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11. Februar 2014 08:24 Uhr

KRASNAJA POLJANA

Was passiert nach Olympia mit der Skisprunganlage?

Die Kosten für das olympische Schanzenzentrum Russki Gorki sind in in astronomische Höhen geschnellt: Von bis zu 270 Millionen Euro ist die Rede. Doch wie geht es mit den Schanzen weiter?

  1. Aus dem Boden gestampft: Die Skisprunganlage Russki Gorki Foto: dpa

100 Jahre lang sollen sie halten, die olympischen Wettkampfanlagen am Schwarzen Meer und im Kaukasus. So hat es Russlands Präsident Wladimir Putin versprochen. Betrachtet man allerdings die stählernen Stützanker, die die Russen vorsorglich in die Betonwände des Auslaufs der beiden Olympiaschanzen getrieben haben, so dürfte sich Putins Prognose zumindest an diesem Ort als sehr optimistisch erweisen.

Aus den Wänden rinnt rostbraunes Wasser, an einigen Stellen hat der olympische Beton Falten gebildet. Die ganze Anlage geriet angeblich schon ins Rutschen, denn das kaukasische Gestein soll an dieser Stelle sehr locker sein. Die Russen wählten eigens ein besonders windgeschütztes Seitental einen Kilometer südöstlich von Krasnaja Poljana für die Wettbewerbe der Skispringer aus. Im Prinzip eine gute Idee. Angeblich fehlte den Geologen dann aber die Zeit, das Gestein vor dem Bau in dem außergewöhnlich steilen Hang genauer zu untersuchen.

Astronomische Kosten fürs Schanzenzentrum

Die ganze Kaukasus-Region nördlich von Sotschi, berichtete die Internetzeitung Russland Aktuell schon vor einem Jahr, sei aus geologischer Sicht "völlig ungeeignet für Großbauten". Reparaturen trieben die Kosten für das Schanzenzentrum Russki Gorki mittlerweile in astronomische Höhen. Je nach Quelle ist von 200 bis 270 Millionen Euro die Rede. Das ist das Zehn- bis Zwanzigfache dessen, was eine neue Anlage heute in Deutschland kosten würde. Kritiker spotteten, wenn die Schanzen weiter abrutschten, stünden sie eines Tages ja vielleicht tatsächlich am Schwarzen Meer – und Putins Traum von Olympia unter Palmen würde sich auf diese ganz besondere Weise verwirklichen.

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Die vier olympischen Wettbewerbe der Skispringer und die drei Wettkämpfe der Kombinierer sollte Russki Gorki bei diesen Spielen allerdings noch aushalten. Der erste ging am späten Sonntagabend über die Bühne, der Pole Kamil Stoch siegte und wurde von seinen Teamkollegen dafür auf Händen getragen. Nie zuvor in der Geschichte Olympias war ein Wettkampf im Skispringen so spät angesetzt worden: um 21.30 Uhr russischer Zeit. Weit nach Mitternacht verließ das deutsche Team den Ort des Geschehens, und im Pressezentrum wurde noch bis 2.30 Uhr gearbeitet. Die Lichter gehen in Russki Gorki gar nicht erst aus.

Auch das olympische Debüt der Skispringerinnen wird an diesem Dienstag erst dann beginnen, wenn die Athletinnen normalerweise schon zu Bett gehen: um 21.30 Uhr (ARD live, 18.30 Uhr). Ein Jahrzehnte währender Kampf um Gleichberechtigung im Sprungsport ist dann Geschichte. Überhaupt ist Olympia Zug um Zug weiblicher geworden. In nahezu allen Disziplinen treten mittlerweile sowohl Frauen als auch Männer an. Nur die Nordische Kombination bleibt jetzt noch eine Männerdomäne.

Die älteste Skispringerin im deutschen Team, Ulrike Gräßler, ist eine der Frauen, die über Jahre hinweg für die Aufnahme ihres Sports in den olympischen Kanon gekämpft hatten. An diesem Dienstag gehört die 26-Jährige zwar nicht mehr zu den Kandidatinnen für eine Medaille.

"Aber sie ist die Erfahrenste im Team, zu der die Jüngeren aufschauen", sagt Bundestrainer Andreas Bauer. Noch am Montag war nicht klar, ob Gräßler fit genug sein wird, um heute zu starten. Wegen einer fiebrigen Erkältung hatte sie am Wochenende aufs Training verzichten müssen.

Eine Teenagerin im deutschen Team

Und auch Gianina Ernst, mit erst 15 Jahren die jüngste Olympia-Teilnehmerin bei den Spielen in Sotschi, meldete sich am Montag mit erhöhter Temperatur ab. Die "kleine Gianina", wie sie fürsorglich im deutschen Team genannt wird, will aber unbedingt im Wettkampf starten. "Olympia ist einzigartig, das Gefühl kann man gar nicht beschreiben", sagt sie. "Es gibt so viele Sachen zu entdecken." Es sei ein Risiko gewesen, die Teenagerin nach Sotschi mitzunehmen, erklärt Bundestrainer Bauer. "Aber sie ist das größte Talent, das wir in Deutschland haben. Sie wird von diesem Großereignis profitieren."

Die Medaillenhoffnungen im deutschen Team ruhen an diesem Dienstag auf der sieben Jahre älteren Carina Vogt vom SC Degenfeld. Sie stand bei 13 Weltcups in diesem Winter achtmal auf dem Podest. "Carina springt um die Podestplätze mit", sagt Bauer. Wobei es sich dabei vor allem um jene Stufe handelt, die für Platz drei reserviert ist. Gold-Kandidatin Nummer eins bleibt nach ihren überragenden Leistungen in diesem Winter die Japanerin Sara Takanashi. Schon am Montag war das Medienzentrum überwiegend mit japanischen Journalisten bevölkert. Die einzige Konkurrentin wird wohl die Österreicherin Daniela Iraschko-Stolz sein.

Am Mittwoch greifen die Nordischen Kombinierer mit dem St. Märgener Fabian Rießle auf Russki Gorki ins olympische Geschehen ein, und am Samstag sind wieder die Spezialspringer mit Andreas Wank aus Breitnau dran. Nach seinem zehnten Platz am Sonntagabend dürfte Wank sowohl für die Entscheidung auf der Großschanze als auch für das Teamspringen am Montag gesetzt sein.

Insgesamt fallen bis zum 20. Februar sieben Gold-Entscheidungen in dem Seitental hoch über Esto Sadok. Danach wird dem Schanzenensemble womöglich jenes Schicksal beschieden sein, das auch die olympische Anlage Pragelato westlich von Turin aus dem Jahr 2006 ereilte: Auf ihr wurde nach den Spielen nie wieder gesprungen.

Autor: Andreas Strepenick