Das goldene Kalb "Perfektion"

Heidi Ast

Von Heidi Ast

Do, 23. November 2017

Offenburg

Das Tanzprojekt "Atme".

OFFENBURG. Atem, das wohl ursprünglichste Symbol für Leben. So sind es laute Atemgeräusche, die die Zuschauer an diesem Samstag in der Offenburger Reithalle hören. Die Befehlsform "Atme" ist der Titel der Tanzperformance von "Szene Zwei" mit Sitz in Lahr, wurde 2009 von Timo Gmeiner William Sanchez H. als zeitgenössiches Tanztheater für Menschen mit und ohne Behinderung in Essen gegründet. Ihr aktuelles Stück, das jetzt Premiere feierte, handelt von Perfektion in Plastik und dem gnadenlosen Vergleich mit echten Menschen.

Starr wie Schaufensterpuppen stehen die Protagonisten auf der abgedunkelten Bühne. Einige sind mit durchsichtigen Tüchern bedeckt. Unter Zerren und Zappeln beginnt eine Befreiung. Die Szene kommt zum Stillstand, als am andere Ende der Bühne eine zweite Figurengruppe zum Leben erwacht. Die weibliche Figur mit Struwwelpeter-Frisur und Buckel wird, mit einer anderen Figur scheinbar untrennbar verbunden, von dieser drangsaliert. Ruckhafte Bewegungen, die alle bald zum Stillstand kommen. Es gibt Helfer, die gleichzeitig Teil der Performance sind. Die erwachten Protagonisten werden umgezogen, ein weiteres Duo mit einer Rollstuhlfahrerin wird gebildet – drehend, einem Tanz gleich, der der laufen kann im Rollstuhl und seine eigentliche Fahrerin auf dem Schoß. Eingeschränktheit, unterbrochen von kurzen energischen Schüben in Freiheit. Die Bewegungen wechseln zwischen ruckartig puppenhaft und irritiert wirkenden Sequenzen normaler Bewegungsabläufe.

Dann rücken die Teile einer echten Schaufensterpuppe in den Mittelpunkt. Jeder Spieler hält ein Körperteil, gemeinsam wird der perfekte Plastikkörper zusammen gesetzt. Dann folgt die Demontage. Plötzlich gehen alle in eine Art olympischen Wettkampf, alle stehen nun in sportiver Unterwäsche da und posen wie Bodybilder. Doch perfekt ist nur der Körper aus Plastik und es beginnt ein Tanz um das goldene Kalb "Perfektion".

Zu dem Stück wurde den Zuschauern ein Text mit dem Titel "Clemens", ausgehändigt. Er handelt von einer Plastikfigur mit Bewusstsein in einer Welt der Beweglichkeit. Er macht die Erfahrung, dass man ausgemustert wird, sobald die Perfektion Risse bekommt. Während auf der Bühne, der Bewegung bis zum Höhepunkt gehuldigt wird, treten die Figuren aus dem Licht in den Schatten und nur noch der gestylte weiße Körper der Schaufensterpuppe bleibt im bunten Lichtkegel. Großer Applaus.