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28. Januar 2016 09:19 Uhr

Offenburg

Security-Mitarbeiterin: In Flüchtlingsunterkunft belästigt – stimmen die Vorwürfe?

Die Kreissporthalle in Offenburg dient als Flüchtlingsunterkunft. Die Mitarbeiterin eines Security-Unternehmens gibt an, sie sei dort von Flüchtlingen bedrängt worden – und hat Anzeige erstattet.

  1. Tanja Müller (Name von der Redaktion geändert) hat in einer Flüchtlingsunterkunft nach eigenen Angaben Dramatisches erlebt. Foto: hrö

  2. Die Kreissporthalle in Offenburg und die vorgelagerten Wohn-, Küchen und Gemeinschaftscontainer (Archivbild). Foto: hrö

Mit dem Einzug der Flüchtlinge in die Sporthalle bei den Kaufmännischen Schulen im Herbst begann für Tanja Müller als Mitarbeiterin eines Security-Unternehmens die Arbeit. Die ersten Monate seien angenehm gewesen, sagt sie, doch seit Anfang 2016 sei es mit der relativen Ruhe in der Flüchtlingsunterkunft vorbei. Sachbeschädigung, Drogen, Beleidigung, sexuelle Belästigung: All dies habe sie erlebt und Anzeige erstattet. Sie sei jetzt krank geschrieben und werde den Arbeitsplatz wechseln. Vertreter von Staatsanwaltschaft, Polizei und Landratsamt sowie ihr Arbeitgeber wurden um Stellungnahmen gebeten. Es steht zum Teil Aussage gegen Aussage.

Die Informantin

Es ist für eine Zeitung nicht einfach, in der Flüchtlingsfrage den richtigen Kurs zu finden. Die einen vermissen mehr Infos über (angeblich) kritikwürdige Zustände. Die anderen kritisieren ein Zuviel an Berichterstattung, es bestehe die Gefahr, Ressentiments zu schüren.

Wie umgehen also mit Aussagen von Menschen, die beruflich mit Flüchtlingen zu tun haben – und plötzlich das Handtuch werfen, weil sie die Arbeit psychisch fertig gemacht habe? Wie umgehen mit Einzelaussagen? "Dürft ihr nicht alles schreiben? Seid auch ihr ein gesteuertes Medium?", richtete Tanja Müller Ende vergangener Woche Facebook eine Anfrage an die Offenburger Redaktion der BZ, "ich würde gerne ein paar Dinge loswerden."

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"Nein, wir sind frei in unserer Berichterstattung. Wir wollen nichts unter den Teppich kehren", so unsere Antwort. So kam am Montagmorgen ein Treffen zu Stande. Tanja Müller – der Name wurde zu ihrem Schutz geändert – ist eine höfliche, junge Frau. Sie macht einen glaubwürdigen Eindruck. Die 32-Jährige ist Fachkraft für Schutz und Sicherheit. Ihr Expertenwissen hat sie sich an einer Sicherheitsakademie in Freiburg angeeignet, sie ist bei einem Ortenauer Sicherheitsunternehmen beschäftigt. Sie wohnt in einem kleinen Dorf im südlichen Ortenaukreis und ist Mutter zweier Kinder. Ihr Lebenspartner ist Polizeibeamter.

Tanja Müller arbeitete als Einsatzleiterin in der Unterkunft

Gleich mit dem Einzug der ersten Flüchtlinge in die Sporthalle beim Kreisschulzentrum Offenburg nahm sie ihre Tätigkeit als Einsatzleiterin auf. Ein Team aus acht Personen, sie die einzige Frau: "Ich habe die Pläne gemacht, war komplett für das Objekt verantwortlich."

Security sei bis heute für folgende Zeitfenster zuständig: werktags von 16 Uhr bis morgens um 8 Uhr sowie von Freitag, 13 Uhr, bis Montag, 8 Uhr. Ihr Büro war die "Schiedsrichter-Kabine", die sie mit anderen Beschäftigten, etwa vom Landratsamt, geteilt habe. Die ersten Monate, bis etwa Neujahr, sei alles gut gewesen: "Wie oft habe ich kleine Kinder auf dem Hof aufgesammelt und mich um sie gekümmert. Ich habe es gerne gemacht, ich bin ja selbst Mama." Gut, hie und da habe es kleinere Vorfälle gegeben, nichts Dramatisches.

"Ich habe Anzeige erstattet wegen Beleidigung, sexueller Belästigung und Freiheitsberaubung." Tanja Müller
Dann der Paradigmenwechsel, für sie der Grund für mitunter erhebliche Straftaten: Bis zum Jahreswechsel sei die Unterkunft zu 80 Prozent von Familien belegt gewesen, seither vorwiegend von allein stehenden Männern, zu einem Großteil solche, die kaum Chancen hätten auf ein Bleiberecht. Diese seien für eine ganz neue Qualität von Straftaten verantwortlich zu machen.

Im neuen Jahr sei es schier "täglich" zu Verstößen gekommen wie Schlägereien und Diebstählen und Sachschäden. Sogar ein Drogenversteck sei entdeckt worden." Auch Prostitution sei inzwischen ein Thema, "wenn auch außerhalb": Frauen würden von Freiern abgeholt. Rücksichtsloses Rauchen in der Halle, aus Brandschutzgründen verboten, sei noch das harmloseste Delikt.

Tanja Müller sagt, sie sei mehrfach attackiert worden

Was Tanja Müller aber am meisten belastet, sind mehrere Vorfälle, die sie zum Opfer gemacht hätten. Bei einem Rundgang am 5. Januar habe sie sich in einem der auf dem Parkplatz hinter der Halle aufgestellten Küchencontainer mit einer Frau aus Algerien unterhalten, "als ich plötzlich von sieben Männern umzingelt war". Der Abstand: ein paar Zentimeter.

Die Männer hätten mit Geldscheinen gewedelt, sie als "Schlampe" bezeichnet und ihr eindeutige Angebote gemacht. Nur weil ein Arbeitskollege auftauchte und die Männer "wegdrückte", sei die Situation nicht eskaliert. Den Vorfall habe sie zunächst nicht angezeigt: "Ich habe mich geschämt. Vielleicht hatte ich was falsch gemacht, dachte ich mir."

Erst nachdem Ähnliches sich auch an Dreikönig ereignet habe, habe sie die Polizei eingeschaltet. "Ich habe Anzeige erstattet wegen Beleidigung, sexueller Belästigung und Freiheitsberaubung." Ein Mann sei vorübergehend festgenommen worden: Erst später habe sich herausgestellt, dass dieser als anerkannter Asylbewerber gar nicht Bewohner der Flüchtlingsunterkunft gewesen sei.

Bereits am nächsten Tag sei er wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Ohnehin habe sie die bittere Erfahrung gemacht: Habe sie bei Delikten mit Einschaltung der Polizei gedroht, sei sie ausgelacht worden. Nicht selten die Antwort: "Mach doch, es passiert ja doch nichts." Oder: "Ist doch egal, ich werde ja ohnehin abgeschoben." Sie wünsche sich, sagte Tanja Müller, dass Straftäter rasch bestraft und – bei Bedarf – sofort ausgewiesen werden.

Traumatisiert und krankgeschrieben

Eine Polizeimeldung, wonach Schüsse aus einer Schreckschusspistole nichts mit der Flüchtlingsunterkunft zu tun gehabt hätten, sondern weiter weg abgefeuert worden seien, habe "nicht gestimmt". Es sei unter den Hallenbewohnern vereinzelt sogar Panik ausgebrochen.

Am 19. Januar habe sie einem Flüchtling zu verstehen gegeben, dass Rauchen in der Halle verboten sei: "Darauf kam er mit einem Messer auf mich zu, bedrohte mich und sagte, er würde mich umbringen." Sie habe abermals die Polizei alarmiert, der Mann sei festgenommen worden. Mehr wisse sie nicht.

Für sie habe festgestanden: "Für mich ist Ende Gelände. Ich bin traumatisiert, habe einen Ausschlag bekommen, kann kaum noch schlafen, wache nachts oft schreiend auf, gehe kaum noch unter Menschen." Die Kinder, die vorher mit dem Fahrrad zur Schule gefahren seien, bringe sie seither aus Angst, dass ihnen was zustoßen könne, mit dem Auto dorthin.

Seither sei sie krank geschrieben. An diesem Dienstag sei sie zur Vernehmung bei der Polizei gewesen. Dabei seien beide von ihr vorgebrachten Straftaten – Umzingelung und Morddrohung – zu Protokoll genommen worden.

Wenn sie, vielleicht, kommende Woche wieder zur Arbeit gehen könne, werde sie aber nicht mehr in Offenburg Dienst tun, sondern in einer anderen Flüchtlingsunterkunft in Freiburg: "Die ist kleiner, dort gibt es auch wieder viele Familien mit Kindern." Sie freue sich auf die neue Arbeit. Es liege ihr ja auch fern, alle Zuwanderer über einen Kamm zu scheren.

. . . und das sagen Arbeitgeber und Behörden zu den Vorwürfen

"Ich habe keinerlei Kenntnis von derartigen Vorfällen und kann nichts Derartiges bestätigen. Michael Loritz
Michael Loritz kennt die Flüchtlingsthematik im Ortenaukreis aus dem Effeff. Als Dezernent ist er im Landratsamt der verantwortliche Mann für die Unterbringung. Zu den von Tanja Müller genannten Vorgängen in und um die Kreissporthalle in Offenburg teilte er auf Anfrage mit: "Ich habe keinerlei Kenntnis von derartigen Vorfällen und kann nichts Derartiges bestätigen. Wäre das Problem so drängend, dann hätten unsere Sozialarbeiterinnen sicher längst Alarm geschlagen." Loritz merkte noch an, dass entgegen der Aussage von Tanja Müller Sporthalle und vorgelagerte Wohncontainer seit geraumer Zeit gut "durchmischt" seien. Eine Belegung von 80 Prozent mit alleine zugewanderten Männern könne er nicht bestätigen.

Patrick Bergmann vom Polizeipräsidium Offenburg teilte auf Anfrage mit, dass im vergangenen Jahr in der Südstadt – wozu die Kreissporthalle zähle – gegenüber 2014 rund zehn Prozent mehr Straftaten registriert worden seien; 2014 seien es 169 gewesen. Allerdings: Die Flüchtlinge sind erst seit Herbst in der Halle. Man könne aber nicht sagen, so Polizeisprecher Bergmann, dass Flüchtlinge für das Mehr an Straftaten verantwortlich gemacht werden können.

Miriam Kümmerle von der Staatsanwaltschaft Offenburg betonte auf BZ-Anfrage, dass Erkenntnisse über Straftaten von besonderer Bedeutung am Kreisschulzentrum Offenburg, insbesondere im Zusammenhang mit Sexualdelikten oder Drogen, "nicht vorliegen". Die Staatsanwältin führte indes drei Vorkommnisse an, die sich rund um das Kreisschulzentrum abgespielt haben, und von denen auch Tanja Müller berichtet hat:
  • Am 6. Januar hat nach Angaben von Miriam Kümmerle eine Frau berichtet, tags zuvor in der Asylunterkunft im Kreisschulzentrum von mehreren Männern "bedrängt" und "belästigt" worden zu sein. Die Männer hätten sie umringt, zwei davon hätten vor ihr mit Geldscheinen gewedelt und wissen wollen, ob sie gegen Geld zu sexuellen Handlungen bereit wäre, während die anderen gelacht hätten. Die Frau sei dabei nicht angefasst worden. "Miriam Kümmerle: "Nach Prüfung der Vorwürfe ergaben sich keine Verdachtsmomente, dass in dem mitgeteilten Verhalten ein Straftatbestand sexueller Art verwirklicht worden war." Die Ermittlungen, ob vielleicht andere Straftatbestände erfüllt seien, etwa eine Nötigung, "dauern an".

  • Am 14. Januar wurden im Außenbereich des Kreisschulzentrums rund vier Gramm Marihuanablüten aufgefunden. Das Strafverfahren sei gegen Unbekannt eingeleitet worden: "Da es sich um eine allgemein zugängliche Stelle handelt, kommen als Täter auch Personen in Betracht, die nicht in der Flüchtlingsunterkunft untergebracht sind. Bei einem Fund einer solchen Kleinstmenge erfolgt üblicherweise keine Pressemitteilung."

  • Ebenfalls am 14. Januar seien, wie bereits mitgeteilt, in der Nähe des Kreisschulzentrums Schüsse abgegeben worden: "Ein fremdenfeindlicher Hintergrund konnte deshalb ausgeschlossen werden, da die ermittelten Tatverdächtigen glaubhaft angaben, die restliche Silvestermunition verschossen zu haben, und sich nicht darüber im Klaren gewesen seien, dass sie sich in unmittelbarer Nähe der Flüchtlingsunterkünfte aufgehalten hätten."
Ob sich darüber hinaus weitere Vorfälle bei der Flüchtlingsunterkunft ereignet haben, die aber nicht angezeigt wurden, sei nicht bekannt. Miriam Kümmerle weiter: "Bei der Staatsanwaltschaft Offenburg werden die einzelnen Vorgänge nicht getrennt nach Nationalität oder Aufenthaltsstatus des Beschuldigten oder nach Stadtteil, in welchem sich die Tat ereignete, erfasst und könnten auch nicht entsprechend gefiltert werden."

Zur Behauptung, Flüchtlinge würden bei Straftaten von der Justiz mit Samthandschuhen angefasst, können "mangels Schilderung konkreter Fälle" keine näheren Ausführungen getroffen werden. Eine unterschiedliche Behandlung von Beschuldigten, zum Beispiel je nach Nationalität oder Aufenthaltsstatus, sei aus Rechtsgründen unstatthaft. Dass die Security-Mitarbeiterin am Dienstag von der Polizei vernommen worden sei, wollten weder Staatsanwaltschaft noch Polizei bestätigen, auch nicht die Morddrohung.

Der zuständige Bereichsleiter des Sicherheitsunternehmens bestätigte auf BZ-Anfrage die Krankschreibung seiner Mitarbeiterin und sagte, dass man bislang lediglich in Offenburg eine solch negative Erfahrung in einer Flüchtlingsunterkunft gemacht habe.

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Autor: Hubert Röderer