Offenburg

Im ehemaligen Knast eröffnet bald ein Luxushotel

Helmut Seller

Von Helmut Seller

Fr, 25. August 2017 um 18:59 Uhr

Offenburg

Ende September eröffnet das Design-Hotel "Liberty" im früheren Offenburger Gefängnis. Ein Baustellenrundgang mit Direktor Marc Aeberhard – nie war Knastluft luxuriöser.

Draußen drängen sich die Handwerkerautos, drinnen wird gewirbelt, was das Zeug hält: Ende September muss alles fertig und blitzsauber sein – dann eröffnet im alten Gefängnis an der Grabenallee Offenburgs nobelstes, außergewöhnlichstes und teuerstes Hotel: das "Liberty". Mit 38 Zimmern und Suiten für 150 bis 650 Euro pro Nacht, dazu Sterneküche im Restaurant "Wasser & Brot" und einer White & Brown Bar bereichert das Design-Hotel das Angebot in der Stadt.

Nie wieder Insel

Dass in nur fünf Wochen die Baustellenhektik einem gediegenen Genießer-Flair weichen wird, lässt sich derzeit zwar erahnen, aber kaum glauben. Nur Marc Aeberhard hat die Ruhe weg. Der "Managing Director" des Liberty erteilt hier eine Anweisung, gibt dort einen Tipp und wechselt schnell mal für eines der vielen Telefongespräche vom Hochdeutschen in fließendes Französisch.

In seinem provisorischen Büro hängen weiße Kittel an den Schränken, stapeln sich Stoffmuster, dekorative alte Lampen und Kisten mit noblen Weinen. Platz ist derzeit Mangelware. "Wir spielen grad Tetris", scherzt Aeberhard. Eben ist die Lieferung Minibars eingetroffen, doch wohin damit? "Ich lasse Sie hier in meinen Alltag rein", sagt der 49-Jährige, der sich als Fels in der Brandung sichtlich wohl fühlt. Kein Wunder: Acht Hoteleröffnungen hat er bereits hinter sich, ebenso ein bewegtes Leben, zu dem auch die Leitung internationaler Spitzenhotels wie Island Hideaway auf den Malediven oder Fregate Island Private auf den Seychellen gehört. Was Urlauber schwärmen lässt, entlockt Aeberhard fast schon einen Aufschrei: "Elf Jahre in den Tropen – es reicht. Ich brauche nie wieder Insel!" Es klingt überzeugend.

Improvisationstalent

Doch wo es nichts gibt außer Palmen, Sandstrand und Meer, da gedeiht ein Improvisationstalent, das dem Hotelmanager nun in der Ortenau zugute kommt – obwohl es im Vergleich kaum nötig ist: "Ich bin hier tiefenentspannt", sagt Aeberhard. Was immer auch fehlt – es kann schnell besorgt werden. Doch das ist eine ganze Menge: 1600 Dinge – vom Kaffeelöffel über die Kopfkissen, von der Bratpfanne bis zur Serviette – müssen bedacht und eingekauft werden, um ein Hotel ins Laufen zu bringen. Ab nächster Woche ist dann auch das Gros von Aeberhards 25-köpfiger Mannschaft einsatzklar.

Dann wird nicht nur der letzte Baustaub beseitigt, sondern werden auch die Abläufe einstudiert. "Für uns ist ja alles das erste Mal." Diese Warmlaufphase, bis alles sitzt und das Team eingespielt ist, wird bis in den Winter hinein laufen: "Ein bis zwei Monate wird es holprig", sagt Marc Aeberhard. "Irgendwas haben wir bestimmt vergessen..."

Der neue Luxus

Schon jetzt kommen ständig Zimmerbuchungen herein, auch weil das Liberty seit zweieinhalb Monaten Mitglied der Kette "Design Hotels" ist, die international handverlesene Häuser vereint. "Wenn Sie auf einer gewissen Flughöhe unterwegs sind, brauchen sie Sparringpartner", sagt Aeberhard. Dabei gehe es längst nicht mehr um jene Art Luxus, die der Profi als Swarovski-Plingpling bezeichnet: "Der Glanz der Sterne ist verblasst. Der neue Luxus sind Raum, Zeit, Freiheit, Sicherheit, Service, aber auch eine paparazzofreie Zone." Geld spielt dabei keine Rolle, auch nicht bei Preisen von 650 Euro pro Nacht – der (ohne Frühstück). "Es gibt auch Gäste, die 20 000 Euro bezahlen", sagt Aeberhard. Entscheidend sei, dass die Qualität stimme. "Klasse statt Masse" laute die Devise, über die sich Aeberhard auch mit Christian und Dietmar Funk einig ist.

Die Offenburger Brüder, die ihr Geld unter anderem mit der Firma Tema und Direktmarketing verdienen, stecken hinter dem Millionenprojekt – wobei über Geld nicht geredet wird. Schon seit vier Jahren arbeiten Aeberhard und die Funks zusammen: "Die Chemie hat gestimmt", sagt der Managing Director, der sich seit Herbst 2013 um die Planung des Liberty kümmert. Zielgruppe des Hauses sind zu 80 Prozent Geschäftskunden und zu 20 Prozent Urlaubsgäste – wobei deren Anteil möglichst gesteigert werden soll. Offenburg sei schließlich der perfekte Ausgangspunkt für "Kunst-, Kultur- und Genussmenschen", um die ganze Region zu entdecken. Dass weitere Hotels in der Stadt entstehen, sieht Aeberhard als Bestätigung: "Bisher war Offenburg White Spot – das ist es jetzt nicht mehr."

102 Biere verkostet

Zum Liberty-Konzept gehört "gepflegte hohe Gastronomie", um die sich Sterne-Koch Jeremy Biasiol kümmert. Gekocht wird offen im modernen Glastrakt, der die beiden früheren Gefängnisgebäude elegant verbindet und in dem außer dem zentralen Grill auch der Lounge-Bereich mit offenem Kamin untergebracht ist: "Das ist das Wohnzimmer", sagt Marc Aeberhard. In einer Ecke wird eine Bibliothek mit bis zu 4000 Bänden eingerichtet, in der "Brown & White"-Bar gibt es eine breite Auswahl hochkarätiger brauner und weißer Getränke: von Whiskey über Gin bis zu edlen Destillaten aus der Ortenau. "Im Vordergrund steht immer die Qualität, der Preis ist untergeordnet."

Der Weinkeller im alten Tonnengewölbe wird auch für Verkostungen und Bankette genutzt – es gibt ein Schwergewicht auf lokalen und regionalen Tropfen. Alles wird sorgsam ausgewählt, wie auch die Biere: 102 Sorten wurden verkostet, am Ende fiel die Entscheidung für Ulmer und Rothaus aus dem Hahn sowie 15 Flaschenbiere. Marc Aeberhard nimmt auch solche Herausforderungen sportlich: "Das ist nicht besonders gesund für die Leber – aber Spaß macht es ohne Ende."
Gefängnisgeschichte

Das frühere Gefängnis an der Grabenallee wurde unter Großherzog Leopold von Baden ab 1843 gebaut und nach Hofbaumeister Heinrich Hübsch auch "Villa Hübsch" genannt. Zunächst gab es Platz für 40 Häftlinge. Nach dem Scheitern der Badischen Revolution 1848/49 saßen auch Offenburger Revolutionäre ein.

Einen lesenswerten Abriss der Gefängnisgeschichte gibt es auf der Hotel-Homepage: hotel-liberty.de