von Louis Jordan oder "Straighten up and Fly Right" von Nat King Cole – spritzig-witziger Jumpjazz, der auch heute – und eben auch am Sonntagabend in der Reithalle – noch in die Beine geht.