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13. September 2017

Zeugen einstiger Macht der Religion

Zum Tag des offenen Denkmals gab es am Sonntag in Offenburg Führungen durch sakrale Architekturen über und unter der Erde.

  1. Nazarenische Brandbilder von Adam und Eva auf dem Gestühl in der Marienkapelle des Klosters (links), die an den Kreuzgang (rechts) anschließt. Foto: Judith Reinbold

  2. Foto: Judith Reinbold

  3. Die Gruft der Kapuziner unter St. Mattias war seit zehn Jahren erstmals wieder zu besichtigen (links). Die Marienkapelle am Kreuzgang des Klosters Unserer Lieben Frau (rechts) ist für Besucher normalerweise ebenfalls nicht geöffnet. Foto: Judith Reinbold

  4. Foto: Judith Reinbold

OFFENBURG. Erstmals seit zehn Jahren war die Gruft der Kapuzinermönche in der St. Mattias Kirche am vergangenen Sonntag wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Drei Offenburger Eigentümer besonderer Bauten beteiligte sich am Tag des offenen Denkmals, das bundesweit durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz koordiniert wird. Neben der St. Mattias Kirche und Führungen im Kloster Unserer Lieben Frau, war auch das jüdische Ritualbad, die Offenburger Mikwe, am Sonntag geöffnet. Unter dem Motto "Macht und Pracht" waren in Offenburg diese drei Orte ausgewählt worden.

Die altkatholische Gemeinde in Offenburg hat momentan 80 Mitglieder, in ganz Deutschland sind es rund 17 000 Anhänger. Nach dem ersten Vatikanischen Konzil 1870 hatten sich einige Katholiken zusammengeschlossen, die die Unfehlbarkeit des Papstes nicht anerkennen wollten. Daraus bildete sich im Laufe der Zeit eine Bewegung, die ihre eigenen Regeln bekam – heute können in altkatholischen Gemeinden auch Frauen Priester werden und ob ein Priester das Zölibat leben möchte, kann er frei entscheiden.

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In Offenburg ist Timo Vocke Pfarrer der St. Mattias Kirche. Das Gebetshaus, das ursprünglich für Kapuzinermönche erbaut worden war, ist seit Ende des 19. Jahrhunderts im Besitz der Altkatholiken. Am Sonntag waren viele Offenburger neugierig in die St. Mattias Kirche gekommen. Zum ersten, weil diese nur selten geöffnet hat, zum zweiten aber auch, weil sie zusammen mit dem dazugehörigen Kapuzinerkloster im Innenhof des heutigen Grimmelshausen-Gymnasiums das älteste Ensemble der Stadt ist. Zwischen 1641 und 1647 erbaut, überlebten Kirche und Kloster den Stadtbrand von 1689 als einzige Gebäude unversehrt.

Bernhard Link, Vorsitzender des Kirchenvorstandes der St. Mattias Gemeinde, führte am Sonntag zweimal Gruppen von Interessierten durch die alten Räume und fand: "Viele Menschen haben zu diesem Gebäude eine Verbindung, sei es aus Schulzeiten oder anderweitig. Das merkt man an den Nachfragen sehr häufig." Dadurch erfahre auch er selbst, der auf ehrenamtlicher Basis durch die Kirche führe, immer wieder Neues. So hatte er vergangenes Jahr beispielsweise von einem Kapuzinermönch erfahren, dass es sich bei dem Gemälde rechts vom Altar keineswegs wie bisher angenommen um Antonius von Padua handelt, sondern dass Felix von Cantalice, der erste heiliggesprochene Kapuzinermönch, abgebildet sei.

Das Kloster öffnet die Klausur zum Tag des offenen Denkmals

Die Gruft, in der 46 Mönche beigesetzt sind, sahen die Besucher meist trotzdem zum ersten Mal und stellten neugierige Nachfragen. Das letzte Mal war sie geöffnet gewesen, als die St. Mattias-Kirche vor zehn Jahren erstmals Teil des Programms zum Tag des offenen Denkmals war. Wie ökumenisch das Kirchengebäude an sich ist, wurde den Besuchern beim Betrachten der nachträglich eingesetzten Kirchenfenster klar: Es wird an Menschen verschiedenster Konfessionen erinnert, die sich etwa gegen Nationalsozialisten einsetzten.

Neben der gut besuchten und schon oft besichtigten Mikwe war auch das Kloster am Sonntag zweimal zu Führungen von Mutter Martina Merkle geöffnet worden. Allen, die die Kirche noch nicht kannten, war spätestens nach Betreten der Klosterkirche klar, warum das Motto in diesem Jahr vor allem im Hinblick auf Pracht wie auf diese Kirche zugeschnitten schien. Mutter Martina erklärte dann auch, wo die originale, spätgotische Kirche noch zu sehen ist und welche barocken Teile nach dem Stadtbrand hinzugekommen sind.

Die Besucher waren aber besonders von dem beeindruckt, was selbst bei Gottesdiensten nicht zu sehen ist: Der Kreuzgang und die daran anschließende Marien-Kapelle. "Das ist das Herzstück unseres Klosters", erklärte Mutter Martina stolz. Neben detailreich gefertigten Brandbildern an der Rückenlehne eines jeden Sitzplatzes, die Episoden aus Neuem und Altem Testament nacherzählen, beeindruckte auch die mit Engeln liebevoll gestaltete Decke der kleinen Kapelle, in der die Augustiner Chorfrauen noch heute regelmäßig beten.

Neben Anekdoten aus dem Alltag des Klosters und der Schule, lies Mutter Martina aber auch die Gelegenheit nicht ungenutzt und kritisierte die immer häufiger fehlende Erziehung in der Familie sowie eine aus ihrer Sicht verfehlte Schulpolitik. Insgesamt waren bei beiden Führungen zusammen etwas mehr als 110 Menschen gekommen.

Autor: Judith Reinbold