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18. Mai 2017

Spaß am Dabeisein und am Gewinnen

Bei herrlichem Wetter starten die Landessommerspiele der Special Olympics in ihren ersten Wettbewerbstag.

  1. Tatjana Raible auf der Reitsportanlage in Offenburg-Bühl: Die Reitsportlerin und SO-BW-Athletensprecherin war Teilnehmerin der Special -Olympics-Weltspiele in Athen. Foto: Ralf Burgmaier

  2. An zwölf über die Stadt verteilten Spielstätten tragen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Wettbewerbe aus: Die Leichtathleten im Schaible-Stadion, die Basketballer in der Sporthalle des Oken-Gymnasiums und die Schwimmer im Hallenbad an der Stegermattstraße (von links nach rechts). Foto: Ralf Burgmaier

  3. Foto: Ralf Burgmaier

  4. Foto: Ralf Burgmaier

  5. Siegertreppchen im Schaible-Stadion Foto: Ralf Burgmaier

  6. 150 Kilo hebt dieser Schwerathlet beim Kraftdreikampf in der Turnhalle der Theodor-Heuss-Realschule (links). Andreas Burgert von der Behindertensportgruppe Offenburg (rechts) ist für die Koordination seiner Teilnehmergruppe verantwortlich. Um zu allen Wettkampfstätten zu gelangen, spannt er ein Elektrozuggerät vor seinen Rollstuhl. Hier besucht er die Radsportler beim Zeitfahren auf dem Offenburger Flugplatz. Foto: Ralf Burgmaier

  7. Foto: Ralf Burgmaier

OFFENBURG. Die Spielkugel zischt an der weißen Setzkugel vorbei. "Das war zu stark, Andreas. Du musst dich konzentrieren", ruft Trainer Andreas Burgert seinem Schützling und Namensvetter aus Oberkirch durch die Nordwesthalle zu. "Nicht an die Freundin denken", setzt Burgert scherzhaft nach. Der Teenager mit Downsyndrom, der gerade die nächste Bocciakugel losschicken wollte, bricht vor Lachen fast zusammen. Es geht bei allem Ehrgeiz nicht bierernst zu bei den Landessommerspielen der Special Olympics (SO) in Offenburg.

Doch es geht auch anders: "Eine halbe Volte, rechts, eine halbe Volte links", ruft die Betreuerin von Melissa Kommandos durch die Reithalle in Bühl. Sie nennt die geforderten Gangarten des Pferdes und die zu reitenden Figuren bei der Dressur. Das Verstehen der Kommandos und deren koordinierte Umsetzung klappt bestens. "Super, Melissa", lobt die Betreuerin die Koordinationsleistung von Mensch und Tier, die auch nichtbehinderten Reitern Probleme bereiten könnte. Als Melissa einen Kreis nach links reitet statt nach rechts, wie angesagt, brummelt die Betreuerin zur Seite: "Ich krieg ne Horrorvision!" Auch wenn es bei den SO mehr um Anerkennung als um Leistung geht, mehr um öffentlichkeitswirksame Präsentation von geistig behinderten Sportlern im wertigen Rahmen, wie Tanja Schragl vom Orga-Team des SO-Verbands Baden-Württemberg erklärt, so lässt sich der Wettbewerbsgedanke nicht verdrängen. Warum auch?

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Warum sollten Menschen, die von Geburt an, durch einen Unfall oder einen Impfschaden geistig eingeschränkt sind, frei sein von Ehrgeiz? Wenn sie merken, dass sie trotz Handicap besondere Fähigkeiten entwickeln können, kommt automatisch die Freude am Wettbewerb.

Tatjana Raibel zum Beispiel. Die Reiterin, die auf dem Reitplatz in Bühl eben das Pferd einer Mitbewerberin für den Wettkampf warm reitet, zählt zu den erfolgreichsten SO-Sportlerinnen aus Baden-Württemberg. Sie war Teilnehmerin bei den Weltspielen in Athen. Bei den Landessommerspielen möchte sie sich für die nationalen Meisterschaften empfehlen. Auch das internationale Parkett lockt. Den Rahmen für so eine Erfolgsgeschichte schaffen die Special Olympics.

Die Idee entstand in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten und hatte es anfangs nicht gerade leicht. Der Versehrtensport hatte als Folge des Zweiten Weltkriegs mit der Masse an Kriegsverletzten einen starken Aufschwung nach 1945. Als dann die ersten geistig Behinderten sich den Versehrtensportvereinen anschließen wollten, hieß es allzu oft ganz brutal: "Was wollen denn die Deppen bei uns." Das berichtet Fritz Wurster. Er ist Vizepräsident des SO-Landesverbands und ein Urgestein der sportlichen Förderung von geistig eingeschränkten Menschen. Die Stärkung des Selbstbewusstseins und des Gemeinschaftsgefühls seien Motivation für Wursters hartnäckige Lobbyarbeit, erklärt er.

In Offenburg spielen solche alten Ressentiments heute keine Rolle. Die Behindertensportgruppe (BSG) Offenburg arbeitet eng mit der Lebenshilfe Offenburg/Oberkirch zusammen, die mit 36 Athletinnen und Athleten eine der größten Teilnehmergruppen bei den Offenburger Spielen stellt. "Die meisten sind beim Boccia dabei", erklärt Andreas Burgert. Der langjährige BSG-Funktionär macht die drei Offenburger SO-Tage bis Freitag als Trainer und Koordinator der BSG-Delegation mit. "Wenn es irgendwo ein Problem gibt, klingelt bei mir das Handy, und ich versuche die Sache zu regeln", erklärt Burgert. Da ist Mobilität gefordert. Für den Rollstuhlfahrer kein Problem. Er montiert einfach sein Elektrozuggerät vor sein Gefährt und los geht die Fahrt. Eben sprechen wir ihn noch im Norden von Offenburg, bei den Bocciawettbewerben in der Nordwesthalle, später treffen wir ihn im Süden der Stadt, auf dem Flugplatz. Dort zwischen dem Containerdorf für Flüchtlinge und den Mauern der Justizvollzugsanstalt ziehen die Radsportler beim Zeitfahren ihre einsamen Runden. Auf dem 2,5 Kilometer langen Kurs über die Landebahnen sind sie in der prallen Sonne des ersten Sommertags dieses Jahres unterwegs. Der schnellste Radsportler geht hier das 40-Kilometer-Zeitfahren mit einem äußerst respektablen 40-Stundenkilometer-Schnitt an.

Neben den Sportfunktionären bilden zahlreiche freiwillige Helferinnen und Helfer das Rückgrat der SO-Organisation. Vor der Waldbachsporthalle warten um 11.30 Uhr Mitglieder der Offenburger Rot-Kreuz-Ortsgruppe auf den Schlüssel. Die Halle ist noch verschlossen und in einer halben Stunde sollen sie doch dort Essen ausgeben, das vom Caterer der Messe Offenburg-Ortenau geliefert wird. Die Hoffnungen ruhen jetzt auf dem Hausmeister der benachbarten Schule.

"Die kommen auch

ohne uns ganz gut zurecht."

Orga-Helferin Christiane Hille
Viele der ehrenamtlichen Helfer sind Schülerinnen und Schüler. Manche sind richtig gefordert, etwa bei der Essensausgabe oder wie die Jungs vom Schiller-Gymnasium, die bei den Gewichtheberinnen und Gewichthebern in der Theodor-Heuss-Sporthalle die Hanteln von Versuch zu Versuch neu bestücken müssen. Die Mädchen der Klassenstufe 10 des Schiller haben dagegen wenig zu tun, bedauern sie. Sie sollen den Sportlerinnen und Sportlern bei Fragen und Problemen behilflich sein. "Aber die kommen auch ohne uns ganz gut zurecht", ist der Eindruck von Schülerin Christiane Hille nach dem Vormittag. Zumindest für die Behindertensportler ist das gut.

Ganz in ihrem Element ist dagegen Inga Schwartz von der 7. Klasse der Freien Waldorfschule Offenburg. Als Mitglied im Reitverein Offenburg geht sie den Reitsportlerinnen und -sportlern auf der Anlage in Bühl zur Hand. "Reitstall ist immer gut", erklärt sie zu ihrer Motivation. Und im Gegenzug für ihr Engagement hat sie drei Tage schulfrei.

Von Athletenseite wird nach den Eindrücken des ersten Tags die Organisation gelobt. Athletensprecherin Tatjana Raible lobt die umfassenden Vorkehrungen auf der Reitanlage in Bühl. "Wenn man sie denn erst einmal gefunden hat . . . ", nennt sie als einzige Einschränkung. Durch die Sanierung der Kinzigbrücke zwischen Weier und Bühl sei die Anfahrt in den Offenburger Ortsteil nicht ganz einfach gewesen.

Mehr Fotos gibt es auf BZ- online: http://mehr.bz/so-sommerspiele

Rahmenprogramm

Bis Freitag, 19. Mai, wird im Bürgerpark das wettbewerbsfreie Angebot von
Special Olympics präsentiert. Das Angebot richtet sich an Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht an den regulären Wettbewerben teilnehmen können. Es steht aber auch allen Besuchern offen. Dabei erwartet die Besucher ein Parcours aus Mitmach- und Spielstationen. Diesen Donnerstag gibt es auf dem Marktplatz eine bunte Messe, bei der sich Einrichtungen der Behindertenhilfe und des Sports präsentieren. Besucher haben die Chance, sich zu informieren und im Rollstuhlparcours, am Kletterturm und bei der Bogensportdemonstration selbst aktiv zu werden. Livemusik sorgt darüber hinaus für Unterhaltung.  

Autor: bz

Autor: Ralf Burgmaier