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31. Januar 2012

Zartheit und leises Erzittern

Festival-Auftakt zum Jubiläum 25 Jahre Offenburger Ensemble.

  1. Siemen Rühaak las beim Literaturkonzert Adalbert Stifter. Foto: Christian heck

OFFENBURG. Ganz leise Töne zum Einstieg in ein großes Jubiläum wählte das Offenburger Ensemble. Seit 25 Jahren widmen sich rund 30 Künstler – Musiker, Musikerinnen, Rezitatoren – um Gerhard Möhringer-Gross und Uschi Gross der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Dieses Jubiläum feiert das Ensemble nun mit fünf Konzerten, deren erstes am Sonntagmorgen im Offenburger Schillersaal ein Literaturkonzert war, gewidmet dem Schriftsteller Adalbert Stifter (1805 bis 1868) und dem im Karlsruhe lebenden Komponisten Boris Yoffe.

Dessen Komposition "Symphonie" bezieht sich in weiten Teilen stark auf Stifters Werk. Trotz des Titels handelt es sich nicht um ein großorchestrales Werk. Es sind vielmehr Miniaturen, teils nur drei, vier Takte lang, dargeboten von August Wiedemann (Gitarre) Ekkehard Weber (Viola da Gamba) und Dimitri Dichtiar (Barockcello), wobei die Musiker, die als Gäste des Offenburger Ensembles das Auftaktkonzert gestalteten, meist solo oder im Duo agieren. Einzig im Schluss-"Satz" sind sie gemeinsam zu hören, und dann tritt noch die Sängerin Cornelia Melián hinzu.

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Ergänzt wurde dieses Gastquartett durch den Schauspieler Siemen Rühaak, der häufiger bei Literaturkonzerten des Offenburger Ensembles als Sprecher dabei ist. Er stellte der Musik die Vorrede aus Stifters Erzählzyklus "Bunte Steine" voran. "Es ist gegen mich bemerkt worden, dass ich nur das Kleine bilde", liest Rühaak und fährt fort: "Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Grünen der Erde, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß …" Es scheint genau dieses scheinbar Kleine zu sein, das den böhmisch-österreichischen Dichter und den in Russland geborenen israelischen Komponisten Yoffe über anderthalb Jahrhunderte hinweg verbindet. Yoffe gab dem ersten Teil seiner "Symphony" den Titel "Bunte Steine". Es ist eine Reihe winzigster Miniaturen. Der Zuhörer begibt sich für 30 Sekunden in den Klang der Gambe, in dessen Zartheit und leises Erzittern. Dazu ein paar Intervalle auf der Gitarre, gezupft wie voneinander losgelöst. Melodiefragmente schimmern auf, drei oder vier Tonfolgen, an Renaissance oder Barock erinnernd, häufig auch Tonfolgen wie aus unbedarftem Kindergesang einem Anflug aus Pentatonik. Sätze sind betitelt mit "Sechs Entwürfe für Cello" oder "Sechs Entwürfe für Gitarre". Sie sind weniger als Skizzen, schon gar keine Impressionen. Eher kleine Gedanken. Ein "Crapicho" zeigt Hüpfer auf dem Cello, vermischt mit dunklen Strichen. Bei "Ladino" schimmert Generationen alte Tanzlust und Melancholie durch. Und doch …

"Es ist gegen mich bemerkt worden, dass ich nur das Kleine bilde"

All diese Fragmentchen, diese gedanklichen Bemerkungen, all diese Begegnungen von Cello und Gitarre, Gambe und Gitarre, immer voller Ruhe, voller aufmerksamer und anteilnehmender Betrachtung, lassen ein Gesamtes entstehen, einen "Zusammenklang", eine Symphonie. Zum Ende des Werks hören wir halb gesungene, halb gesprochene Gedichte von der Vergänglichkeit: Vergänglich ist alle Betrachtung, vergänglich ist das Betrachtete, vergänglich sind wir.

Das nächste Konzert des Offenburger Ensembles zum Jubiläum folgt am Samstag, 4. Februar, 17 Uhr, Schillersaal Offenburg. Es ist Kammerkonzert mit Werken unter anderem von Friedemann Treiber, Manfred Weiß, Jörg Widmann.

Autor: rob