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13. April 2012

Wenn sich das Gefühl des Verstoßenseins einschleicht

Der Autor Eric Breitinger präsentiert in seinem Buch "Vertraute Fremdheit" 16 Gespräche mit Adoptierten / Vortrag in Offenburg.

OFFENBURG. Im vergangenen Jahr erschien im Ch. Links-Verlag ein Buch zum Thema Adoption mit dem Titel "Vertraute Fremdheit", verfasst von dem ehemaligen BZ-Journalisten Eric Breitinger. In einer gemeinsamen Veranstaltung der Evangelischen Erwachsenenbildung und der Volkshochschule präsentierte Breitinger, der selbst im Alter von drei Jahren adoptiert wurde, nun sein Buch einem interessierten, engagiert am Gespräch beteiligten Publikum im Gemeindezentrum der Auferstehungsgemeinde.

Das Thema geht unter die Haut. Bereits der erste gelesene Abschnitt, in dem Breitinger seine Schreibmotivation aus der eigenen Betroffenheit darlegte, die Suche nach dem leiblichen Vater, die Enttäuschung, dass dieser sich nicht interessierte, und die eigene Sprachlosigkeit, rief im Publikum Gesprächsbedarf hervor. So entwickelte sich der von Johanna Renner moderierte Abend rasch eine Eigendynamik, in der die eigentliche Buchpräsentation fast zu kurz kam. Das Buch beinhaltet 16 Gespräche mit Adoptierten, in denen die wesentlichen Facetten dieses Schicksals aufscheinen: Was die Adoptierten miteinander verbindet, das Gefühl des Verstoßenseins, die Suche nach den Wurzeln, was nach einem Wiedersehen mit den leiblichen Eltern bleibt, die doppelte Bürde der Auslandsadoptierten und schließlich die Bewertung der Adoption als Chance. Angereichert sind diese exemplarischen Gespräche mit Fakten aus der wissenschaftlichen Literatur zum Thema, etwa der Einfluss frühestkindlicher Trennungserfahrungen auf das Seelenleben oder mit ergänzenden Zahlen. Außerdem bezieht der Autor Überlegungen zu den weitergehenden, die Identität bestimmenden Formen wie Samenspende, Babyklappe und Leihmutterschaft ein.

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Die Diskussion beförderte schnell die tiefgreifenden, die Persönlichkeit und den Lebensweg bestimmenden Gefühle Adoptierter, aber auch der Adoptiveltern zu Tage: Die Verletzlichkeit des Selbstwertgefühls, die Angst, die neuen Eltern könnten einen wieder fortgeben, das Gefühl, einen Makel zu tragen, anders zu sein, körperlich den sozialen Eltern nicht ähnlich zu sein, umgekehrt den leiblichen Eltern körperlich ähnlich, aber nicht vertraut zu sein, weil keine gemeinsamen Erfahrungen zu Grunde liegen, das Bewusstsein, nicht gewollt gewesen zu sein und nicht geliebt zu werden, oder die Angst, das Kind könne ganz zu den leiblichen Eltern zurückwollen.

Breitinger hatte für seine Gespräche zur Bedingung gemacht, dass die Personen mit ihrer ganzen Identität auftreten, mit vollem Namen. Einen wesentlichen Unterschied für das Zurechtkommen mit dem Schicksal, adoptiert zu sein, macht die Frage der Geheimhaltung beziehungsweise die Offenheit der Adoption, die erst seit Anfang der neunziger Jahre zunehmend praktiziert wird und sich eher positiv auswirkt.

Autor: Susanne Ramm-Weber