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11. Januar 2010 15:54 Uhr

Interview

Stefan Krastels langer Marsch von Offenburg nach Berlin

Stefan Krastel pflegt seit elf Jahren seine schwer behinderte Mutter zu Hause und hat deshalb seine gesamten Ersparnisse verloren. Mit einem spektakulären Marsch nach Berlin wollte er auf Widersprüche der Pflegeversicherung hinweisen. Ein Bilanz-Interview.

  1. Stefan Krastel (rechts mit Hund Till) im August 2009 beim Start vor dem Offenburger Rathaus. Foto: Robert Ullmann

  2. Stefan Krastel und seine Mutter Brunhilde, die er pflegt. Foto: Robert Ullmann

OFFENBURG. Im August 2009 ist der Offenburger Friseurmeister Stefan Krastel vom Offenburger Rathaus aus auf Wanderschaft nach Berlin zum Deutschen Bundestag gegangen, um gegen Widersprüche der Pflegeversicherung zu protestieren. Sein Marsch, bei dem Krastel von seinem Mischlingshund Till begleitet wurde, verursacht in den Medien einige Aufmerksamkeit. BZ-Mitarbeiter Robert Ullmann sprach mit dem 42-Jährigen darüber, was er erreicht hat und was von seiner Protestaktion geblieben ist.

BZ: Herr Krastel, fünf Monate danach – was hat der Marsch nach Berlin gebracht?
Krastel (überlegt kurz): Die Erkenntnis, dass Deutschland ein schönes Land ist, mit hilfsbereiten Menschen. Diese Hilfsbereitschaft hat mir Kraft gegeben. Zum Beispiel, dass jemand am Morgen zu meinem Abmarsch zur nächsten Etappe in irgendeiner Stadt kam, um mir Vesperbrote zu bringen. Solche Dinge haben mich berührt, und sie zeigten mir, dass es nicht so verkehrt ist, was ich da grade mache. Ich habe überall viel Solidarität erfahren. Teils von Entscheidungsträgern und Pflegeexperten, teils von pflegenden Angehörigen, aber auch von Menschen, die scheinbar nicht betroffen sind. Ich sage deshalb "scheinbar", weil es eben doch jeden von uns betrifft. Wir müssen uns in der Gesellschaft Gedanken machen, wie wir leben wollen, wenn wir selbst pflegebedürftig werden oder wenn einer unserer Angehörigen pflegebedürftig wird. Die Zeit ist reif für eine solche Debatte.

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BZ: Hat sich ihre persönliche Situation verändert seit Berlin?
Krastel: Nein. Meine Mutter lebt wieder bei mir, ich bekomme wieder Hartz IV. Es ist nur so, dass die Situation immer enger wird. Wir haben nicht mehr das Geringste an Reserven, und das Haus mit der behindertengerechten Einliegerwohnung, in der ich mit meiner Mutter lebe, ist wohl auch nicht mehr zu halten.

BZ: Sie mussten die Sterbeversicherung Ihrer Mutter auflösen, um die Heimunterbringung zu finanzieren für die Zeit ihres Fußwegs nach Berlin. Ist das richtig?
Krastel: Ja, wir mussten diese Versicherung auflösen. Mein Vater, der vor zwölf Jahren starb, hatte die Versicherung noch abgeschlossen. Meine Mutter hätte das Geld mit 87 Jahren ausbezahlt bekommen. Daran ist ersichtlich dass es sich dem Gedanken nach um eine Sterbeversicherung handelt, damit die Beerdigungskosten gedeckt sind. Die Summe war nicht groß, und der Rückkaufswert beträgt 4000 Euro. Von amtlicher Seite wird argumentiert, dass diese Versicherung heranzuziehen sei, weil meine Mutter laut Gesetz, nämlich dem Sozialgesetzbuch XII, nur noch 2600 Euro besitzen darf.

BZ: Frustriert Sie so etwas?
Krastel: Nein, da bin drüber hinaus. Aber es zeigt einmal mehr, dass einiges schief läuft. Für meine Mutter und mich als "Bedarfsgemeinschaft" sind unterschiedliche amtliche Stellen respektive unterschiedliche Sozialgesetzbücher zuständig. Davon gibt es zwölf - und die harmonieren nicht. Wenn wir von einer Stelle etwas kriegen, nimmt es eine andere wieder weg. Ein weiteres Problem ist, dass ich als pflegender Angehöriger einer Schwerstbehinderten nicht in den Arbeitsmarkt vermittelbar bin und somit überhaupt nicht in Hartz IV – das Sozialgesetzbuch II – passe. Aber: Nur ein vermittelter Hartz-IV-Empfänger ist ein guter Hartz-IV-Empfänger.

BZ: Was müsste sich ändern?
Krastel: Wenn ich meine Mutter ins Heim gebe, zahlt der Staat über die Pflegeversicherung und das Sozialamt faktisch so gut wie alles, ungefähr 3000 Euro im Monat. Daheim gepflegt, bekommt meine Mutter circa 600 Euro, und ich bekomme Hartz IV, aber erst, wenn alle meine Mittel aufgebraucht sind. Deshalb mussten wir das behindertengerechte Auto verkaufen. Wenn ich meine Mutter ins Heim gebe, darf ich meine Lebensversicherung sowie mein Erspartes bis 75000 Euro behalten. Man will nicht, dass die nächste Generation verarmt. Aber wenn ich meine Mutter daheim pflege, dann soll ich offenbar verarmen. Dann muss ich alles hergeben, was ich besitze, bis auf die Hartz-IV-Schonbeträge. Das waren 5800 Euro, die schon lange aufgebraucht sind. Ich frage Sie: Wer versteht das? Und das wollen wir ändern. "Wir", das ist der Verein "Wir pflegen", in dem ich Mitglied bin, aber auch viele pflegende Angehörige, die ich auf meinem Weg nach Berlin getroffen habe. Dafür kämpfen wir. Die Sache würde etwa 500 Millionen Euro kosten und viele, viele Stunden Amtszeit einsparen und ebenso viele Heimaufenthalte, welche die Sozialkassen belasten. Es würde den Staat im Endeffekt sogar billiger kommen, als die jetzige Regelung.

BZ: Was sind Ihre Pläne für 2010?
Krastel: Hier in der Ortenau will ich zusammen mit anderen pflegenden Angehörigen sowie mit allen Menschen, die sich beteiligen wollen, einen Kreisverband von "Wir pflegen" gründen. Wir wollen uns vor Ort einmischen, beraten und Öffentlichkeit schaffen. Das Thema muss in die öffentliche Debatte kommen. Mittlerweile werde ich auch zu Pflegedebatten eingeladen. Jüngst war ich als Referent in Jena bei den Thüringer Pflegetagen, oder bei einem wissenschaftlichen Symposium zur Pflege der Robert-Bosch-Stiftung, sowie in Edinburgh, Schottland, um das dortige Pflegesystem kennenzulernen. Allerdings immer ohne Honorar.

Autor: rob