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14. Januar 2010

Musik mit Migrationshintergrund

LEUTE IN DER STADT: Murat Bay unterrichtet die türkische Saz an der Musikschule, die damit ein Zeichen für Integration setzt

  1. Schon 5000 traditionelle Lieder aus dem vorderen Orient hat Saz-Lehrer Murat Bay gesammelt. Mit seiner Sammlertätigkeit und mit seinem Unterricht will er diese Musik vor dem Vergessen bewahren. Foto: Pascal Cames

OFFENBURG. Die orientalische Laute Baglama, auch Saz genannt, ist in der Türkei so populär wie hierzulande Gitarre und Klavier zusammen. Auch in Deutschland ist sie unter den Türken beliebt. Murat Bay aus Achern ist der erste Baglama-Lehrer an der Musikschule Offenburg. Er hofft auf viele Schüler, deutsche wie türkische.

Baglama über alles. Fast jeder Haushalt in der Türkei hat eine orientalische Laute und fast jeder kann sie spielen. Die Baglama ist so beliebt, dass sie nur "das Instrument" genannt wird, auf türkisch "Saz". Überall in der Türkei werden die Lieder gespielt, "überall ein bisschen anders", weiß Murat Bay (30), der erste und einzige Saz-Lehrer an der Musikschule Offenburg. "Wenn einer spielt, hört man schon woher er kommt."

Aber die Traditionen drohen verloren zu gehen. Wie in Europa, würde auch in der Türkei populäre Musik wie HipHop die traditionelle Musik verdrängen. Bay befürchtet, dass spätestens in 50 Jahren vieles für immer verloren sein könnte. Darum sammelt er traditionelle Saz-Lieder, 5000 hat er schon. In der Türkei ist ähnliches zu beobachten, Lieder werden gesammelt und archiviert. Gleichzeitig verändern sich auch Lehre und Lernen des Instruments. Früher wurde nur privat unterrichtet und jeder Lehrer hatte seine eigene Technik und Methodik. Seit ungefähr 20 Jahren gibt es einheitliche Standards, sowohl für die Lehre als auch für den Instrumentenbau. Jetzt funktioniert türkischer Unterricht auf dem Instrument in aller Regel wie in Europa auch.

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Auch Murat Bay fing mit traditionellem Privatunterricht an, aber zur Saz kam er zufällig. Er wollte gar nicht spielen, die Saz habe ihn kalt gelassen, obwohl die ganze Familie sie spielt. Erst als ein älterer Freund der Familie zu Besuch kam, wurde Bays Talent entdeckt. Der Besucher wollte dem damals zwölfjährigen Murat ein paar Lieder beibringen. "Aus Respekt dem Mann gegenüber konnte ich nicht nein sagen", erinnert sich Murat Bay, am Ende des Tages konnte er schon drei Lieder spielen. "Das ist wirklich schön, du kannst das", sagte der Mann.

Seitdem spielt Murat Bay die Saz, daheim, im Konservatorium, mit seiner Band SIR und mit Schülern. "Ich werde sie bis an mein Lebensende spielen", ist er sich sicher.

Für westliche Ohren klingt das Instrument zunächst fremdartig, denn statt insgesamt zwölf Halb- und Ganztöne, gibt es in der orientalischen Musik auch Vierteltöne. Die anatolischen und orientalischen Lieder tun ein übriges dazu, dass es exotisch klingt. Murat Bay spielt die Saz mit verschiedenen Techniken, schlagen und zupfen wie bei der Gitarre auch aber auch das antippen der Saiten ("Selpe") mit den Fingerkuppen auf dem Lautenhals.

"Wenn einer spielt, hört man schon woher er kommt."

Murat Bay, Saz-Lehrer
Mit der Saz lässt sich auch Pop oder Rock spielen, Bay hat es schon ausprobiert. Mit seiner Band SIR (deutsch: das Geheimnis) arrangieren und spielen sie alte anatolische Lieder. SIR ist Multikulti in Reinkultur: Türken, Deutsche, Franzosen, Armenier waren schon in der Band, die einen türkischen Plattenvertrag hat. Als die Combo in der Türkei spielte, waren die Zuschauer erstaunt. "Was ihr spielt türkische Musik, und ihr seid gar keine Türken?!" Murat Bay nimmt’s gelassen, schließlich ist "Musik ist eine Weltsprache."

Die Weltsprache funktioniert auch innerhalb der Band, wo nicht alle Musiker die Sprache des anderen beherrschen, und auch als Lehrer, denn auch viele Deutsche interessieren sich für die Saz. Für seine türkischen Schüler sieht er im Unterricht eine besondere Bedeutung. "Wenn man seine Vergangenheit kennt, kann man sich besser integrieren", sagt er. Gleichzeitig geht er davon aus, dass nicht jeder aus der Türkei Saz spielen muss. Jeder soll das Instrument spielen, das zu ihm passt, sagt er. "Jedes Instrument klingt gut, wenn es richtig gespielt wird."

Auch die Leitung der Musikschule Offenburg/Ortenau freut sich über das integrative Signal, das von diesem Unterrichtsangebot ausgeht.

Autor: Pascal Cames