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20. April 2016

Harry Potter war sein Glücksfall

Klaus Fritz hat unter anderem die Erfolgsreihe von Joanne K. Rowling übersetzt / Über seinen Beruf sprach er in der Stadtbibliothek.

  1. Klaus Fritz hält den ersten Harry Potter-Band in Händen, den er bereits vor knapp 20 Jahren übersetzt hat. Foto: judith reinbold

OFFENBURG. Wer Bücher von fremdsprachigen Autoren liest, vergisst oft, dass das nur dank Übersetzer möglich ist. Selbst die "Weltsprache" Englisch beherrschen viele nicht gut genug, um eine ganze Fantasy-Reihe wie etwa Harry Potter im Original zu lesen. Dass sie die sieben Bücher über den jungen Zauberer auf Deutsch lesen können, haben Tausende von Fans dem Übersetzer Klaus Fritz zu verdanken, der am Montag Abend in der Stadtbibliothek zu Gast war, um von seinem Beruf zu berichten und neugierige Fragen zu beantworten.

"Es ist nicht so ganz einfach, das Thema Übersetzen", beginnt Fritz seinen Vortrag, der Teil der Reihe "Der gläserne Übersetzer" ist. Warum, das wird den rund 100 Besuchern im Laufe des Abends klar. Die Vortrags-Reihe wird von der Offenburger Stadtbibliothek veranstaltet und gehört thematisch zu weiteren Veranstaltungen, die im Sinne des europäischen Übersetzerpreises stattfinden. Der wird am kommenden Sonntag im Salmen an einen Übersetzer aus dem Niederländischen vergeben.

Entgegen dem, was heute in der Schule gelernt und als "Mediation" bezeichnet wird, müssen Übersetzer wie Klaus Fritz mehr als nur die Botschaft eines Romans, eines Gedichts oder eines Sachbuches wiedergeben. "Stattdessen muss die Übersetzung die Wirkung einer Geschichte so gut wie möglich darstellen", erklärt der Profi. Denn: Die Übersetzung sei ein Versprechen. Das Versprechen, sich so nahe wie möglich am Original zu halten.

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Auf die Frage, ob er Passagen, die ihm stilistisch nicht gefielen, mutwillig verändern würde, antwortet Klaus Fritz deshalb mit einem ganz klaren Nein. "Das wäre unethisch", begründet er die Antwort. "In meinem Beruf darf man nicht kreativer werden, als es der Autor im Original war."

Ganz zu Anfang hat es Bibliothekschefin Sibylle Reiff-Michalik eine Mammut-Aufgabe genannt, eine Fantasy-Reihe wie Harry Potter zu übersetzen. Schließlich muss der Übersetzer nicht nur aus einer anderen Sprache, sondern auch aus einer völlig neuen Welt übersetzen. Damit hat sie Recht: Denn gerade in der Welt von Autorin Joanne K. Rowling gibt es viele neue, vorher noch nie da gewesene Wörter. Da deren Funktionen und Anspielungen oft verloren gingen, würde er die Wörter direkt übernehmen, muss sich Klaus Fritz neue Wörter ausdenken – die möglichst die gleiche Funktion haben und damit eine ähnliche Wirkung erzielen. Dass es eigentlich nicht möglich ist, genau die gleiche Wirkung zu erzielen, macht er an diesem Montag Abend deutlich. Manchmal müsse er ein Wort übersetzen, weil die Geschichte oder eine Situation sonst keinen Sinn ergebe. "Mir ist klar, dass man dabei auch verliert. Kreativität manchmal, aber auch Anspielungen. Dafür gewinnt man an anderen Stellen."

Als Beispiel für einen Gewinn nennt er die Krankheit "lumbago", an der eine Figur einmal erkrankt war. Dass das auf Deutsch der Hexenschuss ist, bringt bei einer Geschichte über die Zaubererwelt natürlich eine ironische Komponente hinzu. Doch er kann auch Wörter nennen, die bei der Übersetzung verloren haben. So wurde aus "Pensieve" etwa "Denkarium" – dass "sieve" Sieb heißt, blieb auf der Strecke. Auch beim Namen der Zaubererschule "Hogwarts" verliert der Leser durch die Entscheidung, den Namen nicht zu übersetzen. Denn welcher deutsche Leser weiß schon, dass Hogwarts wörtlich übersetzt Schweinewarzen heißen müsste?

Der Prozess dieser Entscheidungen findet unter immensem Zeitdruck statt. Für den 1000-seitigen fünften Band der Erfolgsreihe hat Fritz vier Monate am Stück übersetzt. Das sind grob 250 Seiten im Monat, acht bis neun Seiten am Tag. "Das war das Extremste, das ich jemals gemacht habe. In dieser Zeit hatte ich keinen Tag frei", sagt er heute.

Und das alles, wo er doch nie eine Sprache studiert hat. "Ich habe schon immer gerne übersetzt, auch in der Schule schon. Es wurde aber doch ein Sozialwissenschaftsstudium. Zum Übersetzen kam ich schließlich über Sachbücher." Dann der Glücksfall: Er wird für die Übersetzung von Harry Potter vorgeschlagen, schreibt das erste Kapitel als Probe – und wird genommen.

"Klar hat sich dadurch viel verändert. Plötzlich werde ich nach Südtirol zu einer Lesung eingeladen, das passiert dir als Übersetzer normalerweise nicht", sagt er. Da Übersetzer inzwischen nicht mehr nur mit ihrem Seitenhonorar bezahlt werden, sondern auch zu kleinen Teilen finanziell am Erfolg eines Buches teilhaben, lohnen sich die Harry Potter-Bücher für ihn gleich mehrfach.

Ob er denn alle Zaubersprüche aus Harry Potter auswendig wisse, das möchte ein Mädchen im Publikum wissen. "Nein", sagt Fritz und muss lachen. "Seitdem habe ich so viele Seiten übersetzt, das überlagert sich – der erste Band ist schließlich schon fast 20 Jahre her." Doch bald wird er sich wieder mit der Zaubererwelt beschäftigen: Rowling bringt einen achten Band als Theaterstück heraus, der auch als Buch erscheinen soll. Dann wird Klaus Fritz wieder Harry Potter übersetzen, getreu dem Motto "Manchmal muss man etwas aufgeben, um dazuzugewinnen."

Autor: Judith Reinbold