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11. April 2017 10:20 Uhr

"Franziskus sät, wird aber nicht die Ernte einfahren"

OFFENBURG. Wagemutiger Reformer, Kosmopolit und Kritiker der überkommenen Strukturen des Vatikans: Ein interessantes Bild von Papst Franziskus zeichnete Marco Politi, italienischer Vatikan-Kenner mit deutschen Wurzeln. Er war auf Einladung von Hans-Michael Uhl, evangelischer Pfarrer und Religionslehrer in Hausach, zu einem Vortrag in das Gemeindehaus der Auferstehungskirche in Offenburg gekommen. Anlass waren die Feierlichkeiten zu 500 Jahre Reformation.

Während des katholischen Heiligen Jahres 2000 war Uhl Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom gewesen, dort hat er Politi kennengelernt. Dieser, Journalist und Autor, der den Vatikan seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Anfang der 60er Jahre aus der Nähe beobachtet, sprach in erster Linie über Papst Franziskus – und weniger über das spirituelle Leben in Rom und im Vatikan mit und nach 500 Jahren Reformation. Wesentliche Impulse zog sein Vortrag, der als lockeres Frage-Antwort-Spiel zwischen ihm und Uhl konzipiert war, aus seinem jüngsten Buch "Franziskus unter Wölfen. Der Papst und seine Feinde", das 2015 beim Herder-Verlag erschienen ist.

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Eindeutige Stellungnahmen zur aktuellen weltpolitischen Lage – der Terrorismus als Dritter Weltkrieg –, ein kollegiales Verständnis vom Papsttum, eine ökologische Enzyklika, die Dezentralisierung der katholischen Weltkirche, Frauen im diakonischen Amt, vatikanrechtliche Prozesse bei Missbrauchfällen: All diese Ideen und Pläne des Papstes verunsicherten konservative Kreise, aber auch moderate Durchschnittskardinäle im Vatikan, sagte Politi.

Deshalb befinde sich Papst Franziskus unter Wölfen. Doch im Gegensatz zu einer Legende um den gleichnamigen Heiligen, in der ein Wolf sich erfolgreich von Worten bekehren ließ, entpuppten sich die Gegner dieses Papstes nicht als Lebewesen, die zur Umkehr fähig seien. Im Gegenteil: Aggressive Tiraden auf Webseiten, offene Opposition gegen die Eucharistie für Wiederverheiratete, Komplotte für das kommende Konklave beschreibt Politi eindringlich. Und dennoch: Franziskus arbeite unbeirrt in einem Selbstverständnis des christlichen Samariters, des angefeindeten Apostels und des Jesus-Nachfolgers daran, sich auch für die Armen, Abgehängten und nicht an der kirchlichen wie weltlichen Macht Beteiligten einzusetzen. Nach so einer Heldeneloge mag man dem Papst am liebsten diesen Satz in den Mund legen: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders." Diese Worte schreibt man aber eher Martin Luther zu – ausgerechnet. "Ist Papst Franziskus ein Protestant?", lautete deshalb Uhls provokante Frage an diesem Abend. Spannend war es nun, Politis Antworten darauf zu hören: Franziskus appelliere auch in seinen ökumenischen Bemühungen an eine Art Brüderlichkeit unter allen Christen, meint Politi. Eine einseitige Annäherung an protestantische Positionen weist er dem Pontifex jedoch nicht nach. Auch wenn er sich daran erinnert, dass Franziskus als erster Papst beim Reformationsfest des lutherischen Weltbundes den ökumenischen Gottesdienst mitgestaltet habe: "Er hat ganz deutlich gemacht, wie wichtig es gewesen sei, dass die Reform das Wort Gottes wieder ins Zentrum gestellt hat." Brüderlichkeit, das wolle Franziskus auch im interreligiösen Austausch erreichen, nicht ohne Grund reise er deshalb bald nach Kairo, um dort den Scheich der sunnitischen Universität zu treffen.

Ein spiritueller Tausendsassa der Postmoderne? Politi formuliert es so: "Papst Franziskus ist wie ein Mann, der Samen aussät. Er glaubt an die Kraft der Entwicklung, aber er wird nicht die Ernte einfahren." Keine 99 Thesen am Portikus des Petersdomes – eher Evolution statt Revolution in der katholischen Weltkirche.

Autor: Babette Staiger