Wenn der Schwarm die Solistin mitreißt

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Di, 24. Juli 2018

Offenburg

Das Ballettstudio Gründler setzt mit "Tanz 2018" in der Reithalle ein künstlerisches Ausrufezeichen.

OFFENBURG. Sie sind ein heimlicher Saisonhöhepunkt: die drei Tanzabende des Ballettstudios Gründler, die alle zwei Jahre über die Reithallen-Bühne wirbeln. Heimlich deshalb, weil bei gefühlt 300 Tänzerinnen und Tänzern die rund 1500 Plätze der drei Abende schneller ausverkauft sind, als man dafür werben könnte. Höhepunkt deshalb, weil hier große Tanzkunst zu erleben ist, die durch ihr absolut routinefreies Premierenfieber eine ungeheure Energie ins Publikum powert.

Die dreistündige Show bringt alles auf die Bühne, was im Studio Gründler gelehrt wird. Das ist auch bei den kleinsten Tanzelevinnen (Leitung Kerstin Wolf) ein Erlebnis, weil selbst ihren teils talentierten, teils umwerfend tapsigen Auftritten derselbe Aufwand an Bühnentechnik zuteil wird wie denen der Großen. Wölkchen, Leuchtquallen, Einhörner, Minions oder die Tänzerchen eines Mozart-Menuetts erstrahlen mit aufwändigen Kostümen zu erlesener Musikauswahl im schönsten Bühnenlicht.

Auch den Evergreens unter den Tanzstilen wird dieser hochwertige Rahmen geboten. So dem Flamenco, den Barbara Cramer als hervorragende Vortänzerin ihrer Truppe mit großer Ausdruckskraft zelebriert. Großartig die Kostüme mit der Bata de Cola genannten Schleppe: zehn Meter Stoff, die, zu einer Art Biberschwanz zusammengerüscht, hinter den Tänzerinnen mit gezielten Kicks herumgewirbelt oder als eine Art virtueller Tanzpartner hochgehalten werden.

Vivian Liebmann ist für die Stepptanzbeiträge bei den Gründler-Abenden zuständig: Die Tendenz zur originellen, stepp-untypischen Musikauswahl setzen sie und ihre Truppe unterhaltsam fort.

Die große HipHop-Welle scheint bei den jungen Frauen durch zu sein. Anders als früher waren Breakdance & Co. 2018 überwiegend männlich auf der Bühne repräsentiert. Vor allem die von Eduard Schmidt trainierte Misteak Crew wuchtete eine Lastwagenladung Testosteron auf die Bühne. Ein wohltuender Kontrast, denn "Tanz 2018", wie die Abende überschrieben waren, ist zu 90 Prozent weiblich. Aber wie!

Es ist seit 1991 das 20. Programm, das Studiochefin Nausikaa Gründler ihren Schülerinnen und Schülern auf den Leib geschneidert hat. Diese lieben offensichtlich ihre Chefchoreografin und -trainerin, weil sie sie so verflixt gut aussehen lässt. Den bis zu 400 Choreographien, die seither entstanden sind, hat sie für Tanz 2018 ein gutes Dutzend neue hinzugefügt. Die Qualitätssteigerung, die ein paar Jahre Gründler-Training schaffen, sieht man schon bei den Schülerinnen der Mittelstufe. In der Violetta- und der Kuckuckspolka oder in "Die neue Stelle" nutzt sie diesen Qualitätssprung für anmutige bis urkomische Nummern. Wie man die Tänzerinnen der jüngsten Förderklasse so richtig motiviert, nämlich indem man sie gemeinsam mit den Großen auftreten lässt, zeigt die Chefchoreografin mit dem Modern-Dance-Stück Rhythm Play, einem der Höhepunkte des Abends.

Die Misteak Crew wuchtet Testosteron auf die Bühne

Die Mittelstufenelevinnen bilden ein senkrecht im Raum stehendes Quadrat. Wie der Chor in der antiken Tragödie kommentieren sie das Geschehen vor ihnen – mit den Bewegungen ihrer Arme. Wie ein Schwarm fliegen diese dramatisch bald hierhin, bald dorthin. Die besten Solistinnen treten in farblich knallig kontrastierenden Kleidern davor und wirbeln ihre umwerfende Energie ins Publikum. Jaqueline Otremba, Stefanie Schaarschmidt, Leonie Näger, Annika Baumann, Sophia Suhm und Sofja Vakulchuk, die auch in anderen Choreografien im Fokus stehen, ziehen hier alle Register ihres Könnens. Höhepunkt ist, wenn der Schwarm Jaqueline Otremba in sich aufsaugt und diese mitgerissen wird. Das hätte auch von Maurice Béjart sein können.

Von diesem Kaliber gibt es vieles: "New Romantic": ein verschmitzt-koketter Flirt mit dem Publikum, "Hijo de la Luna": Poesie pur waren die Pas de Deux mit roten Luftballons, "Drei", der zweite Höhepunkt des Abends: eine fantastische Modern-Dance-Trilogie, die an existenzielle Fragen rührt, "One Woman Army": martialische Demonstration weiblicher Macht mit Shakira-Hüftschwung, "River": melancholisches Fließen mit Stefanie Schaarschmidts Fuettés als Höhepunkt, "Iron": Tanz der Tattoo-Kriegerinnen, "Fever": brandheißer Flirt mit dem Publikum – "What a lovely way to burn!"

Diesen dionysischen (Jazztanz) und apollinischen (Modern Dance) Genüssen stand die reine Luft des klassischen Spitzentanzes gegenüber. Höhepunkt hier: "Le Corsaire" mit einem hervorragenden Solisten Juri Stephan und einem ungemein eleganten Corps de Ballet.