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29. Februar 2016

"Mit Diskriminierung muss Schluss sein"

Rund 150 Frauen und Männer beteiligten sich am Samstag an einer Demonstration gegen Homophobie / Freiburger Drag Queen Dita Whip als Rednerin.

OFFENBURG. Schwulenfeindliche Schimpfwörter auf dem Schulhof, homophobe Sprechchöre in Fußballstadien, offene Intoleranz am Arbeitsplatz: Wer als Mann Männer oder als Frau Frauen liebt, begegnet immer noch vielerorts Vorurteilen, wird beschimpft und diskriminiert. Diese Erfahrung musste auch Stefan Kornmeier aus Friesenheim machen. Um ein Zeichen für eine tolerantere Gesellschaft zu setzen, hatte der 21-Jährige eine Demonstration gegen Homophobie organisiert, an der am Samstag rund 150 Männer und Frauen teilnahmen.

"Colors of the Rainbow" lautete das Motto der Demo, für die Kornmeier auch die stadtbekannte Freiburger Drag Queen Dita Whip als Unterstützerin und Rednerin gewinnen konnte. Eine Drag Queen ist ein Mann, der meist sehr weibliche Kleidung, kunstvolles Make-up, Schuhe mit hohen Absätzen und Perücken trägt.

"Colors of the Rainbow": Das steht metaphorisch für eine bunte Gesellschaft, die gerade wegen ihrer Vielfältigkeit schön sei. Zur Vielfalt gehöre auch, dass es sowohl Heteros als auch Homosexuelle gibt – denn "Love is Love", Liebe ist Liebe", wie auf den Bannern der Demo-Teilnehmer stand, die nach einer Kundgebung auf dem Marktplatz durch die Innenstadt zogen. Und: "Niemand sucht sich seine Sexualität gezielt aus", betonte Kornmeier. Für den jungen Friesenheimer sei es schwer gewesen, sagt er, sich selbst einzugestehen, dass er auf Männer steht. Das "innere Coming-Out", das Akzeptieren, dass er schwul ist, habe begonnen, als er 14 Jahre alt war. Heute ist er 21 Jahre alt, hat schwule Freunde und ist in der Freiburger Szene unterwegs – explizit hatte er sich vor der Demo vor seinen Eltern aber noch nicht geoutet. "Die Demo hilft mir, offen zu zeigen, wie ich bin – und dass es völlig in Ordnung ist, so zu sein."

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Diskriminierung hat Kornmeier selbst noch nicht erfahren – auch, weil er sich noch nicht offiziell zu seiner Homosexualität bekannt hatte. Der 21-Jährige weiß aber von Bekannten, dass Intoleranz und sogar Gewalt keine Seltenheit sind. Ein junger Mann aus dem Ortenaukreis habe Selbstmord begangen, weil seine Familie nicht akzeptieren wollte, dass er schwul ist. Die Selbstmordrate bei Homosexuellen sei sechsmal so hoch wie bei Heteros. In Freiburg sei kürzlich ein schwules Pärchen krankenhausreif geschlagen worden: "Die Übergriffe nehmen zu." In der Ortenau lebten immer noch sehr viele homophobe Menschen. Zu Hause in Friesenheim würde er sich nicht trauen, Hand in Hand mit einem Mann herumzulaufen: "All meine schwulen Freunde kommen aus Freiburg." Die Szene in der Ortenau sei sehr groß, größer, als er auf Anhieb gedacht hätte. Erste Kontakte zu Gleichgesinnten habe er über das Internet geknüpft: "Das war für mich leichter, wegen der Anonymität." Erst nach und nach habe er sich in die Szene eingefunden, Veranstaltungen in Freiburg besucht oder den Offenburger Club "Tabu".

Dort legte nach der Demo Drag Queen Dita Whip aus Freiburg auf. "Turboliebe" hieß ihr Programm für den Abend. Wenn Dita Whip nicht als Unterhalterin im Club tätig ist, bietet sie Stadtführungen in Freiburg oder arbeitet als Visagistin. Die "peitschenschwingende Glamazone", wie sie sich selbst auf ihrer Facebook-Seite beschreibt, lebt seit eineinhalb Jahren in der Schwarzwaldmetropole. Davor hat sie einige Jahre im englischen Chester verbracht, wo auch ihre Karriere als Drag Queen begonnen hat. Heute kann man sie unter anderem für Comedy-Einlagen oder Burlesque-Shows buchen. Für Dita Whip ist ihr Job aber nicht nur eine Spaßveranstaltung – sie will vor allem auch ein politisches Statement setzen: "Die Drag Queens polarisieren, ziehen die Aufmerksamkeit der Medien an. Das ist wichtig im Kampf für die Gleichstellung."

Auch wenn die gleichgeschlechtliche Ehe seit 15 Jahren erlaubt sei, habe man die Gleichstellung noch lange nicht erreicht: "Wir leben in einem Klima, in dem schwul als Schimpfwort gilt."

Auch Oliver Florin, Besitzer des Offenburger Gay-Clubs "Tabu", ist der Meinung, dass im Hinblick auf die Gleichberechtigung noch einiges zu tun sei. Eine Woche vor der Demonstration war es bekanntlich zu einem Übergriff vor seinem Club gekommen. Als er diesen gerade aufschließen wollte, sei eine Gruppe Jugendlicher auf ihn und seine Mitarbeiter zugekommen, hätten sie beleidigt, beschimpft, ihnen gedroht: "Es war der erste Übergriff dieser Art, aber er beweist, dass in der Ortenau noch viel in Sachen Toleranz getan werden muss."

Autor: Julia Trauden