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08. August 2009

Der lange Weg des Stefan Krastel

Weil er seine pflegebedürftige Mutter betreut, wird der 41-jährige Friseurmeister vom Gesetz bestraft – deshalb läuft er nach Berlin

  1. Stefan Krastel mit seiner Mutter Brunhilde und Hund Till, der ihn auf seinem Protestmarsch nach Berlin begleiten wird. Foto: Robert Ullmann

OFFENBURG/KEHL. Ein Ortenauer geht nach Berlin. Zu Fuß. In 40 Etappen. Ohne einen Pfennig Geld in der Tasche. Nicht aus Spaß oder Sportlichkeit, sondern weil er sich nicht mehr anders zu helfen weiß. Am Dienstag, 11. August, um 12 Uhr will Stefan Krastel am Offenburger Rathaus losmarschieren, nach sechs Wochen, am 19. September, will er fünf vor zwölf beim Reichstag ankommen.

"Ich weiß mir keinen anderen Rat", gesteht der in Offenburg geborene Friseurmeister, der viele Jahre den vom Vater aufgebauten Friseursalon in der Nordweststadt betrieb. Mittlerweile wohnt Krastel in Kehl – mit seiner pflegebedürftigen Mutter, die er betreut. Und gerade wegen dieser Betreuung, wegen seiner Weigerung, seine Mutter in einem Heim unterzubringen, habe er alles verloren, sagt Krastel – und korrigiert sich gleich nachdrücklich: "Nein, nicht deswegen, sondern weil das Pflegegesetz diejenigen benachteiligt, die ihre Angehörigen daheim pflegen."

Seit zehn Jahren betreut Stefan Krastel seine Mutter. Sie hatte damals kurz nach dem Tode ihres Mannes einen Gehirnschlag erlitten. Die Folge: Pflegestufe 3, Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Krastel: "Meine erste Reaktion war: Das geht mich nichts an!" Dann, nach einer Woche, war klar, dass er sie zu sich nehmen wird. Seit diesem Zeitpunkt führt der mittlerweile 41-jährige eine Auseinandersetzung mit dem Staat. Der stellt nämlich Bürger, die ihre Angehörigen daheim pflegen, schlechter als die, die sie in einem Heim pflegen lassen. Krastel: "Ich habe aufgrund der geltenden Gesetzeslage alles verloren." Dazu gehört das behindertengerechte Fahrzeug, das er sich in den Anfangstagen der Pflege anschaffte, um mit seiner Mutter Ausflüge ins Grüne und Konzertbesuche machen zu können. Dazu gehört vor allem seine Lebensversicherung, die seine Altersvorsorge sein sollte. Seine Anträge auf Unterstützung nach dem Sozialgesetzbuch II, im Volksmund Hartz IV genannt, wurden immer wieder abgelehnt. Weil er zu viel Vermögen besaß – eben das Fahrzeug und seine Lebensversicherung. Vor dem Verwaltungsgericht erreichte Krastel zwar einen Vergleich, weil der Wert von Auto und Altersvorsorge von den Behörden zu hoch angesetzt wurde. Das amtliche Vorgehen sei jedoch gesetzeskonform, wie das Gericht feststellte. Bei Bürgern, die ihre Angehörigen in ein Heim geben, wird beispielsweise die Altersvorsorge nicht als Vermögen angerechnet. Dies sei zwar eine Ungleichbehandlung, so das Gericht. Gelöst werden müsse das jedoch von der Politik, nicht von der Rechtssprechung. Auch in anderen Bereichen sieht Krastel pflegende Angehörige benachteiligt. Deshalb marschiert er nach Berlin.

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Mittlerweile gilt der Frisörmeister nämlich als Fachmann in Sachen Pflegegesetz, der immer wieder zu Vorträgen und Tagungen eingeladen wird. Doch letztlich seien das frustrierende Erfahrungen: "Man klatscht Beifall, nickt bedenklich mit den Kopf, verspricht, sich der Sache anzunehmen – aber passiert ist bislang nichts", sagt Krastel. Und: "Viele sind betroffen, bestätigen mir im Gespräch oder per Brief, sie fänden es toll, wie ich mich einsetze. Aber davon kann ich mir und meiner Mutter nichts kaufen."

Die "Lebensgemeinschaft" – so der amtliche Ausdruck – aus Mutter und Sohn erzielt etwa 1100 Euro Einkommen: 500 Euro Rente der Mutter, plus circa 600 Euro aus der Pflegekasse. Mittlerweile sei er völlig pleite, deshalb komme noch Geld aus Hartz IV dazu – das er aber während der Zeit seines Spaziergangs nach Berlin nicht in Anspruch nehmen wird. Er habe der Pflegekasse mehrere Hunderttausend Euro erspart, weil er seine Mutter pflegte. Dafür sei er vom Gesetz bestraft worden.

Dass die Pflege daheim wirtschaftlicher sei, bestätigt er. Jeder Politiker führe das Wort "ambulant vor stationär" im Munde. Aber in der Pflege scheine das nicht zu gelten. "Fragen Sie doch herum", sagt er, "kaum jemand will seinen Lebensabend im Heim verbringen." Krastels Wunsch wäre, dass der Staat legale und bezahlbare Möglichkeiten schafft, damit hilfsbedürftige Menschen – so sie es wünschen – auch dann in ihrer Familie bleiben können, wenn die Kinder aus welchen Gründen auch immer die Pflege nicht selbst leisten können. Mit seinem Marsch will er Öffentlichkeit herstellen und auf die existierende gesetzliche Schieflage hinweisen. Es gehe im nicht darum, jeden moralisch zu verpflichten, seine Angehörigen daheim zu pflegen. "Das soll und muss jeder für sich entscheiden dürfen. Aber der Staat darf diese Entscheidung nicht dadurch lenken, dass er pflegende Angehörige zu Sozialfällen macht."
Infos über den "Fall Krastel" und seinen Fußmarsch zum Reichstag gibt es unter www.stefankrastel.de Die Badische Zeitung wird regelmäßig über Stefan Krastels Marsch nach Berlin berichten.

Autor: Robert Ullmann