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11. Januar 2016

"Stellen Sie sich einmal vor, Offenburg sei komplett zerstört..."

Als Festredner des Offenburger Neujahrsempfangs entlässt der Sozialwissenschaftler und Publizist Prof. Meinhard Miegel die Gäste nachdenklich ins neue Jahr.

  1. Prof. Meinhard Miegel. Foto: F. Ünver

OFFENBURG (hsl). Selten wohl hat ein Festredner bei einem Offenburger Neujahrsempfang die mehreren hundert Gäste so nachdenklich zum anschließenden Umtrunk im Foyer der Oberrheinhalle entlassen wie Prof. Meinhard Miegel (76). Der renommierte Sozialwissenschaftler, Publizist und Vorstandschef des "Denkwerks Zukunft" hielt seinen Zuhörern nicht nur einen Spiegel vor, er scheute auch nicht davor zurück, sich nach einer gut 50-minütigen Rede mit einem Schreckensszenario zu verabschieden. "Stellen Sie sich einmal für einen Moment vor, Offenburg sei komplett zerstört – Ihr Haus ist weg, es gibt kein sauberes Wasser mehr, keine Elektrizität, keine Schulen..." Demgegenüber höre man von Afghanistan als einem Land, in dem alles gut sei: "Sie machen sich auf den Weg", so Miegel, um gleich die Frage nachzulegen: "Wie steht es um Ihre Paschtu- und Dari-Kenntnisse?" Der Offenburger kommt also sprach- und mittellos in einem völlig fremden Land an und hat Glück. Er trifft dort auf eine hilfreiche Hand. "Wie dankbar würden Sie diese Hand annehmen", fragt der 76-Jährige rhetorisch.

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Zuvor hat der frühere Wegbegleiter des CDU-Generalsekretärs Biedenkopf anhand der Geschichte deutlich gemacht, dass Deutschland immer ein "Durchwanderungsland" war – man denke an die Gastarbeiter aus Südeuropa ebenso wie an die deutschstämmigen Einwanderer aus der früheren Sowjetunion. Sie alle seien – ohne besondere Willkommenskultur – nicht nur aufgenommen, sondern längst Teil dieser Gesellschaft geworden. "Jeder Fünfte unter uns ist Migrant oder hat einen Migrationshintergrund", sagte Miegel. Ein grundlegender Unterschied zur aktuellen Situation: "Die bisherigen Zuwanderer hatten ebenfalls eine christliche Orientierung und standen uns kulturell nah", so Miegel. Bei den Türken sei die Sache zwar "schon etwas schwieriger" geworden: "Aber sie sind integriert." Und die Russlanddeutschen hätten einen ausgeprägten Willen mitgebracht, so zu werden wie die Deutschen.

Das sei bei den aktuell Zuwandernden aus Ländern wie Syrien, dem Irak, Afghanistan oder Afrika anders. Sei seien nicht nur ausgesprochen jung: "Vier Fünftel sind jünger als 35", so Miegel. Sie brächten auch komplett andere Sicht- und Empfindungsweisen mit. Diese gelte es ernst zu nehmen. "Wir werden erleben, wie sich unsere Ordnung und unsere Wertvorstellungen verändern." Schon heute feiere etwa jeder Sechste kein Weihnachten. Und was hierzulande als Korruption betrachtet werde, sei andernorts völlig normal und anerkannter Teil des Alltagslebens. Auch sei etwa die Religion für Deutsche in der Regel eine reine Privatsache: "Ganz anders bei den Zuwanderern." Gleiches gelte für das Verständnis von Mann und Frau und für die Rollen von Jungen und Alten: "Wir sollten nicht leichtfertig davon ausgehen, dass die Menschheit so tickt, wie wir das unterstellen." Zugleich hält es Miegel für sehr unwahrscheinlich, dass sich der Migrationstrend noch einmal umkehrt. Durch die Globalisierung, Digitalisierung und Steigerung der Mobilität sei die Welt zu einem Dorf geworden. Wir in Deutschland hätten bislang die angenehmen Seiten in vollen Zügen genossen – von billigen Rohstoffen bis zu billigen Nahrungsmitteln. "Aber haben Sie einmal bedacht, welche unsäglichen Mühen mit einer Kiste Banane einhergehen, bis sie bei uns ist?" Heute befände sich Deutschland auf dem Gipfel des Wohlstandes: "Viele von uns können sich nicht vorstellen, welcher Glanz Deutschland umgibt – dieses Land zieht Menschen an." Zugleich werde die Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,6 Milliarden Menschen anwachsen – nicht weil die Geburtenraten steigen, sondern weil sich die Lebenserwartung seit etwa 1900 verdoppelt habe. Allein die Bevölkerung Afrikas sei von 520 Millionen Einwohnern 1970 auf aktuell 1,3 Milliarden gestiegen und gegen Ende des Jahrhunderts bei 4,3 Milliarden ankommen. Dass aufgrund des Klimawandels die bewohnbaren Lebensräume zugleich immer enger werden, tue ein übriges. Fazit Miegels: "Ein anschwellender hoher Migrationsdruck wird auf Deutschland lasten."

Autor: hsl