Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
13. März 2009 16:00 Uhr
Amoklauf-Drohungen in Kippenheim und Achern
Haftbefehle gegen die beiden Trittbrettfahrer
Nach Amoklauf-Drohungen in Kippenheim und Achern hat die Polizei heute zwei junge Männer festgenommen. 140 Polizeibeamte waren im Einsatz. Die jungen Männer erwarten Haftstrafen. Außerdem müssen sie den Polizeieinsatz bezahlen.
Die Trittbrettfahrer haben mit ihren Amoklauf-Drohungen massive Polizeieinsätze in der Ortenau ausgelöst. An der Kippenheimer Schule waren nach der Amokdrohung im Internet hundert Polizisten im Einsatz. Ein 16-jähriger ehemaliger Schüler wurde als Urheber identifiziert und bereits festgenommen. "Ich mach Amoklauf morgen in Kippenheim auf die Schule – ich mach euch alle kaputt". Mit diesem Interneteintrag in einem Chat-Room hat die Aufregung in der Nacht begonnen. Wie die Staatsanwaltschaft Offenburg und die Polizeidirektion Offenburg in einer Presseerklärung mitteilen, hat das Führungs- und Lagezentrum der Polizeidirektion Offenburg vom Polizeipräsidium Wuppertal um 2.18 Uhr den Hinweis auf die Äußerungen im Chat-Room bekommen. Weil es in ganz Deutschland nur ein Kippenheim gebe, sei die Örtlichkeit bald zweifelsfrei klar gewesen, so die Polizei. Verständigungsmaßnahmen und erste Überprüfungen liefen umgehend an.
Noch in der Nacht wurde die Schulleiterin Barbara Kempf informiert, die wiederum vorab das Kollegium informiert habe. Mit einem massiven Polizeieinsatz an der Schule sollte die Sicherheit der Schüler gewährleistet werden: Es gab Sichtkontrollen beim Einlass, dann wurde der Unterricht aufgenommen. Schulleitung und Lehrkräfte hätten besonnen reagiert, so die Polizei. Es sei ein Morgen voller Aufregung und Angst gewesen, sagte Schulleiterin Barbara Kempf in einem ersten Kommentar. Weiter wollte sie sich zu den Ereignissen nicht äußern.
Werbung
Zwischenzeitlich seien die Ermittlungen nach dem Besitzer des Computers gelaufen, von welchem aus gechattet worden war. Als Urheber der Nachricht stellte sich ein 16-jähriger aus dem Ortenaukreis heraus, der bereits durch mehrere Straftaten aufgefallen ist. Er verfügt nach Aussage der Polizei auch über ein gewisses Gewaltpotenzial. Weitere Ermittlungen ergaben, dass der Jugendliche bereits vor Jahren von der Schule verwiesen worden war.
Die Polizei gab eine sofortige Fahndung nach dem Jugendlichen heraus, der um 9.40 Uhr widerstandslos festgenommen werden konnte. Er habe keine Waffen bei sich getragen. Seine Wohnung wurde durchsucht und der Computer beschlagnahmt.
Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Offenburg hat das Amtsgericht Haftbefehl gegen den 16-jährigen erlassen. In der richterlichen Vernehmung zeigte sich der Jugendliche geständig. Er wollte nur "einen Scherz" machen. Nun sitzt er in der Justizvollzugsanstalt Müllheim ein. Die Staatsanwaltschaft Offenburg wird noch heute Anlage erheben. Somit wäre ein Termin für die Hauptverhandlung wegen "Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten" nach § 126 StGB bereits übernächste Woche, also in der 13. Kalenderwoche möglich. "Wir wollen gerade nach den schrecklichen Geschehnissen in Winnenden ein deutliches Zeichen setzen, dass damit nicht zu scherzen ist", so der Leitende Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer.
Zivilrechtliche Schritte hinsichtlich einer Erstattung der Einsatzkosten werden von Reinhard Renter, dem Leiter der Polizei in der Ortenau, erwogen: "Bei solchen Einsätzen mit zig eingesetzten Kollegen, Fahrzeugen, und dem gesamten Aufwand kommt auch noch eine ordentliche Rechnung auf den jungen Mann zu."
Nach einer mündlichen Drohung wurde auch die Grund-, Haupt- und Werkrealschule in Achern abgeriegelt. Am Morgen soll ein 19-jähriger Gewalt gegen zwei Schüler der Schule und einen dann folgenden Amoklauf angedroht haben. Der junge Mann wurde im Rahmen der Fahndung festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden und der Bezirksdienst Achern übernahmen die Ermittlungen.
Um 8.45 Uhr teilte eine Schülerin der Schule mit, dass der junge Mann auf dem Schulweg ihr gegenüber die Drohung ausgesprochen habe. Verständigungsmaßnahmen und erste Überprüfungen liefen umgehend an. Die Polizei sicherte sofort das gesamte Schulareal, nahm Kontakt mit der Schulleitung auf. Die Grund- und Hauptschule mit über 600 Schülern in 28 Klassen verfügt über 50 Lehrkräfte. Der Unterricht war in vollem Gange und wurde auch nicht unterbrochen. Der Schulleiter Edgar Gleiß informierte und instruierte in der gebotenen Ruhe und Gelassenheit ausstrahlend die Schüler und das Kollegium. Die Schüler mussten die große Pause zu ihrer eigenen Sicherheit in ihren Klassenzimmern verbringen. Polizeibeamte durchsuchten sämtliche Räume. Zwischenzeitlich lief die Großfahndung nach dem 19-jährigen, der nie auf diese Schule ging. Er wurde in der Innenstadt festgenommen. Er hatte zu dem Zeitpunkt keine Waffen bei sich und leistete keinen Widerstand. Folge-Ermittlungen ergaben, dass der junge Mann amtsbekannt ist.
Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden und der Bezirksdienst des Polizeireviers Achern übernehmen die weiteren Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob ein Haftantrag gestellt wird. Die Polizei war mit 40 Beamten im Einsatz. Der Unterricht verlief durch das geschulte und besonnene Verhalten aller Beteiligten im gewohnten Rahmen weiter.
Für die beiden Trittbrettfahrer könnte es teuer werden. "Das ganze ist kein Spaß und die Konsequenzen sind bitterernst", sagte Oberstaatsanwalt Stefan Wirz, Sprecher des baden- württembergischen Justizministeriums, der Deutschen Prersseagentur am Freitag. Ein Trittbrettfahrer müsse mit empfindlichen Strafen rechnen. "Diese gehen bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe." Außerdem könnten in solchen Fällen "erhebliche Schadenersatzforderungen" auf den Täter zukommen, sagte Wirz. "Der Polizeieinsatz und die Evakuierungskosten können sehr teuer werden und dann ist der Täter oft ein Leben lang damit beschäftigt, seine Schulden abzustottern." Ein 19-Jähriger der im Dezember 2006 eine Offenburger Schule bedroht hatte, bekam vier Wochen Arrest und eine dicke Rechung: 50000 Euro muss er für den Polizeieinsatz bezahlen – sobald er Geld hat.
Autor: bz
