Proteste und das Attentat belasten Straßburg

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Von teli

Sa, 05. Januar 2019

Offenburg

BLICK INS ELSASS: In der Neujahrsnacht brannten mehr als 70 Autos in der Europastadt / 80. Bahnjubiläum der SNCF ist fast unbemerkt zu Ende gegangen.

STRASSBURG (teli). Es ist nur ein Katzensprung von der Ortenau ins Elsass und in die quirlige Europastadt Straßburg. Was sich jenseits des Rheins tut, beleuchtet immer samstags unser "Blick ins Elsass".

70 Brennende Autos

Mehr als 70 Autos und damit mehr als seit Beginn der Zählungen haben laut einem Bericht der elsässischen Tageszeitung Dernières Nouvelles d’Alsace in der Neujahrsnacht in Straßburg gebrannt. Nicht mitgezählt sind dabei die Fahrzeuge, die durch bereits brennende Autos ebenfalls Feuer gefangen haben. Auch in Mulhouse wurden offenbar mehr als 50 Fahrzeuge angezündet. Die Straßburger Präfektur hat in einer Pressemitteilung am späteren Mittwochabend keine konkreten Zahlen zu den abgefackelten Autos genannt. Sie hat mitgeteilt, dass allein im Unter-Elsass rund 1000 Polizisten und 800 Feuerwehrleute im Einsatz waren, vier seien verletzt worden. Insgesamt 52 Personen sind nach Angaben der Präfektur wegen Sachbeschädigung oder Gewalt gegenüber Einsatzkräften festgehalten worden, um ihre Personalien aufzunehmen. Laut Pressemitteilung sind von Silvester bis zum 2. Januar 57 Menschen beim (eigentlich verbotenen) Abbrennen von Feuerwerkskörpern verletzt worden (beim Jahreswechsel 2017/2018 waren es 79), vier so schwer, dass sie bleibende Schäden davontragen. 33 der Verletzten sind Minderjährige im Alter von fünf bis 17 Jahren, drei von ihnen müssen mit bleibenden Beeinträchtigungen leben. Die Ordnungskräfte haben 537 Kilogramm Feuerwerkskörper beschlagnahmt.

Vom Streik überschattet

Fast unbemerkt ist mit dem 31. Dezember auch das 80. Jubiläum der französischen Eisenbahngesellschaft (SNCF) zu Ende gegangen. Monatelange Streiks im Frühjahr und im Frühsommer 2018 haben offenbar die Feierlaune verdorben. Nur ein Ausstellungszug, in dem die Geschichte dargestellt wurde, war im Herbst auf eine Rundreise durch Frankreich geschickt worden. Am 31. August 1937 war die SNCF durch eine Verstaatlichung der bis dahin selbstständigen vier großen Eisenbahngesellschaften des Landes und einer Fusion mit den bereits vom Staat betriebenen Schienennetzen entstanden. Der Eisenbahnbetrieb in Elsass-Lothringen stand seit dem Ende des Ersten Weltkrieges und damit der deutschen Herrschaft unter einer besonderen Verwaltung des Bauministeriums. Vom 1. Januar 1938 an gehörten das 2300 Kilometer lange Schienennetz und die 39 000 Mitarbeiter zum ostfranzösischen Teil der SNCF, deren Anteile zu 51 Prozent vom Staat und zu 49 Prozent von privaten Unternehmen gehalten wurden. Während des zweiten Weltkriegs unterstanden Gleisnetz und Beschäftigte der Deutschen Reichsbahn; nach Kriegsende bestand die Hauptaufgabe zunächst darin, das schwer beschädigte Schienennetz und die zum Teil zerstörten Bahnhöfe wieder aufzubauen. Nach einem Jahr fuhren die Züge auf den Hauptstrecken im Elsass und in Lothringen wieder, auch die Rheinbrücken in Roeschwoog, Straßburg und Chalampé waren wieder benutzbar, allerdings nur eingleisig. Bis heute nicht wieder aufgebaut wurde die Eisenbahnbrücke über den Rhein bei Neuf-Brisach. Von 1947 an fuhren im Elsass die ersten im Rahmen des Marschall-Plans aus den USA gelieferten Dampflokomotiven. Als der Autoverkehr auf der Straße zur Konkurrenz für die Schiene zu werden began, wurde die Bahnlinie Saarbourg-Réding-Straßburg 1956 als erste elektrifiziert; Straßburg-Basel folgte ein Jahr später. Die Elektrifizierung der Bahnstrecke zwischen Straßburg und Paris wurde dagegen erst 1963 abgeschlossen.

Obwohl Straßburg erst 2007 und damit 20 Jahre später als die meisten anderen französischen Metropolen TGV-Anschluss erhält, war der Bereich zwischen Sarrebourg, Straßburg und Belfort das Labor der SNCF für Versuche mit schnellen Zügen. So wird beispielsweise der erste mit Gasturbinen betriebene Schnellzug mit Namen TGV 001 zwischen Straßburg und Bollwiller getestet; er erreichte im Frühjahr 1972 eine Geschwindigkeit von 240 Stundenkilometern. Sechs Jahre später absolvierte auch der erste komplett mit Strom fahrende TGV Sud Est hier seinen Probebetrieb und erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 282 Stundenkilometern. 1980 setzte die SNCF auf der Strecke Straßburg-Mulhouse zusätzliche Zugpaare aus neuen Zügen aus Edelstahl ein, was – nach einem entsprechenden Ausbau des Schienennetzes – 1992 zur Express-Verbindung zwischen den beiden Städten mit 200 Stundenkilometern führte. 1997 ist das Elsass eine von sieben Regionen, die den Betrieb ihres Regionalzugnetzes (TER)vom Staat übernehmen. Während ab der Jahrtausendwende auch die grenzüberschreitenden Bahnverbindungen ausgebaut werden und Straßburg 2007 die TGV-Verbindung mit Paris erhält, dauert es noch bis 2011 bis der TGV Rhin-Rhône die Achse Frankfurt-Straßburg-Mulhouse-Marseille verbindet. Seit 2016 auch der letzte Bauabschnitt der TGV-Strecke zwischen Baudrecourt und Vendenheim fertiggestellt ist, gelangt der Bahnfahrer in einer Stunde und 45 Minuten von Straßburg nach Paris.

Verkaufsoffene Sonntage

Sowohl die Proteste der Gelb-Westen als auch das Attentat in der Straßburger Innenstadt vom 11. Dezember haben die Aktivitäten der Straßburger Einzelhändler in der Vorweihnachtszeit belastet: Einige Einkaufszentren wurden von den Demonstranten blockiert, so dass die Kunden kaum Zugang fanden, andere Kunden mieden das Stadtzentrum komplett. Unter Schock und in Trauer nach dem Attentat vom 11. Dezember, bei dem fünf Menschen getötet und weitere elf teilweise schwer verletzt wurden, waren die Straßburger kaum in Kauflaune. Während die Händlervereinigung vorgeschlagen hatte, am 30. Dezember den Reigen der vier verkaufsoffenen Sonntage im Advent durch einen fünften zu ergänzen oder den Beginn des Winterschlussverkaufs auf den Jahresanfang vorzuziehen, hat die Präfektur eine andere Lösung angeboten: Die Geschäfte können nun am 13. und am 20. Januar öffnen, was bedeutet, dass die Kunden an den ersten beiden Sonntagen des regulären Winterschlussverkaufs einkaufen können und zwar von 10 bis 18.30 Uhr am 13. Januar und von 14 bis 18.30 Uhr am 20. Januar. In diesem Zusammenhang wird auch die Weihnachtsbeleuchtung, die ursprünglich am 13. Januar enden sollte, bis zum 20. Januar verlängert.

Buchungen storniert

Die Bilanz des Straßburger Weihnachtsmarktes ist zweigeteilt: Es gibt die Weihnachtsmärkte vor dem Attentat vom 11. Dezember, das fünf Todesopfer gefordert hat und die danach. In den ersten drei Wochen, also in der Zeit, bevor der Attentäter wahllos Menschen aus nächster Nähe direkt in den Kopf schoss, sei die Innenstadt sehr stark frequentiert gewesen, es waren wohl eher mehr als weniger Besucher als in den Vorjahren gekommen, konstatieren die Tourismusexperten. Als die Weihnachtshütten am 14. Dezember wieder öffneten, war alles anders: Zehn bis 15 Prozent der Hotelbuchungen wurden storniert, vor allem die asiatischen Touristen blieben aus. Organisierte Busreisen fanden meist statt, aber zahlreiche Touristen, die mit dem Zug oder dem eigenen Auto anreisen wollten, entschieden sich offenbar, zu Hause zu bleiben. Am 15. Dezember, am Samstag nach dem Attentat, besuchten viele Straßburger die Weihnachtsmärkte – vor allem wohl um ein Zeichen des Widerstands zu setzen. Um zehn bis 15 Prozent dürfte die Zahl der Weihnachtsmarktbesucher auf die gesamte Dauer von fünf Wochen gesehen eingebrochen sein, schätzt Straßburgs Erster Beigeordneter Alain Fontanel. Eine Bilanz mit konkreten Umsatzzahlen möchte zum gegenwärtigen Zeitpunkt offenbar noch niemand ziehen. Noch ist der Horror zu nah.

Tragischer Tod

Der tragische Tod der 22-jährigen Naomi Musenga Ende 2017 hat nun frankreichweit Konsequenzen: Die junge Frau war gestorben, nachdem sie über Stunden hinweg vergeblich versucht hatte, den Notarzt zu alarmieren: Die Mitarbeiterin in der Zentrale, bei der ihre Notrufe eingingen, machte sich über Naomi Musenga lustig und nahm sie selbst dann nicht ernst, als die junge Frau sagte, sie fürchte zu sterben. Die Aufzeichnungen der Gespräche zwischen der 22-jährigen und der Mitarbeiterin in der Telefonzentrale des Rettungsdienstes wurden nach monatelangem Kampf von Naomis Familie veröffentlicht und rührten die Menschen in ganz Frankreich. Die genaue Ursache für den Tod der 22-Jährigen wird von einer Expertengruppe noch untersucht.

Die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn hat unterdessen angekündigt, dass sich Mitarbeiter in der Telefonzentrale von Rettungsdiensten künftig einer einjährigen Ausbildung mit theoretischen und praktischen Elementen unterziehen müssen. Die Ausbildungsinhalte sind von einer Arbeitsgruppe zusammengestellt worden; erster Ausbildungsbeginn ist September 2019.