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06. März 2012

Haydns leise Vorahnung der Romantik

Brillante Cathérine Gordelaze.

LAHR/OFFENBURG. Haydn, Chopin, Ravel – das sind drei verschiedene Klavierwelten, die im jüngsten "Weltklassik"-Konzert – am Samstag in Lahr, am Sonntag in Offenburg – dargeboten wurden von Catherine Gordeladze, an der Hochschule Frankfurt unterrichtende Pianistin aus Georgien. Die Frankfurter Allgemeine nannte sie einen strahlend am Künstlerhimmel aufgetauchten Stern – eine nicht unbedingt seltene Metapher –, und sprach von tief gründender Musikalität. Als Stern strahlt sie mittlerweile recht kräftig, und der Satz von der Musikalität bestätigte sich bei den Konzerten in der Ortenau ganz und gar.

Da war die große Es-Dur-Sonate von Haydn. Das Adagio, innig, einen leisen Schatten voraus werfend auf die Romantik. Aber nicht ein Hauch von Schwelgerei. Einfach nur Sinnlichkeit, Klang, den man wie eine Berührung zu spüren glaubt. Und das Finale! Gordeladze lässt durch ihren völlig mühelosen Anschlag die Leichtigkeit im Presto körperlich werden, nimmt aber immer auch Momente des Innehaltens wahr, des Nachspürens.

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Auf Haydn folgen zwei Chopinwalzer. Es ist ganz und gar großartig, wie sie den "Valse" brillante spielt, hineinspringt in dieses wie Champagner funkelnde und wie Mokka belebende Thema. Sie spielt es, als wäre das nicht Chopin, sondern Johann Strauß, sprühend, lebensfroh. Zugleich hat sie das andere stets in der Hinterhand, das leise Zerren einer Erinnerung, welche diese Lust am Walzer gerade genug eintrübt, um spürbar zu sein. Beim e-moll-Walzer Nr. 15 ist diese Eintrübung dann genau das, was das Stück ausmacht. Der Walzer flattert wie verzerrt und flüchtig an der Oberfläche, während es im Untergrund grübelt und schmerzt.

Gordeladze wird der Verstörung und dem Publikum gerecht

Schluss- und Höhepunkt war eine Klavierbearbeitung von "La Valse" von Maurice Ravel. Das ist nun mehr ein Abgesang auf Walzerlaune und Ballsaalseligkeit als Laune und Seligkeit selbst, mit Grollen und Rumoren in der Basshand, mit grellen Klavierblitzen bis hin zum höchstmöglichen Ton auf dem Instrument, mit unrundem, teils zerstörtem Rhythmus. Zugleich ist es ein Virtuosenstück.

Gordeladze wird beidem gerecht, sowohl der Verstörung als auch dem Publikum, das nach all der Konzentration auf das Musikalische auch ein wenig Schaulaufen sehen und hören will. Bravo.

Autor: rob